August Broil an Marga Ortmann, 6. Juni 1943
Bremen, den 6.6.1943.
Meine liebe Marga,
Dein frohes und bereites Ja klingt mir wie festliche Musik im Herzen. So wollen wir jetzt einem feinen Pfingstfest entgegengehen. Ich habe gestern mit der Vorbereitung begonnen. In meiner kleinen Kirche habe ich das Bußsakrament empfangen, und heute, am Sonntagabend will ich die hl. Speise nehmen, um in der Verbindung mit dem Lenker und Erhalter allen Lebens auf der Erde den rechten Weg für unser Beginnen zu erflehen. In den kurzen Tagen, die mir dann noch bleiben, will ich mich auch innerlich auf das Große und Schöne vorbereiten – der Dienst soll darunter nicht leiden – sondern ich will ihn freudig und schnell tun, ich will meinen Kameraden
gegenüber gut sein, ihnen Vorbild zu sein versuchen. Sie haben es jetzt – so scheint mir – schwerer als ich; denn sie werden, die früher alles viel großmütiger hingenommen haben, so seltsam kleinlich mit sich selbst und allem was an Unangenehmen über sie kommt. Daß ich nun aus der ganzen Stube von 20 Mann mit noch einem Kameraden, der allerdings verheiratet ist, als „Junggeselle“ fahren darf, passt ihnen erst recht nicht. Sie sagen alle nichts direkt gegen mich, aber man spürt es. So muß wohl eine kleine bittere Würze immer in der Freude sein. Sie verhilft wohl dazu, im Wirklichen zu bleiben und über die Freude hinaus den Dingen des Alltags erst recht Beachtung zu
schenken.
Bevor ich Dir den Brief weiter schreibe, mußte ich Dir davon einiges sagen, weil es mich bedrückt.
Nun wollen wir die praktischen Dinge überlegen. Es wird so werden, daß ich Freitag 0.03 Uhr hier abfahren werde. Um 5.12 am Freitag morgen bin ich in Düsseldorf, von dort komme ich mit einem Personenzug um 6.53 in Köln an. Die Rückfahrt muß ich am Pfingstmontag gegen 6.00 Uhr abends von Köln antreten. Somit werden wir 4 Tage gemeinsam haben, die wir uns gestalten müssen. Mittel- und Höhepunkt soll der hohe Pfingstsonntag werden. Bessere Wort als Du in Deinem Brief über den hohen Sinn des Festes geschrieben hast, kann ich nicht finden. Der Tag, der solche Gnadenkräfte uns durch die Wirkung des Hl. Geistes bringt, soll uns
beide, die wir innerlich schon lange zusammengehören, den äußeren ersten Schritt zum gottgewollten Bunde tun lassen. Wir werden am Montag im Dom gemeinsam das Opfer feiern; unsere elterlichen Familien werden wir bitten, mit uns das Opfermal zu feiern. Diese Osterfeier soll uns das Zeichen zu unserem Gelöbnis sein. Der Tag soll dann den Familien gewidmet sein, die ihr Leben und ihre Arbeit für uns aufgeopfert haben. Die genauere Gestaltung des Tages wollen wir dann noch besprechen. Die beiden Tage vor Pfingsten sollen dann auch besonders uns beiden der inneren und äußeren Vorbereitung im engsten Sinne dienen.
Die Frage der Ringe und der Anzeigen wird einige Schwierigkeiten machen. Es wird wohl gut sein, wenn Du da schon vorher etwas unternimmst. Meines Wissens müßte man Ringe bekommen, wenn man Altmaterial
abgibt. Ich habe noch einen alten Goldring zu Hause. Du wirst dann einmal nachhören, was zu machen ist oder ob wir am Freitag ohne weiteres Ringe bekommen können. Etwaige Schwierigkeiten sollen uns da aber keine Gedanken machen. Sepp Will hat schon früher Anzeigen drucken lassen. Vielleicht ist ihm das auch heute noch möglich. Sonst kann Therese vielleicht bei Zimmermann etwas erreichen. Es müßte eine ganz einfache und schlichte Anzeige sein. Schade, daß wir diese Dinge nicht gemeinsam Schritt um Schritt tun können; denn das macht so viel Freude. Für die Anzeige habe ich einen kleinen Entwurf versucht, den ich beilege. Es soll nur ein Vorschlag sein, dessen Ausführung ich Dich zu prüfen bitte. Es kann möglich sein, daß Du besser beraten wirst. Dann überlasse ich Dir die Entscheidung.
Meine Eltern hatte ich bereits geschrieben und ihnen von unserem Vorhaben gesagt.
Ich werde heute noch Genaueres schreiben. Alles andere zur Vorbereitung werden wir dann in den beiden Tagen schaffen müssen.
Gestern hatte ich einen sehr feinen Abend. Nach der Beichte bin ich zuerst in die Stadt zum Essen gewesen. Dann bin ich in der Dämmerung ganz langsam zur Kaserne zurückgewandert. Ich habe das jetzt öfter so gemacht, daß ich mir Nachturlaub geben ließ, um Zeit für den Abend zu haben. Es ist ein schöner, stiller Weg an der Weser entlang durch die Gärten. Der Regen hatte die Luft rein und frisch gemacht, und die Erde atmete in der kühlen Feuchtigkeit. Immer wieder blieb ich stehen, um zu lauschen. Die Vögel sangen ihr Abendlied. Ich stand an den Gartenhecken und schaute in die Gärten hinein, in denen eine Stille und ein Friede sondergleichen war. Die Blumen und die Pflanzen atmeten ihr ruhiges Wesen. Ich mußte denken:
Wenn wir beide einmal gemeinsam in einem solchen Frieden leben könnten. Ein Brief von Dir hat mich begleitet. Die Gedanken waren so nah bei Dir. Es wurde mir so stark bewußt, welch großer Freude und welch großer Opferbereitschaft Dich die Liebe zu mir fähig gemacht hat. Du weißt und spürst wie schwer und verschlossen ich bin, Du hast von mir ganz selten ein Zeichen so warmen und unbedingten Zugetanseins empfangen, Du wartest auch heute noch auf das letzte Öffnen meiner Tiefen und doch gibst Du alles und das Letzte von Dir her, um mich heraufzureißen zur Höhe; Du legst Dein ganzes Sein in meine Hände. Es ist sicherlich Gnade, daß Du innerlich solcher Wandlungen fähig wurdest. Das schmälert keineswegs Dein eigenes Wirken. Diese Gnade ist für uns beide ein Geschenk, und je mehr ich mir dessen bewußt werde, was Gott durch diese Gnade mit uns vorhat,
desto tiefer wird mein Herz Dir aufgetan. Das habe ich in dieser einsamen Abendstunde so sehr verspürt, und ein tiefes Danken stieg in mir auf. Ganz froh bin ich in der Nacht zur Kaserne zurückgekehrt.
Im Einschlafen dachte ich noch: nun würdest Du gewiß meinen Brief mit der Urlaubsnachrichte haben, und am Samstag würde mir Deine Antwort darauf kommen. Weißt Du, Marga, wie froh mir dabei war!
Heute will ich meinen Brief beenden. Wenn ich wieder zu Dir sprechen kann, dann wird es von Mund zu Mund sein, dann werden wir voreinander stehen, und ich werde das Leuchten des Glückes in Deinen Augen sehen.
Wir wollen um ein frohes, tiefes Erleben dieses einmaligen Pfingstfestes beten.
Es grüßt Dich so herzlich Dein Liebster,
Dein August