August Broil an Marga Ortmann, 2. Juni 1943

Bremen, den 2.6.1943.

Mein liebe Marga.

Es ist noch ganz früh am morgen, ich bin noch allein auf der Schreibstube. Da habe ich noch einen Augenblick Zeit zu einem kurzen Brief an Dich.

Deine beiden ganz wichtigen und für mich so viel sagenden Briefe habe ich jetzt als mein tiefes, festes Eigentum bei mir. In den vergangenen Jahren meiner Erfahrung und Erkenntnis mit Menschen, die mir sehr nahe standen, habe ich diese Haltung nie finden können, wie Du sie mir in Deinen Briefen gesagt hast. Und es ist doch die Haltung, die einzig richtig ist, wenn wir als Mensch zu Mensch kommen wollen. Dieser Zwiespalt zwischen fühlender Menschensehnsucht und geistiger Erkenntnis, der

in mir, trotz des tiefem Zugetanseins zu einem Menschen, aufkam, hat lange Zeit mein Inneres verdunkelt. Nun aber habe ich Dich auf meinem Wege, und Du hast mein Wesen tief erkannt, hast die Bereitschaft zur Hinnahme dieses meines Seins als selbstverständliche Notwendigkeit bekundet. Nun ist also der Weg begonnen, eine tiefe, innere Einheit des Denkens und Fühlens hat sich zwischen uns aufgetan, die alles frühere Hemmende und Zwiespältige überwinden wird und überwinden muß.

Wir sind uns dessen voll und ganz bewußt. Darum arbeiten wir nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich auf das gemeinsame Ziel hin und nutzen alle Möglichkeiten, die uns geschenkt werden.

Meine Marga, ich will Dir zum Pfingstfest

eine gute Freude machen. Die Aussichten für einen kurzen Festtagsurlaub sind sehr gut. Stelle Dir das vor, Marga, wenn wir das Pfingstfest gemeinsam feiern können, welche Freude das geben wird. Und was können wir bei dem jetzigen inneren Verhältnis, in dem Augenblick, wo wir beide uns innerlich zu öffnen beginnen, Gutes füreinander tun, wenn wir uns wieder Aug in Aug gegenüberstehen. Vielleicht wird uns die Gnade geschenkt, alles, was uns möglich ist, einander anzuvertrauen. Ob dann wohl die Zeit schon reif ist, auch äußerlich unsern Bund zu besiegeln? Ich möchte sagen ja. Glaubst Du, dieses Ja auch sagen zu können?

Ich weiß, daß Dir diese Gedanken jetzt noch etwas schwer werden. Darum will ich

zuerst davon schreiben, damit Du Dich recht innerlich entscheiden kannst. Du sollst volle Freiheit darin haben. Schreib mir dann, was Du denkst und erwägst.

Meine liebe Marga, ich bereite mich jetzt vor auf das Wiedersehen. Alles soll schön und gut werden.

Wenn es Urlaub geben wird, dann wird es so sein, daß ich Donnerstag Nacht fahren kann und Dienstag morgen wieder hier sein muß oder daß ich Freitagnacht fahren kann und Mittwoch morgen hier sein muß. Genaues schreibe ich Dir noch.

Heute, meine Liebste, sende ich Die frohe Grüße. Deine Eltern und Geschwister sollen ebenfalls herzlich gegrüßt sein.

Dein August