August Broil an Marga Ortmann, 28. Mai 1943
Bremen, den 28/5.43.
Meine liebe Marga.
Gestern abend, nach dem Zubettgehen entspann sich ein kurzes, ernstes Gespräch: Einer der Kameraden sagte, daß er sonntags gewohnheitsmäßig seinen „religiösen Gelüsten“ – so wird es vielfach bei der Wehrmacht genannt – pflege und mit der Frau und den Kindern zur Kirche gehe. Ein anderer erwiderte darauf, daß er dies alles für Schwindel halte und daß er den ganzen Schwindel nicht glauben könne. Ich konnte darauf nur kurz sagen, daß es doch unter Kameraden nicht angehe, die innere Überzeugung derart zu beleidigen. Dann war Ruhe und Schweigen und Schlafen.
Am nächsten Abend hatte ich das Glück, einer Aufführung des Dramas „Uta v. Naumburg“ im Bremer Schauspielhaus beizuwohnen. Was war der Grundinhalt dieses modernen Stückes, das man sich um 1000 Jahre zurückversetzt als Wirklichkeit denken sollte? Es war mit raffinierteren, ausgewogenen Worten das zum Ausdruck gebracht, was der zweite Kamerad am Abend vorher sagte: Alles Übernatürliche, nicht mit den Händen Greifbare,
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Bremen, den 29/5.43.
soll abgetan werden. Solch tendenziöses Wortspiel legt der Schreiber in den Mund der edlen Gestalten von Ekkehard und Uta. Sie sollen fähig gewesen sein, das auszusagen in ihrer Zeit, was jahrhundertelange Entwicklung erst fertig brachte: Die Natürlichmachung jeglicher Übernatur.
Der Inhalt war etwa so: Uta und Ekkehard leben seit 6 Jahren in kinderloser Ehe. Ekkehard ist geneigt, diesen Zustand als selbstverständlich hinzunehmen und Uta als sein ihm über alles geliebtes Wesen als die Verkörperung des höchsten Glückes und der göttlichen Wirklichkeit im Irdischen zu betrachten. Der Mönch, der geistliche Berater, durch jahrelange Entwöhnung und Kasteiung zu einer nur seinen Gesetzen lobenden, sich selbst gefälligen „Idealgestalt“ geworden, stellt ein Zerrbild der Kirche jener Zeit in ihrer bis ins kleinste gehenden Durchdringung allen weltlichen Lebens, deren positiven Wert wir zu schätzen wissen, dar. Er sieht in der Kinderlosigkeit dieser Ehe ein Strafgericht Gottes.
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Ein Charakter Zerrbild der damaligen Kirche steht gegen ein Charakterzerrbild des damaligen Weltmenschen. Den Steinmetzen und Schöpfer des Uta’schen Standbildes im Dom drängt eine innere Stimme das schon aufgestellte und als fertig geltende Kunstwerk weiter zu vervollkommnen. Der Steinmetz hat in geheimer Liebeskraft, die ihm zu Uta entfacht war dieses Bild geschaffen. Ekkehard aber duldet keine Änderung des Standbildes. Der Mönch in seiner Arglist wähnt dämonische Beziehungen, die zur schöpferischen Gestaltung des Bildes geführt haben könnten und beschuldigt Uta des schrecklichen Verbrechens der Hexerei, das den Tod auf dem Scheiterhaufen erheischt. In der Aufwallung des Augenblickes erschlägt Ekkehard scheinbar den Mönch, sodaß er ihn tot wähnt. In der Reaktion, die auf die Tat folgt, klagt er sich mit furchtbaren Worten seiner Tat an. Der vorher trotzende, nur im Irdischen leben wollende Mensch spürt plötzlich seine Bindungen an das Überirdische; er ist nicht mehr kraftstrotzende Natur genug, um allein seinem
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Schicksal zu trotzen. Den Ausgang des Stückes konnte ich leider wegen des Fliegeralarms nicht mehr sehen.
Aber die zwei Bilder haben mir genug gezeigt von der Geisteshaltung einmal der verantwortlichen Dichter, den Berufenen, die unserem Volke in ihren Werken Vorbild und Meister sein sollen; dann aber auch von der Mentalität der Zuschauer, die ihren klaren Kopf nicht zu behalten vermögen und sich solche Geschichtsklitterung gefallen lassen. Wwer solchen Irrsinnn in Bezug auf die Verdrehung der geschichtlichen Tatsachen, die von jedem halbwegs Einsichtigen als ganz anders erkannt werden müssen, nicht erkannt der ist doch sehr zu bedauern. Wie weit kann es doch eine Zeit bringen, sowohl in ihrer charakterlichen Haltung wie überhaupt in der Ordnung des Denkens und des Handelns. Oder ist jene Zeit solcherart gewesen, oder sind die breiten Massen des Volkes stets so beeinflußbar gewesen?
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Meine liebe Marga, ich bin jetzt hier seit zwei Wochen auf der Schreibstube und habe dadurch mit dem Außendienst recht wenig zu tun gehabt. Damit bin ich vorerst wieder an meiner alten, gewohnten Arbeit auf dem Büro, die allerdings von meiner früheren Arbeit in sofern unterschieden ist, als ich vorher doch eine selbständige Arbeit hatte und jetzt mehr oder weniger kleiner Lehrling sein muß. Aber das ist beim Militär nicht anders, und es ist mir auch im ganzen nicht schwer gefallen, die Dinge so zu nehmen wie sie sind. Es ist uns ja in den vielen Gesprächen aus der Aachener Zeit längst klar geworden: Unsere ganze Aufgabe ist es, unsere Pflicht zu tun, mag sie auch noch so dumm und albern erscheinen. Das Herz soll dabei aber froh sein und immer daran denken, daß wir alle leichten und schweren Dinge der Welt immer nur als kleine Stationen und Haltepunkte betrachten können, in dem großen Geschehen, das uns ganz tief im Innern zur letzten Wirklichkeit führen soll.
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Allerdings sollen wir nicht in den Fehler verfallen, uns aufzuspalten in zwei Teile, einem inneren und einen äußeren, sondern beide Teile sind wohl eins, und in rechte Ordnung zueinander gebracht, sind beide Teile wohl gleich wichtig an ihrem Platz. Das ist es ja, was wir schon so oft und immer wieder in unserem eigenen Leben erkannt und erfahren haben: daß wir an den Dingen des täglichen Lebens, in der Arbeit an uns selbst, bei allen Geschehnissen und Verrichtungen des Tages unser Inneres bilden und formen können. Wie oft ertappen wir uns dabei, daß wir uns von solch kleinen Alltagsdingen umwerfen lassen; und wie dann, eins zum andern kommend, dieses an sich Äußerliche das Innere so sehr beeinträchtigt, daß man zu keinem Schritt vorwärts mehr fähig ist: geht Dir das nicht auch oft so? Das alles aber sind Dinge, an denen ich, besonders jetzt in der Soldatenzeit, beosnders arbeiten kann, und es gibt dazu sehr viel Ansatzpunkte.
Nun habe ich Deinen Sonntagsbrief über Eure Fahrt zur Madonna von Altenberg bekommen.
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Ich habe eine sehr große Freude darüber gehabt, daß Euer Erleben so groß war. Glaube nicht, meine Marga, daß Du mir damit wehe tun könntest, wenn Du mir von solchen Erlebnissen schreibst.
Gewiß mag es mich wehmütig stimmen, wenn ich die Ferne und die Zeit und die Verhältnisse betrachte, unter denen ich jetzt lebe, und daß ich auf all die Dinge verzichten muß, die Dich so erlebnisstark ganz bis ins Tiefste umfangen, und die wir gemeinsam noch schöner erleben müßten. Das schmälert aber nicht die Freude über Dein feines Erleben, und Du mußt mir immer davon schreiben.
Ich bin den Weg nachgegangen, den ihr schweigend durch die Wälder, Wiesen und über die Berge und Flüsse gegangen seid. Ich habe in Gedanken fast jeden Weg wiedererkannt. Ich bin mit Euch beim Hochamt im hohen Dom gewesen und habe bei Euch in den Bänken gekniet, und das Erlebnis der Meßfeier ging auf mich über. Ja, meine Marga, es sind unvergeßliche Stunden: die Feier der Geheimnisse ganz besonders in der stillen Art der jetzigen Zeit,
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wenn der Dom nicht wuchtet unter dem Singen tausender junger Kehlen, sondern wenn aus schweigsamen und ruhigen Herzen inbrünstige Gebete hinaufdringen zum Herrn. Wenn die kleine Schar der Bauern ihre rostigen Kehlen erklingen läßt und ihr derbes Beten. Oft haben wir da still gekniet, zuweilen allein, oft mit Freunden, zuletzt dann mit Dir. Und vom Dom sind wir dann hinausgegangen in das schöne Land. Ja, dieses Land hat wahrlich die schönsten Stunden unseres Lebens gesehen. Vielleicht werden wir später an einer so glückvollen Art des Lebens weiterbauen können. Vielleicht aber werden wir auch immer darauf verzichten müssen. Dann ist uns das Erleben so stark in die tiefsten Tiefen des Herzen geprägt – eben weil es die schönsten Stunden waren, daß wir unser Leben lang davon zehren können.
Meine Marga, ich habe Dir zuletzt wieder einen ganzen Schwung ernster Gedanken aus meinem Innern hervorgehoben. In diesem Brief will ich Dich nicht mit solch dunklen Dingen belasten. Es sind auch viele frohe Dinge in meinem Herzen. Und wenn ich recht in mich hineinschaue, dann darf ich gerade jetzt, in der Zeit der räumlichen
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Trennung nicht traurig oder mutlos sein. Denn die alles überbrückende Kraft des Hin und Her von Dir zu mir ist so stark und spürbar, daß sie froh machen muß, wenn ich wirklich dafür offen bin. Und das ist meine Aufgabe: Mich offen zu machen für alles Gute und Aufopfernde, das Du für mich tust.
Wenn ich dieses innere Öffnen meine, dann ist es damit so, daß nicht nur irgend ein Gedankliches, Unwirkliches sich auftut, sondern daß der ganze Mensch mit allem Innern und Äußeren sich öffnet. Das heißt: er muß sein Leben, Werken und Wirken so gestalten, daß er als ganzer Mensch bereit sein kann, aufzunehmen, was ihm in so reichem Maße geschenkt wird.
Ich habe diesen Brief im Luftschutzkeller des Theaters konzeptiert. Nun habe ich ihn für Dich lesbar geschrieben, damit Du ihn noch zum Sonntag erhälst. Ich will Dir damit eine gleich große Freude machen wie Du sie mir gemacht hast.
Dein August
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