August Broil an Marga Ortmann, 20. Juli 1943
30./7.
Bremen, am 20.7.43.
Du, meine liebe Marga,
es zwingt mich immer zu Vergleichen zwischen diesem ganz kurzen Zusammensein eines Sommersonntages und dem des Pfingstfestes. Denn zwischen diesen beiden Tagen liegen für uns so grundlegende Umgestaltungen der Bande und Beziehungen zwischen Dir und mir, daß wir ihre wahre Tiefe und Wichtigkeit erst später einmal recht zu würdigen wissen werden. Darum war auch das eine Zusammensein vom anderen so grundlegend unterschieden. Das pfingstliche Zusammensein könnten wir vielleicht so deuten: Der gemeinsame Weg ist von uns beiden als richtig und notwendig erkannt worden. Darum haben wir innerlich und äußerlich damit begonnen, ihn gemeinsam zu führen. Groß und fragend stand jedoch hinter
diesem gemeinsamen Entschluß das Bangen um die letzten Tiefen, die voreinander verschlossen lagen wie in tiefen Schächten. Alles Beglückende des Beisammenseins konnte dieses Fragende nicht überbrücken und als nicht da seiend scheinen lassen. Wir sind uns dieser Schmerzen bewußt geworden, und sie fanden Ausdruck in unserem Tun an den pfingstlichen Tagen und in den späteren Briefen. Das Erlebnis dieser Tage beeindruckte mich so erschütternd tief, daß sich endlich die Tiefen zu öffnen begannen und hervorquellen ließen, was vorher wie versteinert festgehalten war. Wie eine Last wälzte es sich in meinen Briefen dann von mir, und da stand nun mein Letztes, mein Tiefstes nackt und bloß vor Dir. Ich selbst war aus mir heraus-
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gekommen und hatte in ganz großem, gläubigen Vertrauen in Deine hingebende und opferbereite Liebe alles geoffenbart, was drückend und sogar trennend zwischen uns lag. Dankbar habe Deine flehenden Hände alles angenommen und in Dein Inneres hineingetragen, wo es nun liebevoll geborgen liegt. Der trennende Vorhang war gefallen und wie neues Land laga nun unser gemeinsamer Weg vor uns. In diese Zeit fiel dann die schwere Prüfung Eurer Familie, der schicksalhafte Verlust all Euren Hab und Guts, der von Dir und den Deinen neue schwere Entscheidungen verlangte: Es gelang Euch, sicherlich in harten Kämpfen mit bösen und verführerischen Gedanken, dem Schicksal die positive Seite abzuringen. In diese Situation hinein fiel wie ein Geschenk von unschätzbarer Schönheit das neue Zusammensein an diesem Sommer-
sonntag. Du liebe Marga, wie dankbar können wir dem Herrgott sein, daß er uns diesen Sonntag geschenkt hat mit seiner wunderbaren Kraft und Innerlichkeit, mit seiner reinen Freude, die sich fast wie Unbekümmertheit ausnahm. Gestern abend habe ich noch einmal Deine Verse über das pfingstliche Zusammensein gelesen und dazu jene Verse von Januar, diese das Erblühen der Liebe erfahrenem Herzens spiegelnd, jene das Fragende, Ungewisse vor den letzten Geheimnissen. Da ist mir das Glück dieses Sonntages ganz zum Bewußtsein gekommen. Es war ein kurzer, sehr kurzer Tag, aber er war vom Erleben so reich angefüllt, daß er mir wie eine lange Zeit vorkam. Es ist vielleicht so, daß das Erleben der Ereignisse in der Zeit des Fernseins uns befähig, ganze Zeitabschnitte eines Menschenlebens in einem
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Tag zusammenzudrängen. Es ist gewiß äußerlich nicht viel geschehen, und für einen fremden Menschen mag dieser Sonntag nicht anders ausgesehen haben wie jeder andere Sonntag zweier Menschen, die sich lieben. Uns selbst aber hat er ungeheuer viel bedeutet und was er uns bedeutet hat, das können nur wir erfühlen und erahnen. Eines kann ich jetzt ganz ruhi aussprechen: Die Zweifel an mir selbst, das Fragende in mir, ob es mir wirklich möglich sein würde, Dir so ganz zu gehören, wie Du Dich zu mir bekannt hast, sind nun ganz und gar entkräftet. Es beginnt der Boden zu wachsen, auf dem wahre Liebes- und Lebensgemeinschaft gedeihen kann. Nun ist mir auch um den Weg nicht mehr bange, wie er kommt, wie er sein wird. Eins wissen wir: daß wir ihn gemeinsam gehen werden wie Gott uns die Gnade dazu verleihen wird; daß wir unsere ganze, ungehemmte Liebeskraft dazu hernehmen werden.
Wir werden darum jetzt nicht mehr lange zögern und warten und nach all den vielen äußeren Möglichkeiten der Zeit und der
persönlichen Gegebenheiten fragen; denn von ihnen werden wir immerfort abhängig sein. Wir selbst können sie letztlich doch nicht endgültig bestimmen, das erleben wir Menschen heute täglich. Wenn wir gläubig und vertrauend unser Geschick in Gottes Hand legen, dann müssen wir es auch in dieser schweren Zeit wagen können, die endgültige Lebensgemeinschaft zu beginnen. Das soll fortan unser fester Entschluß sein, und ihn zu verwirklichen, danach werden wir mit aller Kraft trachten – nicht blindlings, sondern vernünftig erwägend und prüfend, keineswegs aber ängstlich und übervorsichtig. Ich glaube, meine liebe Marga, daß dieser Vorschlag auch Deinem inneren Anliegen ganz entgegenkommt.
Du Liebste, ich sehe Dich die beiden male Abschied von mir nehmen, damals Pfingsten und jetzt. Damals war eine Stille in uns, ein Fragen lag in Deinen Blicken, fast war es eine Trauer, die auf unseren Herzen lag
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und eine Wehmut, daß wir an jenen Tagen nicht zu der letzten inneren Einheit gekommen waren. Jetzt aber sehe ich Deine leuchtenden und strahlenden Augen vor mir. Ich sehe Dich davonradeln nicht zage und verhalten wie um noch einmal eine Frage stellen zu können, sondern mutig und froh. Ich sehe Dich – auf dem Bahnsteig stehend – eifrig und sicher voranstreben. An den grünen Hecken entlang fährst Du, noch zu erkennen an dem hurtigen Dahineilen in der hellblauen Bluse bis Du dann in der Ferne entschwindest, den Hügeln unseres geliebten Bergischen Landes zustrebend.
Meine Fahrt zurück nach Bremen ging rercht gut von statten. Ich brauchte nicht über Hannover zu fahren, sondern erhielt in Duisburg die Erlaubnis, mit dem „verbotenen“ Fronturlauber zu fahren, der unmittelbar nach Bremen geht. So kam ich in den frühen Morgenstunden in Bremen an. In der Kaserne konnte ich mich zunächst ein paar Stunden ausruhen, und dann gings wieder frisch ans Werk.
Ich hatte vor, nun noch etwas über die Arbeit von Gräf zu schreiben „Vorsehung und Leid“. Aber
ich will das in einem besonderen Briefe tuen, denn es sind da tiefe Gedanken, die nachgedacht sein wollen. Mit manchem bin ich gar nicht so recht einverstanden. Dieser Brief müßte dann noch ein paar Tage warten, und dass kann ich Dir nicht zumuten.
Heute kamen zwei feine Briefe von Dir. Auch sie will ich jetzt in aller Stille noch einmal lesen. Es war der eine Brief mit den Schilderungen der noch furchtbaren Schrecknisse und denen des wunderbaren Erlebnisses am Weiher. Der andere berichtet mir von den Wohnungsfragen und dem Glück, in B.-Gladbach eine Wohnung zu finden. Dann von dem Erlebnis der Not des einsam sterbenden Menschen.
Dieser Tage fand ich in der Frankfurter Zeitung einen Aufsatz über Köln von Alfons Paquet. Ich lege ihn für Dich und die Deinen zum Lesen bei.
Meine liebe Marga, ich grüße Dich heute so von Herzen froh. Du bist mir jetzt immer so nahe trotz aller Ferne.
Dein August