August Broil an Marga Ortmann, 7. April 1943
Aachen, den 7/4.35 [richtig: 1943]
Du, meine liebe Marga!
Gerade ist Dein Brief zu mir gekommen. Ich habe gute Gelegenheit ihn zu lesen, denn es ist Fliegeralarm, und da sitzt die ganze Kompanie in den Luftschutzräumen. Nun habe ich einmal Gelegenheit, Dir, wenn auch unter erschwerten Umständen, zu antworten. Stell Dir vor wie ich auf dem Bett sitze, die Gasmaskenbüchse als Unterlage benutzend, um mich erzählende, rauchende, auf die Entwarnung wartende Soldaten. Und doch macht dieser Brief mir Freude, denn er geht an Dich, und ich weiß wie Du Dich über alles, sei es auch das Kleinste und Unscheinbarste freust.
Du denkst über den Sonntag so fein, und er war auch so fein. Du meinst, wir hätten zuviel des Sonntages für uns verlangt. Ich glaube aber, daß wir uns Mühe gegeben haben, auch den Eltern gerecht zu werden. Es ist nicht leicht zu entscheiden, ob nicht Gedanken und Sorgen
manches zurückgedrängt haben, was sonst offenbar geworden wäre, ob nicht gerade das Stillesein ein Zeichen des dankbaren Beieinanderseins ist. Darum liebe Marga, wollen wir uns keine Gedanken machen, weil ich glaube, daß alles gut war und weil ich weiß, daß die Eltern alles recht verstanden haben.
Marga, es ist schwer für unsere lebenden Mitmenschen einen Sinn in die Zusammenhänge der Dinge zwischen Gut und Böse zu bringen. Warum ist sind solche Gegensätze möglich: Furchtbare, körperliche Leiden, drängende quälende, seelische Schmerzen. Man sollte glauben, ein Irregehen wäre nicht mehr denkbar unter dem Druck der Schmerzen. Und doch geht die Menschheit in die Irre. Gott läßt das zu. Er ist unendlich langmütig, und wir wissen nicht seinen Plan und wie das Furchtbare, das Sündhafte im Weltgeschehen in diesen Plan eingebaut ist. Gewiß leiden die kämpfenden und sauberen Menschen. Vielleicht ist gerade dieses Leid ein Ausgleich, ein Gutmachen.
Ich weiß aus meiner eigenen Lebenserfahrung, was es um den weitgreifenden Plan Gottes auf sich hat. Mein Leben war nicht immer so klar und froh wie es jetzt ist. Es war lange Zeit erdrückend schwer für mich, und ich habe unter der Gewalt des Bösen schwer zu kämpfen gehabt. Und doch mußten die Tiefen überschritten werden, um in das Gute und Freie zu gelangen. Und doch wissen wir auch da nicht Endgültiges. Die einzige Sicherheit ist unser unverbrüchliches Vertrauen, daß doch im letzten Ordnung ist.
Es ist Zeit, und wir können unendlich dankbar sein, wenn uns solche Einsicht geschenkt wird. Und ich glaube fest, daß die Verbindung zwischen uns ein großes Geschenk ist, um uns auf dem rechten Weg zu erhalten. Wir müssen uns mit unverminderter Kraft daranmachen, die Tiefe und Weite der Verbindung auszubauen, sie in allen Stürmen zu festigen. Unsere Zeit ist dazu geschaffen, daß diese Festigkeit und Stetigkeit wächst.
Nun ist der Brief im Luftschutzkeller doch nicht fertig geworden. Heute abend soll der Rest
geschrieben werden.
Ich sehe manchmal in diesen Tagen in mein Inneres hinein und vergleiche es mit dem jener Zeit des Freiseins. Ich glaube, daß die Wellen in jener Zeit höher geschlagen haben und die Täler tiefer waren; der vielfachen, immer sich ändernden, immer anders auf mich andrängenden Dinge waren oft zu viele, und ich wurde manchmal ihrer nicht Meister. Jetzt ist ein Gleichmäßigeres, Ruhigeres in mir. Viele sonst schweren Dinge bleiben mir jetzt fern. Die Soldatenzeit ist sicher heilsam, wenn auch manche Not leidet. Immer wieder kommt es letztlich darauf hinaus, daß alles gut ist, wenn wir es nur als gut erkennen. So werden wir auch alle Dinge meistern können.
Marga, wenn nicht alles trügt, ist am Sonntag Stadturlaub. Endlich das, worauf wir uns schon lange freuten. Wenn es Wirklichkeit wird, dann rufe ich vorher an. Die Freude darauf läßt uns die Tage schneller vergehen. Ich grüße Dich in dieser Freude herzlich
Dein August