August Broil an Marga Ortmann, 15. Juni 1943

Bremen, den 15.6.1943.

Meine liebe, gute Marga.

Der erste Tag des Wiederalleinseins in Bremen geht seinem Ende zu. Es wird noch schwer sein, nur in etwa die Herzensstimmung, die mich umfängt nach den vier Tagen des Zusammenseins wiederzugeben. Das bedarf noch einer Zeit der Ruhe und der inneren Einkehr bis es uns möglich sein wird dem Übermaß des Erlebens Herr zu werden. Je mehr ich mich hineindenke in alle, auch die kleinsten Einzelheiten dieser Tage, um so mehr erfahre ich die Köstlichkeiten Deines Wesens und Seins, das mehr und mehr mein ganzes Wesen durchdrungen hat und mich erkennen ließ, welch wundersame Schönheit Deine jugendliche Liebe mir offenbart. Der Glanz in Deinen Augen, das Leuchten in Deinen Blicken, das warme Pochen Deines Herzens waren mir Zeugen des Glückes, das Dein ganzes Sein umschloß. Wie leise, wie still, wie zart und behutsam waren all die Zeichen unserer Zuneigung. Und wie groß waren sie gerade deshalb. Zwar muß ich da ehrlich sein; solch feine Behutsamkeit ist mir zunächst nicht

selbstverständlich, denn eine schwermütige Leidenschaftlichkeit droht oftmals aus den Tiefen hervorzudringen, die mich früher sehr stark beherrschte und deren Knecht ich lange Zeit war. Wenn ich aber jetzt ganz in mich hineinhorche, dann spüre ich die eigentliche Laffheit solchen An-sich-Geschehen-lassens und die wirkliche Kraft maßvollen, züchtigen und dadurch frohen und rechten Beieinanderseins. Wie dankbar muß ich der Fügung sein, daß ich nun Dich habe und durch Dich zu solchen Tiefen des Erlebens geführt werde. Diese Erkenntnis allerdings hat einen Kampf gekostet und kostet ihn noch heute; denn es ist eigentlich nichts anderes als der Kampf des Fleisches mit dem Geiste, dessen Vasallen wir unser ganzes Leben hindurch bleiben. Wohl ist das Rüstzeug und das Kampfesglück jetzt besser und größer. Das, meine Liebste, ist eine der tiefen Bekenntnisse des Erlebens unserer vier glückhaften Tage. Einen frohen stillen Gruß sende ich Dir von meinem „Kasernen-Schreibtisch“ hinaus, ein dankbares an Dich Denken ist damit verbunden, Du, meine einzig wahrhaft Geliebte, meine liebe, gute Marga

Dein August

Es fällt mir ein, daß Du mich nach meinem Geburtstag gefragt hast und daß ich Dir darauf durch irgend einen Umstand eine Antwort zu geben vergaß. Es ist der 25. Juli.

Der Deine ist doch der 13. Juli mit dem Namenstag zugleich?

Nochmals Dein August