August Broil an Marga Ortmann, 18. April 1943
Am Palmsonntag
Meine liebe Marga.
Schwester Gertrud ist eben wieder abgereist. Ich mußte sie allein in die Stadt schicken, weil wir noch keinen Ausgang hatten.
Welch unfaßbar schöner Frühlingssonntag. Die Erde jubelt wie das Volk am Palmsonntag. Du weißt wie mein Blick ringsum geht. Groß und schön ist die Welt geworden. Der dunstige Wald färbt sich hell und dunkel. Blühend stehen Obstbäume davor oder helle, leuchtende Birken. Wie aus schönen Fernen, deren Herrlichkeit nur erahnt wrden kann leuchtet es in den beengten Kasernenhof hinein, und es macht die Seele weit und groß. Ihre Augen, ihre Sinne gehen hinaus in die Fernen und keine Enge, keine Bedrücktheit ist mehr da. Sollte überhaupt eine
solche Beengtheit möglich sein für Menschen, die wie wir so herrliches zu sehen die Gnade haben? Sind nicht unsere Seelen immerfort so weit und groß und damit lachend und froh, weil wir wissen, in welchen Fernen ihr Ziel und ihre Heimat liegt?
Jetzt stehen wir am Anfang der Karwoche. Sie zeigt unserem Leben das, was unser Leben immer sein wird: Kreuztragender, leidender Mensch. Ostern aber steht dahinter in seiner Freude, Herrlichkeit und Pracht. Ist das nicht immerwährendes Sinnbild unseres Lebens und aller Dinge, die wir erleben, wenn wir sie wahrhaft tief erleben: Aus der Beengtheit des Jetzt in die Weite des Endes.
Liebe Marga, von solchen Erlebnissen ist gerade das Soldatenleben reich erfüllt.
Zwei Erlebnisse der vergangenen Woche
zeigen das so schön, daß ich sie Dir sagen muß.
Marschtag: Die Kompanie marschiert festen Trittes in den jungen Morgen hinaus. Streng ist die Ordnung des Marschierens. Streckenweise setzen wir die Gasmaske auf. Das Fliegerdreibein auf dem Rücken drückt zuweilen, und gegen Mittag wird die Sonne warm, man spürt den Stahlhelm. Aber es ist so fein über dies schöne Land zu gehen wenn auch über Asphalt und Pflaster. Wie es weit daliegt in seiner Frühlingsfrische, wie die Sonne glänzt in den blühenden Bäumen, selbst durch die Fenster der Gasmaske.
Nachtübung: Wir marschieren in die Dämmerung hinaus. Sonst sehen wir selten das Herabsinken der Nacht. Aber heute kann ich es so herrlich erleben. Kann die Tiefe des Claudius-Liedes tiefer erlebt werden, als wenn das lang entbehrte nun wie ein Ge-
schenk zu uns kommt. Ich liege im taufeuchten Grase neben einer dornigen Hecke, das Gewehr im Anschlag. Der Mond scheint ruhig aus den balligen Wolken. Drüben im schwarzen Wald soll der Feind liegen. Wo ist jetzt die Enge, wo Drill und Dienstgebundenheit? Es zwingt zum Gebet aus der eigenen Tiefe in die Unendlichkeit. Herrgott Du lebst über uns, mit uns, in uns, immer bist Du gegenwärtig, nun aber tut sich ein klein wenig Deine Gegenwärtigkeit auf, aus der Enge spannt sich die Seele in die Weite.
Sieh, meine Marga, wie richtig Du geschrieben hast, wenn Du sagst, daß wir lernen müssen, die scheinbar leeren Stunden auszufüllen. Nicht immer sind wir dazu fähig, aber wir können es lernen, wir müssen es immer wieder versuchen, dann werden wir viele stille Freude haben und unser Inneres formen lernen.
Dies alles zu erleben und zu fühlen, wäre ich vor Zeiten nicht fähig gewesen. Gewiß habe ich auch da in mich aufgenommen, und aus dem fortwährenden Eins- zum andern ist ja schließlich das geworden, was heute in mir lebt. Aber es war oft wie eine Kluft zwischen Körper und Geist, zwischen Wollen und Tun. Nun macht es mich oft so froh, daß eine gewisse Einheit im Innern ist, an der ich nun bauen und arbeiten werde. Gott möge mir helfen, daß ich es fertig bringe, das recht Erkannte und Erlebte zu erhalten. Ich weiß, liebe Marga, daß Du mir dazu helfen wirst und kannst, und ich weiß auch, daß Du mir dazu gegeben worden bist.
Nun gehen wir dem Osterfest mit Freude entgegen. Bitten wir den Herrn innig um seine reiche Gnade zum rechten Erfassen der österlichen Geheim-