August Broil an Marga Ortmann, 15. April 1943

Aachen, den 15/4.43.

Meine liebe Marga.

Heute hatten wir Marschtag. Es war ein herrlicher Frühlingstag, warm und sonnig. Bei dem langen, etwas anstrengenden Marsch konnte das Herz sich so oft erfreuen. Herrlich blühende Obstbäume vor dunklen Hauswänden. Jungfrische Wiesen und ein fröhlicher Wind. Gewiß wäre es fein gewesen in Ruhe und Beschaulichkeit all die feinen Dinge auszukosten. Nun aber hieß es marschieren, marschieren. Aber die Augen waren weit offen, selbst noch unter den Gläsern der Gasmaske. Siehst Du Marga, es ist so wie Du schreibst: Auch in der ernstesten und unangenehmsten Lage in Mühsal und Not kann man immer noch das Schöne finden. Vielleicht gerade da besonders, weil es sich dort behaupten muß.

Seit Sonntag habe ich schon zwei Briefe von Dir bekommen. Immer wieder geht es mir mit Deinen Briefen so, daß sie mir so ungeheuer viel zu sagen vermögen, mir helfen können in mancher schweren Lage. Wie oft hast Du meine Lage recht erkannt, und das richtige Wort dazu gefunden. Ich spüre wie Dein ganzes Sein aus den Tiefen spricht, ein Sein, daß sich zu mir entschieden hat und seine ganze Liebe mir zuwendet. Diese Liebe muß von Kräften getragen sein, die übernatürlichen Ursprunges sind, weil solcherart Kraft herausspricht. Es tut mir oft wehe, daß meine Lage es nicht zuläßt, auf alles, was Du mir gibst zu erwidern. So schöpfe ich immer aus dem vollen, während ich Dir nur spärlich geben kann. Doch glaube ich darüber richtig zu

denken, wenn ich sage, daß es notwendig ist für unser beider richtige Entwicklung im Hinblick auf das hohe Ziel der Gemeinschaft in Christus. Die erstreben wir beide und mühen uns darum. Dir, glaube ich, ist als Frau eine große Aufgabe und Sendung übertragen durch diese Zeit hindurch. Darum kann ich getrost das Opfer auf mich nehmen, zu warten, zu verhalten, Dich Wirken zu lassen. Damit wirkt ja in mir auch das, was wir brauchen für unsere Gemeinschaft. Du wirst mich Dir auftun, Du wirst mein Herz Dir immer mehr öffnen. Ich spüre so oft, wenn Du mir wieder helfende, wirkende Worte schriebst, wie es mich drängt, Dir einmal und immer alles zu sagen, Schweres und Ernstes, von dem mein Leben manchmal hart geformt wurde. Sieh Marga, wenn uns in der Zeit der Trennung dieses Glück geschenkt wird, daß wir ganz offen und ganz klar uns gegenseitig erkennen lernen, dann können wir wirklich als von einem erreichten Ziele sprechen,

das wir nicht hoch genug erkaufen können, und dessen Preis dann auch wirklich recht ist.

Meine liebe Marga, nun geht die Woche wieder dem Tag des Herrn zu, dem Palmsonntag und der Karwoche entgegen. Bald wird dann Ostern sein. Wie werde ich mich freuen, wenn wir dann viele, viele Stunden zusammen sein können, hoffentlich wir beide ganz für uns. Wir wollen die Gnaden der Karwoche und des Osterfestes recht stark und oft erflehen und uns verdienen. Wie groß ist es dann, wenn der Herrgott uns gewährt, in solcher Gnadenfreude Gemeinsames zu tun.

Wenn es möglich ist, Marga, werden wir jetzt am Sonntag uns darauf vorbereiten, sei es jeder für sich oder gemeinsam. Vielleicht wird es notwendig sein, wenn Du diesen Sonntag zuhause bleibst, weil Du es vor Deiner Familie tun mußt.

Ich rufe Dich vorher noch an.

Du Marga, in der herzlichen Freude, die Du mir bereitest grüße ich Dich

Dein August

(Nach dem anderen Brief Ausschau zu halten ist beim Militär vergeblich – nichts feststellbar)