August Broil an Marga Ortmann, 1. Februar 1943

Galtür, den 1. Februar 1943.

Du liebe Marga!

Still ist es geworden in mir. Ich sehe in das Halbdunkel des Abteils hinein. Die Gesichter der Mitreisenden kann ich nicht erkennen, nicht ob Freude oder Kummer, ob Spannung oder Mattheit in ihnen ist. Auch sie können nicht in meinen Gesichtszügen lesen; denn es ist wie eine Hülle um mich, die Dunkel umhängt, innen aber hell erleuchtet ist, unerkennbar für die Menschen um mich. So war es eine feine Reisenacht.

Hellen Tag ist in Ulm. Nicht leuchtend, strahlend. Er ist sanft aus dem Dunst emporgestiegen und läßt alle Hoffnung offen, daß er groß zu werden vermag. Oft sah ich die Bilder des Münsterturmes von Ulm. Heute sah ich ihn wirklich. Sein Maßwerk und seine Fialen, seine kunstvoll strebenden Bogen waren nicht zu erkennen; er war nur da wie ein Aufstreben zu Gott. Gleichnishaft war mir, daß seine Spitze, in den Dunst hineinragend, nicht zu sehen war: erdenschwerer Stein, von Menschenhand geformt, ragt hinein in den schwerelosen, zwischen Himmel und Erde schwebenden Dunst. Sind wir erdenschweren Menschen nicht gleicher Formung fähig?

Das Tageslicht hat nun auch die Menschen um mich im Abteil hell gemacht. Es sind keine lauten Menschen. Sie hängen ihren Gedanken nach, die sie still machen. Eine liebe Mutter fährt mit zwei frischen

blonden Mädchenkindern ins Gebirge. Ein Soldat kehrt nach dem Urlaub ins Lazarett nach Lindau zurück. Ein junges Paar ist sich herzlich zugetan.

Der Dunst hat sich von der Erde gelöst. Die Sonne strahlt über den Bergen. Wie Kristalle stehen die weißen, klaren Gipfel und Grate gegen den blauen Himmel. Tief senkt sich Bild um Bild der vorbeiziehenden Landschaft in das Herz. Noch einmal leuchten, erst goldfunkelnd, dann rotglühend die Schneegipfel, als der Postwagen schnaubend durch das enge stille Tal in die Nacht hinein dem Ziele zustrebt.

Nun bin ich nach einem kurzen Jahre wieder hier. Es sind die gleichen Berge, die Sonne hat die gleiche leuchtende Kraft, des Himmels Blau ist wieder majestätisch tief und nah, gleich hinter den weißen Gipfeln. Und doch ist es ein Anderes, und das Andere ist in mir und jetzt von mir aus. Es ist der Glanz eines bewegten, klingenden Herzens, der hinzugekommen ist.

Und nun lasse ich es klingen, und es soll immerfort klingen, ob hell oder dunkel, ob froh ob traurig, ob glückvoll oder schmerzlich. Ja, es soll klingen und nicht mehr dumpf hämmern oder schrill aufbegehren. Ja, es soll klingen, und die Wellen des Klingens sollen hinausgetragen sein und hinschweben zu Dir, gleiches Klingen zu zeugen.

Gott hat mir etwas so Tiefes, mich innerlich Umwälzendes geschenkt; ich kann es noch nicht fassen und glauben,

daß es mir gelten soll. Wie ein Kind stehe ich vor dem Unfaßbaren, und wie ein Kind muß ich es hinnehmen, kindhaft unbeschwert glaubend: Gott, gütiger Vater, Du allein schickst Deinen Kindern immer das Rechte.

Marga, ich will sagen: meine Marga! Nun wollen wir beginnen, bewußt und kraftvoll. Gott hat den Anfang gesetzt, mit ihm wollen wir wirken.

Dein August.

Kleine Skiwanderung nach Mattern.

Die ganze Nacht hat es mit stürmender Kraft geschneit. Auch heute morgen waren die Berge im Schneetreiben nicht zu sehen. Gegen Mittag reißt das Gewölke auf, und der Schnee fällt nur noch in leichten, wirbelnden Flocken. Von Zeit zu zeit blinkt die Sonne schüchtern über den Gipfel. Ich liebe den sanften Dunst, der die Höhen einhüllt. Dabei läßt sich herrlich Schönes ahnen. Es kann eine blanke Sonne geben, und es kann wieder düster werden vor Schnee. Allein kann ich das am besten erleben, denn nichts stört Empfindung und Glück des Schauens. Auf tiefverschneitem Waldweg zieht sich meine frische Spur. Über die tiefer stehenden Tannen hinweg sehe ich das jenseitige Gebirge zuweilen durchblinken. Immer wieder muß ich stehen bleiben und die Stille in mich aufnehmen wie eine lang entbehrte Kostbarkeit. Einmal geht es durch ein lichtes Lärchenwäldchen hinab. Diese Lärchen und das wundersame Licht! Die unteren Äste schimmern schon satt grün. Wie ein starkes Frühlingsatmen geht es durch meine Seele. Mit unwiderstehlicher Gewalt drängt es sich in mich. Eine Brücke führt über den Bergbach aus dem Wald. Bachauf und bachab sanfte Wogen gedämpften, feierlichen Lichtes! Es birgt die suchende Seele wie eine sanfte Hülle.

Du Vater droben hast dieses alles geschaffen, uns, Deinen Kindern, zu eigen gegeben, damit ihre gejagten und

gehetzten Herzen ruhig werden können, in Stille Deiner inne werden können. Wie schaffst Du und wirkst Du in allem! Wie herrlich sind Deine Werke! Bist Du der gleiche große Vater, der gute, der solch unvorstellbare Kriegsnöte herabsendet? Der die Menschen schlägt, daß sie sich winden in Schmerz und Not? Herrgott, wie ungeheuer ist Dein Wirken. Nie können wir Dich fassen, nie Deine Wege begreifen. Doch wollen auch diese Gequälten und Geprüften leben, doch denken auch sie an Deine Macht, und sie glauben unerschütterlich daran, daß Du sie erhörest. Vielleicht spüren sie erst in ihrer tiefsten Not Dich wahrhaft nahe.

O Mensch, öffne dich Ihm, gehe hin zu Ihm; denn Er ist da, und einst werden alle Hüllen fallen.

3/2.43.