August Broil an Marga Ortmann, 27. April 1943
Aachen, am Osterdienstag.
Meine liebe Marga!
Glücklich und froh bin ich gestern abend zu Kaserne zurückgekehrt. Das soll der erste Gedanke sein, den ich Dir in diesem Briefe sagen will. Ich habe heute noch etwas Zeit zum Schreiben, weil wir doch nicht ausmarschieren.
Das heilige und hohe Fest hat einen wunderbaren und gesegneten Abschluß gefunden. Ich bin Dir so dankbar, daß Du Dir so viel Mühe um mich gemacht hast; denn Deiner Initiative ist der schöne Abschluß des Festes zu verdanken. Sieh Marga, Du hast Di so gewünscht, mich froh machen zu können, Dein ganzes Sehnen geht dahin, mir zu helfen. Da ist nun das Helfen, das Frohmachen wie es garnicht schöner und feiner sein kann. Vielleicht ist es so, daß meine Art es nicht leicht erkennen läßt wie mein tiefstes Inneres beschaffen
ist, vielleicht ist es sogar so, daß ein äußeres grobes Gehäuse das eigentliche Innere nicht erkennen läßt. Wenn ich Dir immer sagen könnte, was ich in manchen Stunden Tiefes und Frohes erlebe, ganz tief für mich allein, ohne davon etwas sagen zu können oder auch nur andeuten zu können, wie es wirklich ist. Fast immer ist es beim Menschen so, daß die eigentliche Wirklichkeit schwer zu erkennen ist, weil sie so tief im Innern steckt, weil sie sich verbirgt wie ein scheues und zartes Geschöpf. Ich weiß, daß Du nach dieser Wirklichkeit suchst, und Du wirst sie finden; denn das soll ja der Sinn unserer tiefen Gemeinschaft sein, das wirkliche Innere zu finden.
Wie wir zu diesem Inneren vordringen und daß wir recht zueinander gelangen, das ist unsere schwere und verantwortungsvolle Aufgabe. Du hast selbst schon häufig dieses Schwere empfunden, wie sich zwei Menschen
gegenübertreten, wie es klingt von Herz zu Herz hinüber und wie doch ein jedes in sich verschlossen bleibt. Du hast auch früher schon davon geschrieben, wie jeder eine in sich stehende Persönlichkeit ist und sein soll, und wie der volle Wert dieser Persönlichkeit bleiben soll. Allerdings hat jede Persönlichkeit ihre Eigenart, oft ihre eigene Art, zuweilen fehlerhaft und menschlich unzulänglich. Sie kann dies alles nicht einfach abschütteln, sondern es kostet einen mühevollen Kampf, die hemmenden Persönlichkeitswerte gegen die fördernden und eigentlichen Werte auszumerzen. Das schreibt sich alles klar und einfach als ob wir es nur so zu tun brauchten und dann wäre alles da. Aber im Leben selbst ist ja alles viel verzwickter und verwickelter. Da überschneiden sich Möglichkeiten und Fähigkeiten, Wollen und Können. Wir kommen immer auf das eine hinaus, daß
das Leb en ein ständiges Suchen und Tasten ist, ein fortwährendes Improvisieren, und wir können uns freuen, wenn wir zuweilen einen frohen, ganz kleinen Augenblick haben, in dem wir ganz tief ineinanderschauen können. Solche Augenblicke sind groß in all ihrer scheinbaren Bedeutungslosigkeit, doch sie tragen so weit und spannen Brücken über die Tiefen und die weiten öden Ebenen.
Darum, meine liebe Marga, wir können immer froh sein und immer Hoffnung haben, und wir müssen in allen Stunden diese Hoffnung zu halten suchen.
Für heute, meine Marga, grüße ich Dich in großer Dankbarkeit und in einer stillen Freude, deren der Herr mich teilhaft gemacht hat
Dein August