August Broil an Marga Ortmann, 25. Juni 1943
Bremen, den 25.6.43.
Du, meine Marga,
Bevor ich Dir die Gedanken wiedergebe, die ich nur noch aufgeschrieben hatte zu meinem Brief vom Sonntag, muß ich Dir Dank sagen, tiefsten Dank, der ganz aus dem Innern kommt. Was kann ich Dir, gute Marga, anderes tun, die Du mir darauf einen solch feinen Brief geschrieben hast, der alles so positiv aufnimmt. Ich glaube, daß sich der letzte, tiefe Sinn dieses unseres Tuns erst ganz auswirken wird und muß, wenn wir einmal ganz zusammen sind. Dann werden wir erst endgültig ermessen können, was Wahrheit zwischen zwei Menschen bedeutet, die sich zu einem solch festen, unlösbaren Bund versprochen haben.
Nun will ich Dir noch einiges sagen zu all den Problemen, die jetzt aufgeworfen sind; zu all dem, was sich in mir ereignete:
Am Sonntagabend, als ich meinen Brief an Dich abgesandt hatte, habe ich noch einen kleinen Weg gemacht durch einen wunderbaren, ruhigen Sommerabend. Eine erhebende Stille lag über dem friedlichen Land. Es war eine Stille, die ich brauchte nach der Last dieses Tages. Sie legte sich wie Balsam auf meine Seele und senkte sich tief in mein unruhevolles Gemüt. Mir kamen immer die Gedanken an das, was gewesen war in diesen letzten Tagen – es war ja die Niederschrift dessen, was sich in vielen Tagen in mir angesammelt hatte: Konnte ich es wagen, meiner Liebsten solche Dinge zu sagen; durfte ich in die zarte und feine Freude dieser Tage so jäh hineinbrechen mit meinen schweren Gedanken? Es war mir Angst um Dich, Du Gute, und doch war ich auch innerlich ganz ruhig. Angst war mir vor der ungeheuren Wucht und der Gewalt, mit der meine Worte auf Dich einstürmen würden in ihrer bloßlegenden
Nacktheit und Offenheit; Ruhe war in mir, weil ich alles einmal gesagt hatte, weil ich es Dir gesagt hatte. Ich betete um die Kraft und das Vertrauen, dies überwinden zu können, was sich über uns stürzte, besonders aber um Hilfe für Dich, daß Du mit allem Schweren, das nun über Dich kommen würde, fertig werden könntest.
Liebste, Gott hat Dir einen Menschen auf den Weg gegeben, der voller Probleme und Dunkelheiten steckt, dessen Sehnsucht jedoch wie wohl bei allen Menschen, nach dem Licht und der Freude geht. Sieh, meine Marga, manchmal habe ich Tage, Wochen und ganze Zeiten, in denen ich innerlich so ruhig und froh bin, daß ich meine, es müßte immer so bleiben und dann wäre das Leben schön. Dann lebe ich in einer Freude, mich quälen weder Dunkelheiten noch Triebe. Nur zuweilen ahne ich dann, daß da etwas verborgen ist, das mir doch eines Tages wieder Gewalt antun könnte und mich aus der Bahn reißen müßte: Ob das wohl bei allen Menschen so ist? Hast Du wohl auch schon einmal
so etwas in Dir verspürt? Auch nicht in dieser Zeit des Aufblühens und Wachsens unserer Liebe verlassen mich diese Ängste und Ahnungen nie ganz. Du mußt das ja immer spüren. Du siehst es in meinen traurigen Augen; ja Du siehst richtig, daß auf dem Grunde Kräfte und Leidenschaften schlummern müssen. Sie müssen in der rechten Ordnung bleiben, und wenn sie uns Gewalt antun wollen, dann beginnt der Kampf, das Ringen, das im Grunde wohl nie aufhört. Wir werden da ein Werk tun können, meine Liebste, ein Werk, das Letztes von uns fordern wird. Wir wissen nicht, ob uns das Werk gelingt; der nie endende Kampf nur ist uns gewiß. Du, das ist eine harte und ernste Erkenntnis, die uns zunächst nicht froh zu machen scheint. Aber wir müssen noch tiefer gehen, und uns fragen: Muß diese Erkenntnis uns wirklich traurig machen? Ist es nötig, daß wir unsere Augen stets im Schatten und in trübem Lichte glanzlos haben? Sind wir nicht so geschaffen, aus der Hand Gottes geformt, des gütigen
Vaters? Wenn er solche Anlagen in uns hineingelegt hat, wird er dann nicht auch besondere Kräfte verleihen und Gnade, die Tiefe zu bezwingen? Kann nicht ein solches Leben, dessen Bogen so gespannt werden muß, ein gotterfülltes Leben werden? Und wenn die Mühsal groß ist, ist dann nicht auch die Freude groß, daß Gott uns die Aufgabe gibt, ein solches Leben zu gestalten?
So bin ich denn, nachdem ich dies alles bedacht und erwogen habe, viel zuversichtlicher geworden und ruhiger. Es ist kein Zufall, daß zwei solche Menschen zusammenfanden; es ist Schicksal, gottgefügtes Schicksal. Wie ungeheuer weit sind die Spannungen zwischen Dir und mir, und doch, wenn sie auf einen Bogen vereint werden, welch wunderbare Kraft kann dann dem Pfeil verliehen werden, dessen sicherer Flug ins Ziel jeden Feind unschädlich zu machen vermag. Darum, meine Liebste, kann es für mich ein größeres, wirkliches Glück geben als wenn ich immer mehr und immer tiefer erkenne, welches Glück mir damit geworden
ist, daß Du jetzt bei mir bist und daß Du Dein ganzes Sein und Deine Kraft hingeben willst für mich, auch jetzt noch und jetzt erst recht.
Oft, wenn ich meine Briefe an Dich noch einmal überlese, dann meine ich, daß sie so hart klingen, daß so wenig feine und zarte, erst recht aber keine zärtlichen Worte darin sind. Es sind immer nur Gedanken, die sich mit mir beschäftigen, und die schreibe ich meist in einer solch rechten Trockenheit der Reflexion nieder als ob ein Wissenschaftler einem Freunde schreibt. Es ist sicher wahr, daß das Wort als solches nicht gilt, sondern der Mensch der dahintersteht und wie er es meint. Was mir jetzt am Herzen liegt, Marga, - Du weißt es allzu gut, das ist die Ehrlichkeit bis ins Letzte, das Aufdecken des Inneren, man könnte es eine Bestandsaufnahme des Herzens nennen. Ob man bei solch schwierigem Stoff wohl anders sprechen könnte. Sicher könnte man das, aber damit wäre uns beiden nichts gesagt, was uns wirklich vorwärtsbringen
könnte. Diese harte Sprache aus den Tiefen der Menschenseele duldet keine Lieblichkeit und Zärtlichkeit. Auch weiß ich, daß Du als Frau wieder ganz anders empfindest. Und in Deiner jugendlichen Unberührtheit bist Du so, daß Du die kleinste Regung herzlichen Zugetanseins wie ein Fest empfindest, auch im Körperlichen. Bei mir ist das alles so anders und ich werde von Dir noch vieles lernen können und müssen. (Wir wollen da jetzt ohne Scheu ganz offen zueinander sprechen) Wenn wir nicht räumlich voneinander getrennt wären, und unsere Zuneigung im öfteren Beisammensein einander zeigen könnten, dann würden wir sicherlich so ganz einfach in das Erlebnis dieser feinen Freuden hineinwachsen.
Trotzdem frage ich mich oft, woran es liegen maga, daß ich hier in den Briefen meist nicht das feine, das letzte Wort finde, daß zwei Menschen anwenden müßten, die so zusammengehören wie wir. Es mag meine Unzulänglichkeit sein. Vielleicht bin ich durch die Erfahrungen und Erlebnisse von denen Du nun weißt, allzu abgeschlossen geworden gegen all diese Dinge, vielleicht ist der Verstand zu sehr Herr und das Herz nur dienende Hilfe
geworden. Mich tröstet der Gedanke, daß ich sicher weiß, mit welcher Sicherheit Du herausempfindest, wann das Herz zu sprechen anfängt.
Meine liebe Marga, jetzt ist Samstagabend, Zeit der Komplet. Die Freunde haben in der Gemeinschaft ihr Gebet ertönen lassen. Den ganzen Nachmittag saß ich still und allein im Büro des Rechnungsführers. Zwischen dem Schreiben des Briefes hatte ich so schön Zeit zum Sinnen und Träumen. Weißt Du wie schön das manchmal ist? Ein leise und fern klingendes Soldatenlied: Erinnerung an den Aachener Frühling, an Marsch und Singen und Alleinsein mit Gedanken an Dich, an die Freunde, die Heimat. Ein Bild mit blühendem Baldrian fällt mir auf: Erinnerung und Sehnsucht nach vielen Wegen, die ich in Gedanken gehe mit blühendem Baldrian zu beiden Seiten. Du Liebste, spürst Du, wie das Herz warm wird, spürst Du wie Du bei mir sein müßtest auf all diesen Wegen, wie ich Dir all das Schöne zeigen müßte. Du, es sind so viele helle Lichter in den dunklen Kammern des Jetzt
Meine Liebste, sei mir herzlich, innig gegrüßt
Morgen wird es sicher ein schöner Sonntag.
Dein August