August Broil an Marga Ortmann, 25. Juli 1943
Bremen, den 25.7.1943.
Meine liebe Marga,
es ist heute eine wunderbarer, leuchtender Sommernachmittag. Ein luftiger, frischer Wind geht. Ich kann nicht aus der Kaserne, darum will ich diesen Nachmittag in Gedanken ganz mit Dir verbringen, ähnlich wie Du es immer machst, wenn Du briefeschreibend bei mir weilst und Dich mir dann so nahe fühlst. Wenn wir nicht beisammen sein können, dann sind diese stillen Stunden des Briefschreibens fast ein Ersatz für das was wir entbehren. Es ist bisher auch tatsächlich so gewesen, dass wir geistig uns in den Briefen immer näher gekommen sind, vielleicht sogar näher als es im wirklichen Beieinandersein hätte möglich sein können. Wenn wir einmal darüber nachsinnen, so werden wir feststellen, dass wir wirklich die Probleme fast ausschließlich in den Briefen aufgeworfen, besprochen und zu klären gesucht haben. Dazu haben uns die äusseren Umstände gezwungen und gerade deshalb können wir getrost diesen Umständen dankbar sein. Wenn wir dann die wenigen Tage oder auch nur Stunden wirklich zusammen waren, dann hatten wir entweder noch nicht die Freiheit und Reife, die Probleme mündlich zu besprechen oder wir hatten im Uebermass, wie wir das Beeinandersein erlebten, keine Musse, an die Probleme heranzugehen. Ich glaube, dass wir uns darin einig sind, dass diese von aussen durch die Umstände herbeigeführte „Lösung“ uns gar nicht schlecht zustatten kommt, und dass wir damit schon sehr wie in dem Aufschliessen gegeneinander gekommen sind. Hätten wir diesen kurzen Sonntag des Zusammenseins besser nutzen können als so wie es geschah? Hätte die stille Weihe dieses festlichen Beisammenseins durch grosses und tiefschürfendes Problemewälzen ersetzt oder gestört werden dürfen? In dem stummen und stillen Beieinandersein haben wir dann auch soviel Probleme praktisch gelöst.
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wie es im mündlichen Gedankenaustausch gar nicht möglich gewesen wäre. Du, ich denke so oft daran, wie wir im hohen Grase am schattigen Waldrand lagen. Es ist schwer in Worten auszudrücken, was sich in den kurzen Stunden alles Neues von Dir offenbart hat, Neues, das in den vier Wochen seit Pfingsten durch das ehrliche Sich-Oeffenen in den Briefen frei geworden ist, um mir geschenkt zu werden. Ich spürte es mit allen Fasern meines Herzens, wie Du Deine frühere Scheu vor dem nachen Zusammensein, die ich als Deinen kostbaren, natürlichen Besitz zu achten wusste, zu verlieren begannst, wie es Dich drängte, nicht nur in Gedanken das feine Beieinandersein der Liebenden zu erleben, sondern es auch wirklich zu tun. Früher dachte ich immer, das müsste ein Problem sein, und wir müssten darüber einmal ins Gespräch kommen. Nun aber ist ganz natürlich die Entwicklung vorangeschritten, und ich stehe wie vor einem Wunder des Lebens, in dem sich alles so fortentwickelt, wenn die Zeit dazu da ist. Glaube mir, meine Liebste, diese Antwort auf meine Gedanken, auf meine schweren und ernsten Briefe war mir eine so frohe und positive Antwort, wie Du sie mit Worten nie hättest sagen können. Die äusseren Gegebenheiten mögen dazu beigetragen haben, dass uns dieses Erleben so wunderbar möglich wurde: Du hattest so furchtbare Tage und Nächte hinter Dir, Du hattest die Wucht und Schwere meiner Briefe in Deinem Herzen getragen, ich selbst trug die Ungewissheit über Euer und aller Lieben Schicksal und das Aufbrechen meiner Tiefen in mir. Da musste eine Reaktion solcherart kommen, dass wir so still und fein zusammen sein konnten, das war eine köstliche Beruhigung Deiner und meiner in Aufruhr befindlichen Seelen. Es war dieses Mal so, vielleicht wird es noch oft so sein, wenn wir nur so kurze Stunden gemeinsamen Glückes haben. Wir wollen dankbar, von Herzen dankbar dem gütigen Schöpfer sein, wenn er uns solch herrliche Möglichkeiten
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inneren Ausruhens und Erholens schenkt. Aber auch das andere kann möglich sein, dass wir solche Stunden gestalten müssen in geistiger Durchdringung all der Probleme, die immer neu an uns herantreten werden. Wenn das einmal so ist, dann wollen wir daran denken, dass wir dieser Möglichkeit und auch Notwendigkeit vollauf bewusst gewesen sind, und dann werden wir immer zu einem positiven Ausgang all unserer schönen gemeinsamen Stunden kommen und damit auch zu einer immer intensiveren Vertiefung der gemeinsamen Ziele und Absichten.
Meine liebe Marga, ich wollte eigentlich diesen Brief damit beginnen, dass ich über „Vorsehung und Leid“ von Gräf etwas sagen wollte, wie ich das in meinem letzten Brief versprochen hatte. Nun ist aber Dein Brief vom 21.7. gestern schon, also nach zwei Tagen, bei mir eingetroffen. Dein Brief ging mir so zu Herzen und hat das andere zunächst verdrängt, sodass ich erst auf Deinen Brief antworten muss. An dem was ich oben geschrieben habe, wirst Du auch gemerkt haben, dass Dein Brief schon bei mir gewesen sein muss, denn es setzt, wenn auch nicht direkt so doch in Gedanken voraus, dass ich Deinen Brief schon gekannt haben muss.
Wenn ich in diesem Brief lese, so ist mir eins ganz besonders aufgefallen: Ohne dass Du meinen Brief gehabt haben konntest, sind entweder die Gedankengänge ganz ähnlich denen meines Briefes oder es findet sich in vielem schon eine Antwort auf das, was ich geschrieben habe. Ist das ein Zufall oder eine ganz natürliche Sache? Ich glaube, das letztere ist der Fall. Diese Uebereinstimmung ist ganz einfach einmal die Auswirkung unseres gemeinsamen Erlebens, zum anderen aber, und das in ganz besonderem Masse, ist sie darauf zurückzuführen, dass wir jetzt so offen und frei zueinander sprechen dürfen, weil wir uns die Tiefen
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der Seelen geöffnet haben. Ist das nicht eine sehr feine und tröstliche Feststellung! Zwar soll das nicht heissen, und das wäre auch sehr schade, dass wir in allem und jedem von vorn herein eins sein müsste. Vielmehr ist es gerade die Verschiedenheit unseres Seins, die uns zu einer Einheit bringen soll und auf dem Wege dazu ist. Aus dieser Anerkennung der Verschiedenheit und der ganz persönlichen Veranlagung zu einer Einheit zu kommen, das ist die freudige Arbeit, die uns so eins werden lässt, und die uns so viele Dinge in gleicher Art anfassen und beurteilen lässt. Du Liebste, wenn wir das immer fertig bringen in unserem gemeinsamen Leben, dann haben wir viel, sehr viel gewonnen.
Wie ist es möglich, dass Du im ersten Aufwallen der Freude des Wiedersehens diese Freude als Schmerz empfunden hast? Ist es vielleicht so, dass in diesen höchsten Aufwallungen menschlichen Erlebens die Empfindungen ganz dicht beieinander liegen, dass es oft nur einer Kleinigkeit bedarf, um aus Freude Schmerz zu machen, aus Glück Unglück, aus Erhabenheit Lächerlichkeit? Es sind das die Grenzen menschlichen Empfindens, die so ungeheuer sind, aber auch so empfindsam. Ich stelle mir das vor wie eine kostbare Vase aus edlem Material. Wir müssen sie ganz behutsam in den Händen halten, ein unvorsichtiger leichter Stoss kann aus dem edlen Kunstwerk ein Häuflein unscheinbarer Scherben machen.
Sehr fein schreibst Du über unser gemeinsames Ziel und über unsere Arbeit auf das Ziel hin. Ich habe diesen Gedanken auch in meinem Briefe Dir nahe gebracht und gesagt, dass er Deinem inneren Anliegen entspreche. Die Antwort hierauf hast Du mir in Deinem Brief ganz klar gegeben. Du spürst, wie in Dir das Zurückhaltende, das
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Hemmende weicht und wie der Gedanke an die endgültige Gemeinschaft Dir immer vertrauter wird. Auch mir ist es so ergangen. Wenn ich auch im Tiefsten wusste, dass wir beide füreinander bestimmt waren und darum nicht scheute, Dir den Weg hierzu aufzuzeigen, so war auch mir zunächst der Gedanke an eine endgültige Vereinigung mit Dir noch fremd und unfassbar, so fern war mir Dein ganzes Sein noch. Aehnlich wie Du konnte auch ich mich mit dem Gedanken des immerwährenden Zusammenseins mit Dir noch gar nicht vertraut machen. Dass mir trotzdem die innere Einsicht kam, über allee Hemmungen hinweg den Weg frei zu machen, darob muss ich heute überaus dankbar und froh sein. Erst jetzt, da wir uns versprochen haben, in allen Dingen unser Innerstes ganz zu öffnen und auch tatsächlich damit begonnen haben, fällt es mir so leicht, jene Gedanken zu denken, und ich denke sie gerne und oft, und ich denke sie mit einer Sehnsucht im Herzen. Meinst Du nicht auch, meine Liebste, dass wir eine solche Entwicklung als ein feines Gechenk hinnehmen sollen?
Meine Marga, jetzt, wo Du unser Gespräch über die Liebesfähigkeit eines Menschen noch einmal erwähnst und Deine Gedanken dazu sagst, versuche auch ich, meine Gedanken hierüber noch klarer Dir nahe zu bringen. In der Zeit, als ich trotz des Verbundenseins mit Dir noch sehr allein stand und mir dieses Alleinsein so oft Schmerzen bereitete, war es wirklich nicht so, dass meine inneres Erleben mich in meinem Glauben an die Liebesfähigkeit bekräftigt hätte. Du hast damals ganz richtig empfunden, denn mein Wesen und mein Verhalten Dir gegenüber konnte Dir zu gar keiner anderen Deutung Veranlassung geben. Ich selbst habe oft Zweifel gehegt und gemeint, dass etwas unwiederholbar verloren sei. Das war es wohl auch und wird es bleiben, daran ist nicht zu deuteln. Trotzdem war in mir der feste Glaube, und dieser Glaube allein
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war es, der mir geholfen hat, dass diese Kraft neu erstehen würde, neu aufblühen würde und damit auch ganz neu und ganz anders sein würde. Wenn sie aber wieder sein würde, wenn sie ihre Glut wieder entfalten würde, dann würde sie in ihrer Art wieder das wirken können, was ihr zu wirken notwendig sei. Damit wollte ich dann sagen, und daran glaube ich jetzt ganz fest, dass diese Kraft nicht etwas einmaliges ist, sondern dass sie etwas dem Menschen wesentlich gehöriges ist, das in ihm ruhen kann, wenn keine Notwendigkeit ihrer Entfaltung gegeben ist und das wunderbar aufbrechen kann, wenn die Zeit es verlangt. Wir Menschen machen zu leicht den Fehler, dass wir Vergleiche anstellen wo wir nicht vergleichen können und vergleichen dürfen. Wir müssen es dagegen so machen, dass wir die Entwicklungen und Erlebnisse der Menschen als Tatsachen hinnehmen und sie lediglich zu werten versuchen im Hinblick auf das Gesamtbild des Menschen und seine Gestaltung. So, meine Liebste hast Du es auch aufgefasst, das sehe ich aus Deinem Brief, in dem Du sagst, dass Du es nie anders zu erfahren wünschst als Du es mit mir erlebt hast. Wir wollen jedoch auch hier nicht so unbedingt eine vollständige Lösung des schwierigen Problems erwarten. Vielmehr wollen wir das tun, was ich oben schon sagte: Endgültige Klärung dem Leben und der Erfahrung überlassen, die uns dann eines Tages Gewissheit geben werden, ohne dass wir noch gross darüber sprechen müssen.
Weisst Du, meine Marga, wie mir der Satz in Klammern Freude gemacht hat, denn er war so ehrlich und so froh ausgesprochen: Es dürfte Dir jetzt schwer fallen, mich zu „betrüben“, ich würde es Dir doch anmerken. Aus diesem Satz spricht ein grosses Selbstvertrauen und ein noch grösseres Vertrauen in den anderen, das volle Offenheit und Ehrlichkeit voraussetzt. Es spricht aber auch daraus
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die Eigenart des fraulichen Denkens und Fühlens, des ganz feinen Sinns für die innersten Regungen des anderen. Die Frau vermag sich so in das Wesen des anderen hineinzutasten, dass sie es wie ihr eigenes erkennt. Gewiss kann Menschenkenntnis auch den Mann befähigen, Geradheit und Offenheit von Unehrlichkeit und Heuchelei zu trennen, aber es ist doch nicht dieses Ahnen möglich, das den anderen so ganz und gar umfasst. Mir geht es so, dass ich an Deine Ehrlichkeit und Offenheit ganz einfach und ohne jeden Nebengedanken glaube. Es gibt eben gar nichts anderes. Das andere wäre nur, dass ich nicht daran glauben würde - - ja und dann wärest Du eben nicht meine Marga, die Marga, der ich alles sagen konnte und sagen musste.
Heute am Sonntag will ich den Brief fertig schreiben. Er ist so leuchtend und schön wie der vorige Sonntag in Berg. Gladbach, nur Du bist jetzt nicht bei mir. In Gedanken geht der ganze schöne Tag an mir vorüber. Es ist jetzt gerade Mittagszeit. Vorigen Sonntag um diese Stunde sassen wir auf dem Baumstamm in der Heide und erzählten und ein klein wenig von all dem was in uns und um uns vorgegangen war. Für mich hat dieser heutige Sonntag noch eine besondere Bedeutung, weil es mein Geburtstag ist. Ich müsste so ähnlich schreiben, wie Du mir an Deinem Geburtstag geschrieben hast. Wie ist doch dieses letzte, dreissigste Jahr meines Lebens so ganz anders und so ganz neu gewesen im Vergleich zu den früheren Jahren. Wenn ich zurückblicke auf dieses Jahr, so muss sich mein Herz voll Dankbarkeit öffnen und ganz weit werden, es muss dem Herrn ein rechts Loblied des Dankes singen. So gut hat er mich geführt. Er hat mich durch alle Fährnisse und alle Nöte geleitet, oft war mir der Weg schwer und steinig, auch die Strecke des Weges, die dann mit Dir begann. Doch der Herrgott hat Ver-
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trauen in mich hineingelegt, Vertrauen in das Werk seiner führernden Hand. Und wenn mein menschliches Wollen und Sehnen seine eigenen Wege gehen wollte, so hat er mich gelehrt, zäh am rechten Weg festzuhalten. Nun gehen wir gemeinsam in ein neues Jahr hinein. Wir wissen, dass es viel von uns fordern wird. Aber wie bisher stets das Beste geschehen ist, so wird auch die Zukunft gut für uns sein. Vielleicht wird das Jahr uns die Erfüllung unserer sehnlichen Wünsche bringen, vielleicht auch sind wir noch zum Warten bestimmt. Immer ist das, was in der Zukunft vor uns liegt ungewiss und dunkel, doch wird es hell in dem gläubigen Vertrauen, das wir diesem Dunkel entgegenbringen.
Meine Liebste, ich will sehen, dass ich heute nachmittag noch etwas von der schönen Sonne mitbekomme, deshalb will ich für heute ein Ende machen. Es gäbe noch so viel zu schreiben und der Stunden sind doch so wenige.
Heute erhielt ich ein Brieflein von Eurem Echen. Ich werde wohl jetzt eine rege Korrespondenz mit ihr führen müssen, wenn sie so freundliche Schlussätze wie „es grüsst und küssst Dich“ gebraucht. Sie wusste noch nichts davon, dass Ihr in Bergl. Gladbach wohnt. Doch scheint es ihr am Meer gut zu gefallen und das Essen sei „prima“.
Der Brief mußte bevor er zu Ende ging nochmal mit in den Keller: Fliegeralarm. Jetzt soll er hier beendet werden. Du, ich grüße Dich von Herzen froh und stark
Dein August
Recht frohe Grüße an die Eltern und Geschwister.