August Broil an Marga Ortmann, 4. Juli 1943
Bremen, den 4.7.1943.
Du meine liebe Marga!
Nun bin ich sehr sehr froh, daß ich etwas Genaues über Euer Schicksal weiß; denn seit dem Tage nach dem Angriff war in mir Unruhe und Unordnung. Außer den Telegrammen sind keine Nachrichten hin- und hergekommen. Als erstes kam heute Dein zweiter Brief bei mir an. Der erste Brief nach dem Angriff wird in dem Wirrwarr der Stunde verlorengegangen sein. Auch scheint ein Brief, den ich am vergangenen Sonntag abschickte, nicht mehr angelangt zu sein. Er enthielt noch einige Gedanken zu meinem langen Brief. Als dann Dein Wort zu diesem Brief bei mir war, habe ich damit begonnen, einiges hierzu niederzuschreiben. Wenn auch dieses Hinüber und Herüber der Herzen an Tiefe und innerer Notwendigkeit alles übertrifft, so müssen trotzdem diese Dinge unter dem Zwang der äußeren Ereignisse zunächst zurückstehen. Bevor ich Dir also jene Gedanken aufschreibe, muß ich Dir von dem berichten, wie seit dem Angriff auf Köln die Ereignisse hier abliefen.
Heute habe ich die Niederschrift meiner Gedanken an Dich unterbrochen. In der Nacht zum Dienstag war wieder ein großer Angriff englischer Bomber auf Köln. Davon erfuhr ich im Laufe des Dienstag durch Kameraden, die Nachrichten gehört hatten,
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jedoch nichts Genaues sagen konnten. Im Laufe des Nachmittags und des Abends kam in mir eine gewisse Unruhe auf. Als ich dann am Mittwoch morgen die Zeitung las, bemächtigte sich meiner eine immer größere Unruhe. Ich las von den furchtbaren Wunden, die unserer lieben Heimatstadt wieder geschlagen wurden: Der Dom zerstört, das Rathaus, der Gürzenich, lauter Stätten wunderbarer und feiner Erinnerungen. Ich las, daß die Flieger bei dichter Bewölkung ihre Bombenlasten abwarfen und damit wahllos alles treffen mußten. Ob alle Lieben der heimatlichen Stadt, alle Freunde wenigstens das Leben retten konnten? Am Mittag kam dann Dein Telegramm in der Kaserne an. Ich konnte nicht viel denken und sagen: meine Ahnung hatte sich nicht getäuscht.
Schwer wird es sein auf dieses Telegramm hin Urlaub zu bekommen. Aus dem Telegramm war nicht ersichtlich, ob unsere oder Eure Wohnung zerstört war. Als ich das Telegramm der zuständigen Stelle vorlegte, wurde zunächst das Fehlen der parteiamtlichen Bestätigung bzw. der Wehrmachtkommandantur bemängelt. Dann aber auch wurde sofort darauf hingewiesen, daß es ja nicht meine eigene, sondern die elterliche Wohnung sei. Ich habe darum zunächst zurücktelegrafiert.
Nun sitze ich hier in Bremen, tue irgend eine Arbeit, und mache mir Gedanken darüber, daß ich keinem von Euch helfen kann. Nur abwarten kann ich, ob vielleicht doch irgendeine Möglichkeit kommen
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wird, daß ich nach Köln fahren kann.
Ich kann es mir garnicht vorstellen, daß der Dom, dessen Schönheit des Baues ich zuletzt noch beim Hineinschreiten in die Stadt über die Hohenzollernbrücke bewundert hatte, wund und elend am Boden liegt; im inneren geheiligten Raum, der ungezählte stille Feiern Eurer Familie, der jubelnde Stunden des gläubigen Volkes sah, türmen sich nun die Trümmer. Zunächst weiß man noch nicht, was man bei diesen Gedanken tun soll: Weinen oder auf die Zähne beißen. Beides wird notwendig sein, da eine zur Lockerung der inneren Spannung, das andere zur Entfaltung der Spannkraft zu neuem Tun.
Dann kam am Freitag Mittag Dein zweites Telegramm – übrigens aus Bonn – Ich bin wieder wegen eines Urlaubes vorstellig geworden. Trotz parteiamtlicher Bestätigung hatte man immer noch keine Möglichkeit, mir Urlaub zu gewähren. Bombenurlaub könne mir gewährt werden, wenn die eigene Wohnung zerstört sei. Das wird natürlich meist nur der Fall sein, wenn die Ehefrau, ev. auch mit Kindern in der Heimat zurückblieb. Der Unverheiratete muß also aus der Ferne zusehen wie sein Hab und Gut mit dem seiner Lieben zugrundegeht. (Eine fröhliche Bemerkung trotz des Ernstes der Dinge: Der Staat, die Behörden, die Wehrmacht kommen unseren Wünschen zur endgültigen Vereinigung sehr entgegen) Dann natürlich wird Urlaub gewährt, wenn nächste An-
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verwandte lebensgefährlich oder tödlich verwundet werden. Den Gedanken und seine Folgerungen will ich nun nicht weiterdenken. Es gilt also nicht das innere Verhältnis – wie sollte das auch ein Außenstehender – zum Glück – kennen – sondern nur der Buchstabe. Notwendige Folgerung: Baldigst Buchstabe gegen Buchstabe!
Ich war sehr traurig, daß ich nun doch nicht fahren durfte und dieser Tag ist mir sehr mißlungen. Erst am Abend im Gebet fand ich dazu, daß ich als Soldat und auch sonst als Mensch mich fügen muß, dann ist es immer richtig und leicht.
Da ich aus dem Telegramm noch nichts erfahren konnte, mußte ich wieder warten, bis ein Brief zu mir durchkommen würde. Heute am Samstagmorgen kam er endlich an.
Du liebe, Du tapfere, Du frohe Marga, daß Du in all dieser äußeren Not solche innere Kraft und Ruhe gewinnst. Ja Du kannst dankbar sein, Du kannst unendlich froh sein, daß Dir dieses Geschenk wurde vom Herrn. Haben wir da Grund zu verzweifeln oder auch nur zu zweifeln? Muß nicht dieses Aufleuchten von innen heraus uns eine Kraft geben, die nichts erschüttern kann; die wohl zuweilen schwanken kann in den Stürmen, die aber gerade an den Stürmen sich immer wieder neu befestigt. Marga Du, wie dieses Dein inneres Erleben durch Deinen Brief auf mich überstrahlt, wie es mir die düsteren Gedanken zu vertreiben vermag, wie es mich froh macht, daß Du in allem Schweren immer das positive Ja findest.
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Wie Du aber auch andererseits die Armseligkeit des Menschen an Dir selbst festgestellt hast: In dem jähen Sturz einer Nacht, sind alle Dinge, die man sein eigen nannte, verloren; man hat es schließlich fertig gebracht, daran zu erkennen, wie wenig im Grunde davon abhängt und wie sehr man fälschlicherweise darauf bedacht ist. Und schon bei der nächsten Prüfung stellt man fest: Tausende Dinge sind Dir genommen worden und Du konntest nicht Ja und nicht Nein dazu sagen. Bei einem einzigen kleinen Ding bringst Du das Ja nicht fertig. Genau das Gleiche erfahre ich an mir selbst immer u. immer wieder, besonders hier unter den Kameraden. Aber es ist gut, daß wir es erkennen, denn so lernen wir es richtig zu machen.
Nun ist Euer Heim zerstört, alle lieb gewordenen Dinge sind verloren, Eure Familie ist auseinandergerissen. Wir sind geneigt, hier den schlechten Ausdruck zu gebrauchen: Wir stehen vor dem Nichts. Ist es richtig, so zu sagen? Ich meine es ist jetzt so, daß wir äußerlich gewiß nichts mehr haben. Aber das Nichts ist längst hinter uns gelassen, das Nichts gab es überhaupt nie; vielmehr stehen wir jetzt und immer vor allem. Es heißt jetzt und immer alles neu machen, alles neu bauen, nur unter anderen weit schweren Umständen. Für uns junge Menschen mag allerdings diese Einsicht leicht sein, schwer wird sie für Deine Eltern, weil alle Arbeit, alles Wirken des größten Teils ihres Lebens wir vom Winde weggeblasen wurde. Ich muß an
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Reinhold Schneiders Kreuzweg denken: Daß alles Leid und aller Schmerz schon längst gelitten sind. Unser Meister: Jesus Christus ist auch nach dem dritten Fallen unter dem Kreuz wieder aufgestanden, obwohl er den Schmerz und das Leid der ganzen Menschheit auf seinen Schultern trug. Darum werden Deine Eltern es auch fertig bringen; das glaube ich bestimmt. Man müßte dabei sein und helfen können!
Ich schrieb Dir schon kurz: Wir werden mit Gottes Hilfe das Leben bauen, wir werden gemeinsam überlegen, was zu tun sein wird.
Nun will ich Dir wiedergeben, was ich an Gedanken zu Deinem Wort aufgeschrieben hatte.
Du müßtest jetzt bei mir sein können und all die guten Worte Deiner beiden Briefe mir sagen können mit Deinem Munde unmittelbar in mein Herz hinein. Dann wäre das Glück der Gemeinsamkeit gewiß vollständig. Doch auch die Briefe sind heilende, helfende Nahrung für meine Seele. Nachdem jetzt alles bedrückende herausgewaschen ist und die Wunden offen und sauber vor Dir liegen, muß die Heilung und Genesung bald kommen. Jeder Brief, jedes Zeichen von Dir ist mir jetzt wie ein heilendes Öl, das Du auf meine Wunden träufelst. Der Genesende ist ein hoffnungsvoller Mensch, ihm stehen alle Möglichkeiten wieder offen. So schwach die
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Kräfte noch sein mögen, so stark ist der Wille eines solchen Menschen zum neuen, frohen, ganz erfüllten Leben. Du Marga, so müssen wir es jetzt machen, und ich weiß, das keiner mir dazu besser auf den Weg gegeben werden konnte als Du. Ich weiß, daß der Brief nicht das wiedergeben vermag, was die Unmittelbarkeit des gesprochenen Wortes ausdrücken und bewirken kann. Aber so wie Du mich aus den geschriebenen Zeilen sprechen hörst unter den Espen am Weiher, so weiß ich, welche ungeheure Kraft des Erlebens Deine Worte beflügelt hat.
Ich weiß, meine Marga, was Du sagen willst, und wie Du dahinterstehst, und Deine Briefe bringen mir Dein Wesen ganz wunderbar nahe; glaube mir das. Ich sehe wie Du vor mir stehst, wie Du mir Dir kämpfst und nicht zu sprechen wagst, und wie dann beim Alleinsein alles ganz selbstverständlich hingeht. Ich weiß, daß dies alles mit derselben Inbrunst geschrieben ist wie das, was Du in meiner Nähe sagen wolltest.
Du, ich freue mich darüber, daß Du klar und offen, und mit nicht mißzudeutender Bestimmtheit zu mir sprichst. Aus Deiner Not heraus, - die Ungewißheit des auf uns Lastenden, das Nicht-Fassen-Können waren für Dich große Not – hast Du die Gefahr geahnt und gesehen, die unserer Gemeinsamkeit drohte. Darum ist Deine Sprache mit Fug
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so klar und bestimmt. Sie hat mich erfrischt wie Tau die Gräser der Wiese. Es ist wohl die Sprache, die Du schon länger zu mir hättest sprechen müssen. Und doch war es so wieder gut, wie es die Fügung gemacht hat. Wir können von Herzen froh sein, daß alles so gekommen ist; denn nun steht wirklich nicht mehr die trennende Wand zwischen uns; nun können wir offen zueinander sprechen. Wir wissen um das Ja zum Schicksal des anderen, und wir wissen, welcher Kraft des Tragens und Hinnehmens dieses Ja fähig ist: Ich weiß es vor allem von Dir, und ich war mir dessen sicher zu jeder Stunde seit der Zeit, da mein Herz begann, sich Dir zu öffnen. Warum ich es dann nicht längst gewagt habe? Darauf zu antworten ist schwer, und Du selbst hast Dir darüber schon Gewißheit zu verschaffen versucht, als Du schriebst, daß ein Mensch wie ich, mit diesen Entwicklungen die Gefahr zum Extrem in sich trage und daß er, einmal zerbrochen, nun allzu viel Gedanken habe und Dinge und Möglichkeiten zu sehen glaubt, die in Wirklichkeit garnicht bestehen. Daß er andererseits wieder die Freiheit zu sich selbst erlernen muß, einem Menschen ganz und allein gehören zu dürfen. Das Hellsichtigwerden „blinder Liebe“ ist für Dich eine Selbstverständlichkeit, ein herrliches Hineingleiten in ungeahnte
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Tiefen, für mich aber ist ein Erkennen, ein Erfahren notwendig. Ich weiß um die Herrlichkeit dieses Erlebens, aber ich kann nicht glauben, daß mit diesem Erleben vielleicht die beste Liebeskraft hingegangen sei. Gewiß es mag der Schwung, die alles überwindende, stürmende Gewalt gewichen sein einem stillen und ernsten Fühlen und in sich aufbauen. Aber die Liebe und die Aufgabe der Liebe ist ja damit erst begonnen, daß die Herzen zu brennen beginnen. Die eigentliche Aufgabe, die Bewährung der Liebe, fordert erst die letzte, alle Liebeskraft. Um sie müssen wir beten, denn sie allein macht uns wirklich zu einer Gemeinschaft in Christus. Ic h will mir nicht selbst etwas vormachen: Ein Hinfliegen und Aufspringen zu den Höhen mir zu versagen, wenn es möglich wäre, würde Vermessenheit bedeuten. Doch ist mir dieses Feuer nun nicht gegeben. Gerade das soll mir zu denken geben, daß ich an mir arbeite, daß ich in mir baue, daß ich alles Störende ausschalte, daß ich mich ganz Dir öffne.
Und hier muß ich Dir noch eins sagen, meine Marga; wie Du jetzt weißt, ist meine Veranlagung so, daß eine körperliche, sinnliche Beeinflussung sehr leicht möglich ist und daß ich dieser Veranlagung oft genug zum Opfer gefallen bin; daß ich aber dennoch in
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dem Wahn lebte, darin letzte Tiefe des Zugetanseins sich Liebender zu sehen. Die Vergeistigung solcher Liebe war mir Wunsch und Sehnsucht, doch nur ganz selten gelungene Tat. Dir gegenüber ist das nun ganz anders. Ich schrieb Dir von dem Kampf der Kräfte in mir und davon, daß ich immer davor auf der Hut sein müsse. Marga, liebe Marga, das ist wirklich so. Mit Dir hat das nun ganz anders angefangen. Schon der Keim zu unserem neuen Tun ist unter so ganz anderen Bedingungen gelegt. Ich sehe Dich jetzt in unseren Abenden der Gemeinschaft; ich sehe mich, wie ich Dich im stillen, sicher unbemerkt von allen, vielleicht auch sogar von Dir, betrachte, wie ich in Deine Augen schaue, wie ich einmal zu Dir sage, daß hinter dem frohen und lachenden Gesicht und den leuchtenden Augen Tiefen stehen müßten, deren Kraft der Gedanken Dir oft Mühen und Schweres bringen müßten. Ich spüre wie eine Stimme ganz leise in mir sagt: Wenn ich diesem Menschen näher kommen würde, dann wäre das etwas ganz Neues und bisher für mich nie Dagewesenes, daß ich von Grund auf anders sein müßte, in diesen Menschen das zu sein, was er braucht und was ihm geschenkt sein müßte.
Ich habe dann in mich hineingehorcht, ob das wirklich je werden könnte mit mir, daß ich
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einem Menschen zunächst und zu allererst nur geistig und seelisch näherkommen sollte, und daß alle Triebe und alle Sehnsüchte davor zurückbleiben müßten, um in rechter Ordnung dann hervorgeholt zu werden, wenn ihre Zeit zu sprechen und zu wirken gekommen ist. Du Marga, das war eine schwere Aufgabe für mich, nur zwischen Körper und Geist zu entscheiden. Dann aber ist doch alles ohne eine eigene Entscheidung gekommen. An jenem Abend, als ich Dich einlud zu gemeinsamer Fahrt und gemeinsamen Austausch der Gedanken, da bin ich mit einem Gefühl der Gewißheit nach Hause gegangen, und ich habe zu mir gesagt: Das ist die Liebe, hier beginnt die Liebe; Herrgott, wenn es wirklich die Liebe ist, dann lasse sie in mir wachsen und groß werden.
Nach diesem ersten Aufblühen der Liebe in mir, vor dem ich Dir jetzt zum ersten Male etwas sage, hat das Ringen in mir nicht von heute auf morgen aufgehört, und es hat bis heute immer wieder meine Kraft und meine Entscheidungen herausgefordert. Was aber dann unseren Herzen die entscheidende Wendung gab, das war das Erwachsen der Liebeskraft in Dir. Sie hat es vermocht, an jenem Abend vor der Universität, alle Zweifel in mir beiseite zu schieben und mich hineinzugeben in das, was durch Deine Liebeskraft in mir bewirkt wurde.
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Nun, Liebste, wirst Du besser verstehen, was es für mich bedeutet, wenn ich erst ganz langsam in mir wach werde, wenn es mir schwer fiel, Dir immer ein helles Angesicht zu zeigen.
Doch an die Liebeskraft in mir glaube ich, heute wie immer in meinem Leben, wenn sie auch so ganz anders in mir offenbar wird als Menschenerfahrung und Menschenwünsche sie gewöhnlich verstehen wollen. Ich glaube um so mehr daran, weil Du mit mir bist, weil Du sie wirklich wecken kannst, weil Du von Gott die Aufgabe hast, sie zu wecken.
Soweit gingen zunächst meine Aufzeichnungen, dann bracht ich es, gehemmt durch die Unwissenheit über Euer Schicksal, nicht zu weiterem arbeiten. Nun aber hast Du mir so froh und gut geschrieben, und in mir wird es wieder locker. Ich werde dann später wohl noch weiteres zu Deinem Wort sagen können.
Liebste, ich will eines kleinen Gedankens nicht vergessen. Der Schöpfer hat Dir alles Leben geschenkt und in schwerer Zeit erhalten. Am Jahrestage der Geburt denken wir an das große Glück des Lebens vor der Ungeheuerlichkeit des Herrn. Wir danken ihm und bitten, uns seinen Schutz, den er uns bisher gewährt auch ferner zuteil werden zu lassen.
Du, Liebste, ich denke sehr viel an Dich und ich grüße Dich herzlich
Dein August.
b. w.