August Broil an Marga Ortmann, 12. Juli 1943
Bremen, am 12. Juli 1943
Du, meine Marga,
Jetzt ist es ganz still um mich herum geworden. Auf den steinernen Fluren der Kaserne hört man nur hin und wieder den harten Soldatentritt. Die Batterie ist zur Übung und Besichtigung abgerückt in die Heide. Auf der großen Stube, in der sich sonst 20 Kameraden aufhalten mußten, bin ich jetzt ganz allein. Weil ich im Innendienst war, brauchte ich nicht mit zur Übung. Wenn dann die Kameraden zurückkommen, wird es bald von Bremen weggehen irgendwohin ins Feld. Dann wird der ganze Ernst des Einsatzes über sie kommen,
sie werden alles hergeben müssen, was sie in sich tragen, um eigener Herr und Herr der Dinge zu bleiben. Welches Schicksal mag ihnen beschieden sein. Doch ich glaube, daß die meisten von ihnen mit geradem Sinn und gutem Mut hinausgehen werden. Es sind keine jungen Burschen mehr, die gedankenlos weitertappern, aber gerade das Erfahrensein, das Mannsein, läßt sie – gewiß nicht jubelnd und freudig – aber ernst und bestimmt der Zukunft entgegensehen. Sie sind alle nicht in trügerischen Hoffnungen verstrickt auf glanzvolle Siege: Vier Jahre Krieg hat sie gelehrt, mit den Tat-
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sachen zu rechnen. Sie wollen kein Theater und keine Beeinflussung, sondern sie wollen das Leben in Familie und Heim, das ihnen jetzt und vielleicht für immer in Frage gestellt ist. Gott, der Herr hat sie ja alle in seiner Hand. Wenn sie hin und wieder einmal diese Tatsache auf ihrem Weg erkennen oder erfahren, dann ist dies ein großer Gewinn.
Meine Liebste, Du wartest auf mich; Du rufst nach mir mit eindringlicher, flehender Stimme. Ich höre Dein Rufen, ich lese es aus Deinen Zeilen. Es dringt so laut an mein Ohr, Du, Marga, dieses Rufen, dieses fast
flehende Rufen geht so tief in mein Inneres hinein. Du, es ist, als ob das Rufen neue Kräfte in mir wecken würde.
Meine Marga, es gut, daß Du so rufst, daß Du ganz ehrlich und gerade mit Deinem Alleinsein in Deiner Not zu mir kommst. Denn Du brauchst mich wirklich, Du kannst nicht immerfort alles allein tragen wollen. So wie Du das Letzte hergegeben hast, um mir zu helfen, Deine ganze Liebe, so mußt Du auch von mir das Gleiche fordern. Und ich will für Dich da sein, und Du sollst auf mich bauen können. Du, wie durch diese Not die Einheit zwischen uns beiden gewachsen ist, wie wir trotz der Ferne und trotz des Verzichtes auf das
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leibliche Zusammensein uns näher gerückt sind! Es erhärtet sich immer neu die Erkenntnis, daß wahre Gemeinschaft und letzte Gemeinsamkeit erst durch das Erleben von Höhe und Tiefe wachsen kann. Sieh unsere Eltern an: Wie ist ihre Einheit gewachsen? Alle Fährnisse des Lebens, alles Glück und besonders alle Not haben sie gemeinsam auf sich genommen; harte und härteste Tage haben sie durchstehen müssen, selbst die Belastung der Gemeinsamkeit wird zuweilen ungeheuer gewesen sein. Und nun stehen sie gefestigt da und sehen dem Schicksal ernst in die Augen.
Uns geht es ebenso in unserem Leben. Wir wissen jetzt um unsere
Gemeinsamkeit. Gott hat uns so geführt, daß wir sie wirklich erfahren konnten. Diese Gemeinsamkeit kann jetzt nur aus der Ferne wirken. Es wäre fein gewesen, wenn ich bei Dir hätte sein können in diesen schweren Tagen, wenigstens einmal ganz kurz, dann wäre alles so viel leichter geworden. Du hast das richtig gesehen. Aber dieses Glück wurde uns nicht gewährt. Es bleibt die Ferne. Doch, Liebste, ich glaube die Ferne ist so nahe geworden. Alles überbrücken die Gedanken; Gedanken die ein gemeinsamer Sinn trägt: Die Not überwinden zum Besten Gottes und damit zu unserem Besten.
Ich möchte gerne wissen, ob Du jetzt
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irgendeine Nachricht von mir bekommen hast, oder mußt Du noch immer nur mit den ahnenden weit herüberreichenden Gedanken allein sein.
Ja, selbst wenn gar keine Verbindung mehr möglich sein sollte so sind die Gedanken und die Gebete, die sich aus ihnen formen – wie Du so fein sagst – das einzige, nicht zu unterschätzende Zeugnis der Gemeinsamkeit. Drei Briefe habe ich von Dir bekommen nach dem ersten schweren Angriff. Zweimal schrieb ich für Dich zu uns nach Hause, heute will ich es versuchen nach der H.B.-Straße zu schreiben. Wenn doch einer meiner Briefe zu Dir durchkäme, da ich weiß wie notwendig Du sie brauchst. Auch habe ich heute versucht, Deinen Eltern
einen Brief zu schreiben.
In einem Deiner Briefe schreibst Du so treffend: „Nun ist Deine Marga ganz arm“; in einem andern Brief berichtest Du von dem schmerzlichen Verlust Deiner Aufzeichnungen. Marga, ich fühle mit Dir, was dies zu bedeuten hat. Ich weiß, daß Du sicherlich Dein Tagebuch wie einen kostbaren Schatz gehütet hast, und daß er Dir neben unseren Briefen sehr am Herzen lag. Trotzdem wollte das Schicksal gerade diese Blätter Dir nicht belassen. Ob nicht ein tiefer, zwar schwer erklärbarer Sinn darin liegt? Man kann alle liebgewordenen Dinge verlieren, den Verlust wird man bald verschmerzen. Dies aber ist ein Stück des eigenen Lebens, darum ist der Verlust so schmerzlich. Mußte
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er dennoch sein? Wie sehr sind alle selbst erdachten Sicherungen, auch die Sicherung des Erlebten für die Zukunft, Stückwerk. Alles ist ja – wie Du ganz richtig schreibst – in Deinem heutigen Sein enthalten, Du liebe, „arme“ Marga. Ich weiß wie arm Du bist, ich weiß, daß dieses „arm“ nur äußerlich sein kann, ich weiß, daß dieses „arm“ mich auf den Plan ruft, Deinen wirklichen Reichtum zu sehen.
In diesem Bewußtsein wollen wir beide jetzt sehen, was wir tun können, welche Notwendigkeiten sich für den Aufbau einmal Eurer Familie und zum anderen unserer Zukunft ergeben. Es ist ja schwierig von hier aus zu raten oder vorzuschlagen, weil ich nicht beurteilen kann, wie die ganzen Verhältnisse liegen. Es kommt hier die Aufgabe
der in der Heimat verbliebenen Frauen, von der wir einmal sprachen, ganz krass zum Vorschein: die Initiative und Sorge für die Dinge des täglichen Lebens auf sich nehmen, die sonst dem Manne obliegen. Wenn die Verhältnisse etwas geklärt sind, dann mußt Du mir darüber einmal schreiben. Dann wollen wir gemeinsam überlegen, was zu tun ist.
Meine Marga, jetzt stehen wir kurz vor einem hohen Festtag für Dich und damit auch für mich. Bei Dir ist es das schöne Zusammentreffen des Tauftages und des Namenstages, das diesem Festtag seinen besonderen Sinn gibt. Eine gemeinsame Feier dieses Tages ist uns nur im Geiste möglich. Wenn ich in den „Hymnen an die Kiche“ lese, dann wird mir
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ein klein wenig von der Bedeutung dieses Tages für das Menschenleben klar, dann spüre ich etwas von der Unendlichkeit des Wirkens, in dass wir mit diesem Tag hineingenommen sind. Wie tief Du selbst dieser Kräfte inne geworden bist, das lese ich immer aus Deinen Briefen, das weiß ich aus Deinem Sein, wie Du es mir bisher geoffenbart hast. Du, wir wollen an diesem Tag gemeinsam beten um ein immer tieferes Eindringen in die Geheimnisse unseres Glaubens und um das, was Dir und mir und allen Menschen heute so not tut: Um die Huld Gottes.
Nun will ich diesen Brief be-