August Broil an Marga Ortmann, 6.Juli 1943
Bremen, den 6.7.43.
Meine liebe Marga.
Dein erster Brief mit der unmittelbaren Schilderung der Ereignisse und Schrecknisse ist jetzt auch zu mir gekommen. Ich war froh, daß Du wenigstens notdürftig Unterkunft bei meinen Eltern finden konntest, wo bis Samstag wohl alles noch heil war. In der Nacht zum Sonntag war wieder ein schwerer Angriff, wie man hier erzählte hauptsächlich auf die Vororte. Ein Kamerad aus Bayenthal hat inzwischen Bombenurlaub bekommen. Michael Gabert ist wieder nach Köln, und mehrere Kölner Kameraden sind auch gefahren, um den Rest ihrer Habe zu sichern. Von Euch weiß ich nun nichts näheres ob Ihr auch diesen Angriff überstanden habt.
Du, Marga, Deine Nachrichten über Köln haben mir schwer zugesetzt. Daß die Zerstörungen und Verwüstungen ein solches Ausmaß an-
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angenommen hatten, hielt ich nicht für möglich. Jahrhunderte, an Köln sogar Jahrtausende haben die Geschlechter gebaut, und wie in einem Augenblick ist alles vernichtet, zerstört, ein Haufen Schutt. Es drängt sich die Frage auf: Wo liegt der Sinn zu solchem Geschehen? War das Leben dieser Menschen und all seine Auswirkungen und Werke faul und morsch? Fast sollte man das glauben. Wenn auch fortwährend Neues erstand und wenn das Alte noch viele Jahre hätte stehen können: Der Geist der Menschen, der hinter all dem stand, es verwaltete war alt geworden, war dem Verfall nahe. Unsere Zeit ist der Dinge und Werke nicht mehr wert, die die Ahnen schufen. Mit dem Zerfall der geistigen Ordnung geht Hand in Hand der Zerfall und die Zerstörung des Materiellen. Unsere
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gesamte bürgerliche Existenz wird uns bis zum letzten aus der Hand geschlagen. Wenn uns das Leben geschenkt wurde, dann steht dieses Leben nur noch so als Leben da, fast so ungeschützt und preisgegeben den Gewalten und auch wieder geborgen wie das Leben eines Neugeborenen. Dieses verlangt nach seinen Rechten, nach Nahrung, Sauberkeit, Schutz; ungestüm und ohne Frage nach Möglichkeit und Notwendigkeit. Hunger verlangt gebieterisch nach Nahrung, Kälte nach Kleidung, Unbeholfenheit nach Schutz und Sauberkeit. Wenn nicht die Vernunft des Erwachsenen Menschen Regel und Ordnung in das Leben dieses Menschlein brächte, dann würde es zugrunde gehen. Der ordnende Verstand des Menschen gibt dem unbeherrschten und ungeordneten Leben Nahrung zu seiner Zeit; er kleidet ihn warm oder luftig je
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nach Notwendigkeit; er putzt und wäscht wie es die Erkenntnis der Hygiene verlangt. Auch wir Menschen haben nach dem Leben verlangt wie wir es uns dachten. Wir hielten dieses sogenannte Leben für die rechte Ordnung und glaubten nicht anders leben zu können.
Nun stellt uns der himmlische Vater, dessen Handeln und Wirken wir nicht ergründen können vor ganz neue Tatsachen. Wir halten diese Tatsachen für Verderben und Untergang. Woher wissen wir, daß nicht diese Entwicklungen jetzt gerade notwendig sind für unser Leben (Leben in vollstem Sinne) Verlangt er nicht von uns mit diesen äußeren Zeichen die Umstellung und Umkehr bis in das Letzte. Was hier vor sich geht, können wir nur schwer begreifen oder verstehen, vielleicht überhaupt nicht.
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Unserer Vernunft aber ist die Erkenntnis geschenkt worden, die Wege Gottes immer als richtig anzuerkennen. So schlecht unser Weg für uns persönlich zu verlaufen scheint; wir wissen, daß er in dem Plan Gottes richtig läuft. Diese Tatsache ist für uns das entscheidende und sie verhilft uns dazu, mit erhobenem Haupt über alles niedere hinwegzuschreiten. Mit dieser Erkenntniskraft können wir immer neu beginnen und neu bauen, denn sie erkennt stets die höhere Ordnung, die göttliche Ordnung alles Geschehens und alles Seins an.
Meine Marga, Dir ist eine wunderbare Gabe von Gott verliehen worden: In allem Geschehen und sei es noch so schwer oder untröstlich für uns Menschen, den positiven, zu bejahenden Kern herauszufinden und als Richtschnut für Deine Einstellung und
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Dein Handeln gelten zu lassen. Das ist so gewesen bei Deinen Erwiderungen auf meine Briefe, und das ist jetzt wieder so bei der Schilderung Eures Schicksals. Ich muß ehrlich bekennen, daß ich da von Dir sehr viel lernen kann und lernen muß. Ich neige so leicht dazu, die Dinge schwärzer, negativer zu sehen als sie wirklich zu sein brauchen. Wie gut hat es mir getan, als Du von dem Menschen sprachst, der mir einmal alles bedeutete. Du hast einfach die innere Freiheit, über diesen Menschen die segnende Hand zu breiten, weil er einmal in mir so Großes und Schönes bewirkt hat. Und so ist es auch in Wirklichkeit: Wie dürfte ich über einen Menschen jemals schlecht denken können, und sei das Unglück, daß ich durch ihn erlebte noch so groß, der die Tiefen in mir öffnete und dem ich das Letzte aus dem Innern zu geben
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bereit war. Das kann und darf im Grunde mir etwas Gutes sein; wir Menschen allerdings haben das Gute nicht zu bewahren gewußt, und darum hat Gott es uns aus der Hand genommen.
Du fühlst mit mir, wie der Kampf der Kräfte in mir ist und wie es immer stürmisch war und wie die Wolken mein Inneres so oft verfinstert haben. Mit der hellseherischen Kraft Deiner Liebe vermagst Du so tief in mein Inneres hineinzusehen. Aber Du vermagst auch da wieder den rechten Grundton und die rechte Haltung zu finden: Die Rettung ist nicht allein der Kampf gegen alles Böse, Lastende und Drückende und seine Vernichtung, sondern in viel höherem Maße ist es die Weitung des Herzens für das Helle und Gute. Das Böse soll besiegt werden durch das Gute, wie es die Schrift sagt. Wenn wir da immer
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in der rechten Art vermögen, dem Guten und Hellen in uns Raum zu geben, dann wird es uns gelingen unser Menschentum zur Ehre Gottes zu leben.
Ein Gedanke Deines Briefes läßt mich ganz besonders nachsinnen. Es ist der Gedanke über die Liebesfähigkeit eines Menschen. Du schreibst, daß es wohl so sein müsse, daß ein Mensch in seinem Leben nur ein bestimmtes Maß an Liebesfähig- in sich trage, wie etwa ein mit edlem Wein gefülltes Gefäß leer würde in dem Maße wie man den Wein genösse. In mir sträubte sich aber etwas inständig gegen diese Deutung. Irgendwie meine ich müsse es sein wie mit einer Quelle, die nur der Tot versiegen lassen kann. Zwar gibt es kraftvoll sprudelnde und ärmlich rinnende Quellen, und die gleiche Quelle kann stark sein und klein werden, ganz wie die äußeren
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Umstände es ermöglichen, ob Sonnendürre sie austrocknet oder Regen und Feuchtigkeit ihr Nahrung geben. Ich meine, so müßte es auch mit der Liebesfähigkeit eines Menschenlebens sein. Wie alle Kräfte des Lebens mit dem Leben wachsen und sich entwickeln oder verkümmern und sterben, so ist es auch mit der Liebesfähigkeit: Wie das Leben weiter wächst, so wächst mit ihr die Liebesfähigkeit, wenn sie Möglichkeit und Nahrung findet. In meinem vorigen Briefe schrieb ich Dir schon von meinem festen Glauben an die Liebeskraft und von der Art, wie ich sie in mir spüre. Und spürst Du nicht selbst am besten, wie sie sich mehr und mehr entwickelt, wie sie aus anfänglich kleinen Zeichen jetzt schon zu einer Kraft in mir geworden ist, die ihr recht behaupten will, die zum Kampf auffordert gegen alles, was sich ihr hindernd in den Weg stellt. Wenn so vieles in mir zur Entscheidung drängt, wenn so vieles in mir anders
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werden will durch das Zusammensein mit Dir, meinst Du nicht auch, daß dieses das Wirken der Liebeskraft in mir ist? Zwar muß ich immer wieder sagen, daß sie sich so ganz anders äußerst als bei Dir oder bei mir früher, daß sie still und stetig von unten aus der Tiefe heraus arbeitet. Das ist mir im Grunde noch viel lieber, und ich sehe gerade darin das eigentliche Wirken dieser Kraft. Eine Feststellung war mir wie eine innere Bestätigung dieser Kraft: Als ich von Deiner augenblicklichen Not erfuhr, war ich Dir so nahe und ich hatte so innigen Anteil an Deinem und Eurem Schicksal. Gewiß ist diese Mitfüllen und Mitleiden eine Selbstverständlichkeit christlicher Nächstenliebe, doch hier spürte ich die tiefe Beziehung von Mensch zu Mensch, seine Not war auch meine Not, sein Schicksal war auch mein Schicksal. Das aber ist für unser gemeinsames Leben das Ausschlaggebende: alles gemeinsam
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tragen zu können, nichts voneinander geheim zu haben, eine Tiefe, innere Gemeinschaft zu haben im Glück wie im Schmerz, in guten wie in traurigen Stunden.
Gestern abend habe ich den Brief unterbrechen müssen, weil der Soldatentag zu Ende war. Heute in der Frühe – die Batterie ist zum Unterricht – finde ich noch etwas Zeit, den Brief zu beenden, dann kann die Post ihn gleich noch mitnehmen.
Liebste, ich bin so in Unruhe darüber was Du, Deine und meine Lieben, unsere Freunde machen, ob sie alle noch das Leben und die Gesundheit haben. Nach dem Angriff vom Sonntag klappt die Post von Köln überhaupt nicht mehr.
Marga, Du wirst kaum zur Ruhe kommen in dem Wirrwarr der Ereignisse und zum Schreiben wird Dir kaum Gelegenheit gegeben. Darum gib mir bitte nur kurze Nachricht, wie Du es gut
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fertig bringen kannst.
Liebste, ich hoffe und glaube, daß Ihr jetzt innerlich etwas zur Ruhe gekommen seid. Wenn Ihr irgendetwas benötigt oder brauchen könnt von mir und von meinen Sachen, nehmt nur immer davon, seien es nun Schuhe, Hemden, Strümpfe. Setze Dich mit den Eltern in Verbindung. Ich werde ihnen auch schreiben.
Jetzt muß ich den Brief beenden, die Post geht weg.
Du Liebste, herzliche und frohe Grüße von Deinem
August