August Broil an Marga Ortmann, 16. Mai 1943

Bremen, am Sonntag, dem 16/5.1943.

Meine liebe Marga.

Es ist wieder Sonntag, und zum Sonntag kam mir Dein lieber langer Brief mit so vielen Gedanken.

Jetzt im Augenblick ist Mittagszeit gewesen, aber wir sind noch nicht zur Ruhe gekommen, und es fällt mir schwer, Dir recht zu antworten. Denn im Bau ist noch ein nettes Theater im Gange. Eine Anzahl Leute der Batterie ist beim Appell aufgefallen – etwa 120 Mann. Sie werden nun hinaus- und hineingescheucht, müssen jedesmal in anderem Aufzug draußen erscheinen. Die am schnellsten wieder zurück sind, sind erlöst, bei den anderen geht der Tanz voran. Wir sind auf der Stube die „Lachenden“ und helfen den Kameraden so gut es geht. Vielleicht sind wir beim nächsten Mal auch dabei.

Dazwischen muß man sich die Gespräche auf der Stube anhören. Es sind fast alles ältere Leute. Wir glauben von allen, daß sie bisher im Leben ihre Pflicht getan haben und daß sie sich ihre Hände mit Schwielen verarbeitet haben. Wer dabei seinen frohen Mut nicht verliert, der hat wirklich ein frohes Herz. Und der Krieg dauert schon fast vier Jahre, und die Flieger werfen die Häuser und Menschen der Heimat zuschanden. Und ein

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gut Teil des alten Theaters ist wohl immer noch notwendig. Wenn aber die kurzen Stunden solcher „Sonderausbildung“ vorüber sind, dann kommen sie doch alle mit lachenden Gesichtern an, und schnell sind diese Dinge vergessen. Aber es schmerzt doch, dies mit anzusehen.

Noch geht das Rundlaufen weiter. Ich will Dir in der Zeit noch etwas vom sonstigen Dienst erzählen, was Dir gewiß mehr Freude machen wird, weil auch mir der Dienst an sich Freude macht. Es ist natürlich hier wie überall beim Militär: ohne [..] und Drill geht es nicht. Man kann wohl anders kaum eine größere Zahl Menschen auf eine solch festbestimmte Art hin erziehen, daß sie alle unbedingt sicher und zuverlässig das tun, was ihnen vorgeschrieben ist. Wenn das alles klappen und aufeinander eingespielt sein soll, weil davon der Erfolg einer Kampfhandlung abhängt und sehr oft das Leben des Soldaten, dann nimmt man allen Dienst und „Dunst“ gerne hin. Und vor allen Dingen besteht der Dienst ja nicht nur aus „Dunst“, sondern es gibt vielen sehr interessanten Dienst. Die Ausbildung an den modernen Geräten ist so, daß ich sogar vieles von dem verwerten kann, was ich früher in der Schule gelernt habe, z. B. mathematische Kenntnisse. Auch sind die Ausbilder so – ich schrieb Dir ja schon davon, daß man mit Ihnen zusammen arbeiten kann. Es kommt ihnen im Grunde nicht darauf an, sich

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in gutes Licht zu setzen und „anzugeben“, wie man so schön sagt, sondern sie wollen, daß wir etwas lernen und etwas können. Die Methoden sind vielleicht manchmal nicht so, wie man selbst sie für richtig halten würde, aber dafür sind wir Soldaten, und gerade als Soldaten müssen wir lernen und wissen, daß die eigenen Gedanken und Wünsche erst zu allerletzt an die Reihe kommen. Das ist notwendig so; denn anders käme keine Einheit zustande wie man sie braucht. Soldat ist man ja nicht nur beim Militär, Soldat ist man ja immer, im ganzen Leben. Er muß als solcher Soldat in seinem ganzen Leben wissen, daß er klein und still sein muß mit seinen egoistischen Wünschen, und daß er trotzdem immer kämpfen muß, auch wenn er für sich selbst weder Erfolg noch Ziel sieht. Wenn er sich nur in dem großen Wirken und Geschehen eingebettet weiß, das nicht er sondern der Wille Gottes bestimmt.

Im Dienst vergehen die Tage im Fluge. Der Rhytmus des Dienstes bleibt sich gleich: Wecken in der Frühe um 6 Uhr – also ein wenig günstiger als in Aachen – Ausbildung und Unterricht in regem Wechsel, „Mittagsmal“ um 11 Uhr. Das Essen selbst ist wirklich schmackhaft zubereitet, meist viel besser als in Aachen. Ich weiß allerdings nicht, ob es daran liegt, daß es einem so wenig vorkommt. Aber dann muß man halt wieder auf Tauschgeschäfte ausgehen. Auch der Nachmittag verläuft abwechslungsreich, und der Appetit wird

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dabei zum Abendbrot hin sehr gesteigert. Samstag und Sonntags hat man dann die Möglichkeit, in der Stadt beliebige Mengen Ausgleichsmahlzeiten zu sich zu nehmen. Es ist natürlich wieder so, daß ich der einzige Kaufmann in der Stube bin, und daher werde ich mit allen vorkommenden schriftlichen Arbeiten betraut. Dafür bin ich vom sonstigen Dienst auf der Stube befreit worden. Auch auf der Schreibstube habe ich aushelfen müssen. Du siehst, liebe Marga, das jetzige Soldatenleben verläuft im ganzen gesehen gut für mich und damit auch für Dich; denn ich weiß wie sehr es Dich freut, wenn Du mich gut aufgehoben weißt.

Nun ist der „Maskenball“ langsam abgeebbt. Der Sonntag-Nachmittag ist schon weit vorgeschritten; die Sonne leuchtet und frisch geht ein heller Wind. Ich will die kurzen Nachmittagsstunden benutzen und nach Bremen hineingehen, um dort zu schauen. Nachher will ich dann, wenn es still ist in der Stube, am Brief weiterschreiben.

Am Sonntagabend war es zu spät, den Brief noch weiter zu schreiben. Nun ist es schon Dienstag, und ich will heute fertig werden mit dem Brief. Du sollst nicht so lange warten müssen; denn Dir geht es genau so wie mir: Jede Post wartest Du mit Spannung ab: Ist etwas dabei?

Am Sonntag Nachmittag habe ich wieder eine gute Weile in dem Kirchlein zubringen können. Es war ganz

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einsam und still dort. Viele Gedanken sind mir beim sinnenden Beten durch den Kopf gegangen. Es war Muttertag; vorn brannten Lichter am Bildnis der Gottesmutter. Das Denken kreiste um die eigene Mutter, um die zahllosen Mütter alle und nicht zuletzt um die Mutter, die einst – so wollen wir es hoffen, Mutter unserer Kinder sein wird. Große, heilige Jungfrau und Mutter; Du kannst ihnen allen helfen, denn Du hast alle Not, alles Leid aber auch alles Glück einer Mutter selbst erlebt. Darum weißt Du ihnen zu helfen, wenn sie sich unter Deinen Schutz stellen. Es kamen mir die Gedanken an uns beide an unsere Gemeinsamkeit, besonders an mich in dieser Gemeinsamkeit. Sieh, meine Marga, ich meine immer wieder, daß mir des Glückes zuviel wird durch Dich. Ich weiß sicher von Dir, daß Du jetzt schon – erst im Anfang unseres Weges – vieles an Opferfreudigkeit und Bereitschaft gezeigt hast; daß Du körperlich und seelisch alles, was nur irgend möglich war, auf Dich genommen hast. Dein Beten für mich ist – so spüre ich es, - von einer tiefen, bestürmenden Kraft. Dagegen stehe ich, wenn ich in mich hineinschaue, oft so leer und schal da. Ich frage mich immer wieder: Kann ich denn

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garnichts Wirkliches tun für Dich, etwas, das mir von innen heraus Kraft und Freude gibt. Das machte mir in diese stillen Stunde viele Gedanken. Vielleicht wird es so sein, daß man auch die Zeiten solcher Möglichkeiten der Bewährung und Hinopferung seiner selbst abzuwarten hat in Geduld und sicherer Erwartung. Man muß sich wohl dessen bewußt sein, daß man diese ruhige Zeit gewissenhaft dazu nutzt, Kräfte zu sammeln für die kommende Zeit.

Deinem Brief legst Du die Niederschrift der Gedanken von Dr. Frotz zum 2. Sonntag nach Ostern bei. Damit hast Du mir wirkliche Freude bereitet. Als ich an jenem Sonntag den Liturgie-Text las, da wurde mir ganz dunkel bewußt, das ich etwas von jenen Gedanken noch in mir hatte; leider konnte ich den rechten Zusammenhang nicht mehr zurechtbringen. Nun sind mir die feinen Gedanken wieder klar.

Deine Gedanken über Dich selbst als Frau und über das Wesen der Frau überhaupt beeindrucken mich immer so sehr. Du siehst die Zusammenhänge ganz richtig. Alles Reden und Schreiben, alles Zerlegen in Probleme und Zerpflücken der Schwierigkeiten ist zwecklos, wenn der Urgrund des Wesens Frau nicht wahr und einfach ist. Die Frau steht doch einfach da in ihrer ganzen Tiefe. Sie läßt die Dinge wachsen und werden

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wie das Leben in ihr natürlich und schön wächst. Sie ist in ihrer Art nicht größer und nicht kleiner als der Mann, sondern sie trägt ihren eigenen Lebensrhytmus, der den des Mannes ergänzt. Als Gott den Mann erschaffen hatte, gab er ihm die Gefährtin zur Seite: das Weib; und alles, was er geschaffen hatte, war gut. Als die vom Schöpfer eingesetzte Gefährtin ist ihre geheiligte Sendung durch Menschendenken oder Menschen-Bemühen nicht abzuleugnen oder zu entstellen. Die Sendung bleibt. Wir Menschen müssen allen Irrungen zum Trotz trachten, den Ruf der Sendung zu folgen.

Meine Marga, nun ist es bis zum Absenden des Briefes doch Mittwoch abend geworden. Es ist wieder in lauter Stube entstanden. Heute muß ich

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ihn abschicken; denn inzwischen ist Dein Brief über den schönen Samstag in Wuppertal angekommen. Er hat mir wieder viel Freude gemacht.

Für heute, meine Liebste, herzliche frohe Grüße

Dein August