August Broil an Marga Ortmann, 7. März 1943

Kottbus, am Sonntag
Quinquagesima

Meine liebe Marga!

Heute, am Sonntag, komme ich zum ersten Male dazu, Dir einige Zeilen zu schreiben. Die ganze Woche über sind wir in den Dienstplan als Rekruten so eingespannt, daß man sich dazu kaum einmal Zeit nehmen kann. Eine Woche ist es her, daß ich eingezogen bin, aber Soldat bin ich damit noch lange keiner. Erst einmal haben wir in Aachen nur Formalitäten und dergl. Dinge mitbekommen, und dann sind wir nach Kottbus verschickt worden. Die Fahrt nach Kottbus verlief sehr gut. Im Zuge sind wir gut verpflegt worden mit kräftiger Suppe und Kaffe. Abends in Berlin haben wir in einer Kaserne Quartier gefunden, und am anderen morgen ging es weiter nach Kottbus.

Einige kleine Erfahrungen habe ich als junger Rekrut in der Kaserne des Regiments Großdeutschland machen können. Fast ausschließlich junge Kerle sind zum Regiment Großdeutschland abgestellt. Die Offiziere und die Vorgesetzten sind sehr erstaunt, daß man solch verhältnismässig alte Leute nach Großdeutschland geschickt hat. Man kann hier mit uns nichts rechtes anfangen und wir werden deshalb in den nächsten Tagen wieder abgeschoben, wahrscheinlich nach Aachen zurück. Wenn uns auch, die wir noch nicht Soldat waren, manches am Leben in der Kaserne sonderlich vorkommt, so ist im ganzen gesehen eine Zucht und Ordnung, eine Sauberkeit auf das Peinlichste, die ihresgleichen sucht, und die manchem jungen Kerl und auch „altem Sack“ – so werden wir

hier genannt – notwendig ist. Man darf natürlich bei allem, was hier geschieht nicht danach fragen, ob man das innerlich not hat oder ob man inneren Widerstand dagegen verspürt, sondern man muß sich dahineinstellen und mitgehen und die Notwendigkeit einsehen, dann geht es ganz gut. Und wenn alles klappt, alles in Ordnung ist, alles glatt abläuft, das tut gewiß gut. Die Mittel, wie dies erreicht wird, mögen vielleicht nicht so nett und angenehm sein, bringen aber das zuwege, was erstrebt wird.

Heute hatte ich Gelegenheit, im Text der Sonntagsmesse zu lesen. Es ist ein kleiner Ersatz für das Mitfeiern des Opfers selbst. Der Meßtext enthält die herrliche Epistel aus dem Paulusbrief über die Liebe: Das Hohelied der liebe. Können wir je diese hohen

erhabenen Gedanken ganz erfassen, und nicht nur das, sondern diese Gedanken zur Wirklichkeit machen für unser Leben. Wir wollen daran arbeiten und uns darum bemühen. Besonders ich selbst muß noch sehr viel nachdenken darüber. Ich bin ja noch so verschlossen in meiner Selbstsucht und Eigenliebe. Wie schwer ist mir oft mit den Menschen. Ich werde in meiner Soldatenzeit darin viel lernen können.

Liebe Marga, wir sind jetzt ganz darauf angewiesen, unsere Gefühle und Gedanken im Briefe einander zu sagen. Das ist zum Teil schwerer und zum Teil leichter als das mündliche Sich-Gegenüberstehen. Gerade das aber soll uns nicht Hindernis sein in unserem gemeinsamen Tun und auf unserem Wege, wenn er so für uns bestimmt ist. Wir wollen ganz offen und klar zueinander reden und uns das

schreiben, was wir füreinander verspüren. Die Trennung, die uns zugedacht worden ist, soll ja, wie ich Dir auch am Abschiedsabend sagte, dazu verhelfen uns, und ganz besonders mich, weiterzubringen, näher zu Dir zu bringen. Sie soll nicht so sein, daß wir nun jeder für sich dastehen und warten, sondern wir wollen in dieser Zeit ganz intensiv weiterarbeiten, auf das gemeinsame Ziel hin, damit wir, wenn die Zeit reif ist und die rechte Gelegenheit uns dazu gegeben ist, mit festen Händen zupacken können. Das soll der Sinn und Zweck unserer Briefe sein und der Arbeit, die wir jetzt an uns leisten. Ich glaube, daß Du mich recht verstehst und daß Du mir dazu viel helfen wirst. Wir wollen fest auf die Zukunft bauen.

Nun sage ich Dir herzlich frohe Grüße, und ich wünsche Dir viel Gutes

Dein August

Grüße Deine Eltern und die Freunde.

Meine Anschrift werde ich Dir schreiben, wenn wir am neuen Platz endgültig angelangt sind.