August Broil an Marga Ortmann, 28. März 1943

Aachen, den 28/3.43

Meine liebe Marga!

Heute ist wieder Sonntag. Eine Woche lang ist seit dem Zusammensein am vorigen Sonntag vergangen. Dazwischen kamen Deine Briefe zu mir her, und sie mußten zunächst alle ohne Antwort bleiben. Voll Sehnsucht wirst Du Tag um Tag gewartet haben. Aber das geht nicht anders zu machen, denn der Dienst die Woche hindurch gibt keine Zeit, etwas Gutes zu schreiben. Du weißt es, Marga, und freust Dich, mir trotzdem so vieles und feines schreiben zu können.

Wir haben die Woche hindurch wieder fleißig gearbeitet, oft im Gelände mit Schwung und Heidi[?]. Die Woche ging so rasch vorbei. Jetzt ist der Sonntag da. Du, ein Sonntag so voller Überraschung. So zufällig hörte ich, daß in der Exerzierhalle das hl. Opfer gefeiert werden solle. Bei einigen Kameraden zündete es wie ein Blitz. Schnell aufgemacht, und zu dreien waren wir noch gerade früh genug. Sehr fein war der Altar hergerichtet mit Frühlingsblumen, die über eine Sprossenwand gedeckt waren. Die Soldaten standen im großen Viereck

um den Altar. Sie sangen und beteten gemeinsam und erlebten alle sehr tiefes und feines. Ich konnte das Glück und die innere Wallung kaum fassen, so nahe ging mir dieses Erleben ans Herz. Der Geistliche sprach einfache, passende Worte zur Fastenzeit, wie sie auch von Soldaten gelebt werden kann. Vielleicht ist das harte Leben eine Buße für die eigene Schuld oder darüber hinaus stellvertretende Sühne für die kämpfenden und sterbenden Freunde draußen.

Diese Woche erhielt ich einen Brief von meiner Mutter. Sie sorgt sich ja sehr um ihre Jungens. Aber es ist auch eine tiefe Freude in ihr. Auch über uns beide hat sie das rechte Wort gefunden. Gott überläßt sie unser Glück und sie wünscht uns von sich aus für das Leben eine gute Gemeinsamkeit. Das ist ja auch unser gemeinsamer Wunsch.

Du schreibst von den Schwierigkeiten, die es Dir bereitet, all das auszudrücken im Brief, was Du im Inneren verspürst. Dieser Schwierigkeiten bin auch ich mir bewußt, und es wird nur ganz wenige begnadete Menschen

geben, die es vermögen, das Innere vollkommen auszudrücken. Das ist nicht die einzige Schwierigkeit. Mag auch das Innere noch so vollkommen ausgedrückt sein, so kann es immer noch unverstanden ins Leere treffen. Das aber ist das Ausschlaggebende: Nicht ob das Wort das Innere so vollkommen wiedergibt, sondern ob es ganz gesagt sein will und dann auf fruchtbaren Boden fallen kann. Es muß klingen und wiederklingen. Darum, liebe Marga, mache Dir keine Sorgen darüber, ob Du es nicht so sagen kannst wie Du es möchtest. Du sagst es immer gut, wie Du es sagst, weil ich zwischen dem Gesagten so ungeheuer viel lesen kann, gerade das, was Du sagen möchtest. Darum bitte ich Dich, liebe Marga, schreibe es immer so, dann ist es gut; denn ich werde es richtig lesen.

Eines bereitet mir bei dem Briefwechsel Gedanken. Ich bin zu sehr der Nehmende und Du die Gebende. Ich kann kaum etwas zurückgeben von dem, was Du mir

zu geben vermagst. Ich habe darüber nachgedacht und ich glaube, es ist jetzt richtig so. Was ich jetzt geben kann, ist eigentlich nur mein Da-sein, davon kann ich Dir immer wieder sagen und Kunde geben. Und das befruchtet Dich so, wie es notwendig ist für unsere Gemeinsamkeit. Wenn dann andere Verhältnisse uns andere Möglichkeiten geben, dann wird uns ein anderes Schreiben möglich sein.

Diese Gedanken will ich Dir in den heutigen Sonntagsbrief hineinschreiben.

Gestern abend erhielt ich Deinen Brief, in dem Du schriebst, daß die Eltern heute kommen möchten. Ich hatte ihnen schon bestellen lassen, daß sie am nächsten Sonntag kommen sollten. Dann ist hier in der Kaserne ziemliche Freiheit (Tag der Wehrmacht). Vielleicht macht ihr es so, daß ihr zu dreien kommt. Das wäre ein feines Wiedersehen, besonders jetzt, wo wir uns alle schon besser kennen.

Heute will ich auch versuchen, einen Brief an Deine Eltern zu schreiben, damit auch Deine Eltern Klarheit haben und offen gesprochen werden kann.

Marga, in der Freude auf ein baldiges Wiedersehen bleibe ich im Herzen Deiner gedeckend

Dein August