August Broil an Marga Ortmann, 23. Mai 1943

Bremen, den 23/5.43.

Meine liebe Marga,

es ist jetzt Sonntag Mittag vorbei, und weil ich heute mit einer Anzahl Kameraden wegen eines Sonderkommandos in der Kaserne in Bereitschaft bleiben muß, habe ich mich still ans Fenster gesetzt, um Dir zu schreiben. Der Blick aus dem Fenster geht über den Kasernenhof hinweg. Gegenüber, zwischen Exerzierhalle und Kasernenblock tut sich ein Streifen Grün auf. Die Pappeln schwanken im lauen Wind des jungen Sommers. Ein paar rote, frische Ziegeldächer, über denen der kleine kreuzgekrönte, trutzig quadratische Kirchturm meines Kirchleins hervorschaut, runden das Bild. Die ganze Woche über glänzte die Sonne hell vom blauen Himmel, heute hat sich ein lichter Wolkenschleier vor das Blau gezogen. Vom anderen Fenster aus ist der

Blick noch abwechslungsreicher. Zwischen den Kasernenblocks hinweg sieht man über eine weite Strecke Grün bis nach Bremen. Besonders schön ist dieser Blick in der Abenddämmerung. Silhouettenhaft steht dann das schöne, türmereiche Stadtbild vor dem ruhevollen Firmament, das sich so gütig und sicher darüberspannt. Ähnliche Gedanken wir die in Deinem Briefe über den Frieden des Abends und der Nacht kommen dann über mich. So habe ich schon immer den Hereinbruch der Nacht, diesen weihevollen Übergang mit seiner kaum faßbaren Stille und Ruhe überaus geliebt. Vielen Menschen, auch Dir, wird es so ergehen. Warum ist das wohl so? Das Hasten und Sorgen des Tages, dieses oft verkrampfte Gebundensein an die Dinge der Welt in ihrer scheinbaren Wichtigkeit hat vorerst ein Ende gefunden. Vor uns steht dunkel und undurchdringlich

die Nacht mit ihrem Ungewissen und ihren Tiefen. Der Abend ist dann die Zeit des Überganges, des Zwischenseins. Sind wir Menschen in unserem ganzen Leben nicht immer in diesem Stadium des Überganges? Wenn wir ganz still mit uns selbst werden und dann in unsere Tiefen hineinschauen, dann gewahren wir, wie losgelöst unser Wesen im Grunde doch ist, wie die Hoffnung und das Sehnen und die Erwartung den größten Teil unseres Daseinskerns ausmachen, wie wir hingebreitet sind auf ein schwankendes Boot und stets im Hinüberfahren sind an das feste Land der Sicherheit und endgültigen Ordnung. Wenn der Abend in seiner Schönheit und Stille sich über das Land legt, dann läßt er uns symbolhaft die Tiefe und Schwere und doch auch die Feinheit und Zartheit dieses menschlichen Daseins inne werden. Das ist, so glaube ich, die rechte Sinn-Erfüllung eines solchen

Abend-Erlebnisses. Der Gedanke vom Abendfrieden ist dabei mehr untergeordnet und nennt mehr das äußere, schöne Bild. In diesem Frieden und seiner Stille allerdings erst werden wir unsere eigene Tiefe und unser Wesen gewahr.

Kurz hintereinander kamen mir drei Deiner Briefe. Wenn ich noch die Fülle der Gedanken, die leuchtende Kraft der in Worten wiedergegebenen Erlebnisse in Deinen Briefen immer ganz nachdenken und nacherleben könnte! Ich sehe den liebenden Blick, der mir entgegenströmt, ich spüre die suchende Hand. Aber um mich lärmen Soldatentritt und Kommandoruf. Sie wollen das Zarte und Feine Deiner Briefe schier erdrücken. Oft ertappe ich mich dabei, daß ich einfach fassungslos stehe oder daß ich garnicht lesen kann. Ich sage Dir das ganz offen, meine Marga. Es tut mir dann sehr leid um Dich und auch um mich. Weißt Du, wie man solche Briefe recht lesen

müßte: In der Dämmerung und Stille des Abends, jenes Abends von dem ich Dir eben schrieb. Dann könnte immer das Dunkel und die Höhe der Nacht kommen. Meine liebe Marga, es tut mir weh Dir das sagen zu müssen, aber es ist so.

Vielleicht ist dies auch eines der kleinen Opfer, die ich für Dich bringen darf, daß Du mit solcher Fülle und innerer Gewalt zu mir kommst und daß ich schmerzvoll erkennen muß, daß ein volles Wiederklingen jetzt nicht möglich ist. Ich weiß auch von Dir, daß Du dies ganz recht verstehst; denn es ist Dir eine zwingende innere Notwendigkeit, so viel für mich zu tun, besonders weil Du weißt, daß Du helfen kannst.

Wenn ich überdenke wie die Kraft Deiner Briefe, des Hingeben Deines Selbst aus den Anfängen bis jetzt gewachsen ist, wie Du auch die letzten Tiefen Deiner Seele aufzudecken suchst, dann ist mir ganz bange, wie wenig ich eigentlich von meinen Tiefen

bisher öffnen konnte. Ganz selten einmal gelang es mir, Dir das zu offenbaren, was notwendig und richtig wäre und was wir brauchen für unsere Gemeinschaft. Wenn ich das einmal ohne Mühe und Not kann, dann erst können Deine Briefe auch in mir so klingen wie ich es ersehne.

Es ist der tiefe Unterschied in unserer beider Entwicklung – in meinem Aachener Brief sprach ich schon davon – der alles so ganz anders erleben läßt. Dieses undenkbar schöne Aufleben aus dem Innern mit einer wirklich elementaren ungeschwächten Urkraft ist mir immer wie ein Wunder. Einmal entfaltet, wächst sie in natürlicher, Gottgegebener Ordnung ohne Mackel und Hemmnis. Sie vermag davon mitzuteilen und auszuströmen. Die ungeheuren Erschütterungen nie geahnter Erlebnisse nimmt sie in selbstsicherer Ordnung. Ja, sie vermag zu formen, anderer Menschen Bild zu beeinflussen, vielleicht sogar ein falsches Bild richtig zu machen.

All dieses Unmittelbare, Ursprüngliche, Unverbildete des Erlebens ist es, was mich so tief beeindruckt und auch wieder sehr ernst macht, weil mir solches Erleben nicht gegeben ist. Weil dieses Erleben so ist, kann es auch so stark sein, man kann sagen es darf ungehemmt sein.

Du, meine Marga, welche Schätze bringst Du mir mit: alle Schätze einer unberührten, feinen Seele. Kann ich daneben überhaupt von mir sprechen; denn ich kann Dir doch nichts von all dem zurückgeben als nur den Willen, es so zu tragen und auf mich zu nehmen, wie die Fügung Gottes es von mir verlangt. Wir glauben beide fest daran, daß Gottes Wille uns zueinander führte. Mit diesem Glauben müssen wir, besonders aber ich, versuchen, das tief Trennende unseres Seins einander zuzuordnen. Du hast mir tief aus der Seele gesprochen, wenn Du sagst, daß in der Zeit, die mir äußere Opfer für Dich versagt, das Bereiten und An-Sich-Arbeiten für die gemeinsame Zukunft die beste und wichtigste Aufgabe sei. Und das soll nun ein starkes, aber auch frohes Ziel für mich sein. Ich will nichts ungeschehen sein lassen,

was mir helfen kann, Deinem klaren Wesen näher zu kommen und mich ihm so zu öffnen, daß ich Dich ganz in mich aufnehmen kann.

Mit diesen Gedanken, meine Marga, will ich den Sonntagsbrief beschließen. Es waren wieder ernste, vielleicht sogar harte Gedanken. Doch mein Inneres verlangt danach, Dir immer mehr davon zu sagen. Für mich ist das ein Zeichen, daß etwas locker wird in mir. Und darum bin ich froh. Froh bin ich aber besonders, weil ich von Dir weiß, daß Du all dies Schwere auf Dich nehmen willst, daß es Sich sogar danach drängt, mich so ganz zu kennen, und vor allem, daß Du mich hinnimmst, so wie ich bin. Großes, glückvolles Opfer, das Du bringen willst!

Ich danke Dir, meine Liebste

Dein August