August Broil an Marga Ortmann, 1. August 1943

7./8.

Bremen, den 1.8.43.

Meine liebe Marga

Ich will den Sonntag nicht vorübergehen lassen, ohne mit Dir, wenn auch nur im Brief ein wenig geplaudert zu haben. Der heute Sonntag begann sehr gut. Ich hatte es so einrichten können, daß ich am Sonntagmorgen frei hatte. Die Woche über hatten wir viel Arbeit, und es ist manchmal länger geworden als üblich, sodaß ich die „sonntägliche Drückebergerei“ wohl vertreten konnte. In der Kirche St. Johanni, einer gotischen Backsteinkirche wollte ich das Meßopfer mitfeiern. Leider fiel aus mir unbekannten Gründen die 9-Uhr-Messe aus, auf die ich mich eingerichtet hatte. Trotzdem habe ich eine feine Stunde im Gotteshaus erlebt. Es waren einige Soldaten anwesend und ein paar Gläubige. So hatte ich eine gute Gelegenheit zur hl. Beichte. Nachher konnte ich noch kommunizieren. Die Gelegenheit zur Beichte ist für mich als Soldat ein besonderes Geschenk, und ich spürte so recht die Notwendigkeit, wieder tiefer in sich hineinzuschauen. Das abendliche Überdenken des Tages

geht doch mehr oder weniger unter in dem allgemeinen Zu-Bett-Gehen des Soldaten mit Stubenabmeldung und dergleichen Dingen. Meist nimmt einen der Schlaf so bald in seine Arme, und ein rechtes tiefes Zwiegespräch unseres Inneren mit Gott ist nur selten möglich. Die vierzehn Tage, die ich allein auf der Stube zubrachte als die Batterie zur Übung nach Münster war, empfand ich als eine Erholung vom eingepferchten Soldatentrott. Wenn man dann einmal so recht mit sich zu Rate gehen darf, dann spürt man, wie voller Fehlerund Unvollkommenheit man steckt. Jede Lebenslage bringt neue Möglichkeiten hierzu und schaltet andere aus. Fertig aber wird man nie. Ich habe Dir früher in Aachen schon davon berichtet: Dieses gemeinsame Leben mit den Kameraden. Es erfordert eine Unzahl neuer Bewährungsproben. Wie oft ertappt man sich bei seinem Egoismus, bei der Unduldsamkeit und Ungeduld. Wie ist man immer auf den eigenen Vorteil bedacht ohne Rücksicht, ob der Kamerad dadurch Schaden leidet. Sind wir denn überhaupt irgendwie besser als all die andern. Auch sie handeln in den

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meisten Fällen garnicht böswillig, sondern nur unbedacht, sie erkennen ihr Tun garnicht. Uns ist sicherlich mehr Erkenntniskraft in Bezug auf die Unterscheidung des Bösen gnadenhaft verliehen worden. Wie oft schlagen wir diese gute Kraft unseres Gewissens zur Seite und wollen nicht erkennen. Damit machen wir uns um so mehr schuldig. Es gibt noch so viele Dinge im Soldatenleben. Gewiß mögen die Vorgesetzten sein wie sie wollen, oft als Menschen gar nicht anzuerkennen. Berechtigt das denn irgendwie sich selbst zu überheben. Es ist nun so, daß diese Menschen uns vorgesetzt sind, und wir dürfen ihre menschlichen Schwächen nicht für die eigenen Vorteile ausnutzen, indem wir uns über sie hinwegsetzen wollen. Der Stolz im Menschen stachelt fortwährend auf. Man soll zwar nicht laff den Kopf einziehen, aber man soll auch lernen ohne Murren, ohne inneren Aufruhr, die doch nichts anderes fertig bringen als die Gesamthaltung zu beeinträchtigen, damit fertig zu werden. Sieh, meine Liebste, bei einer solchen Beichte wird man dann wieder

so recht gewahr, wie schwach und klein man innerlich noch ist. Manchmal über eine Kleinigkeit glaubt man ungehalten sein zu müssen, glaubt Brummen und Murren zu können. Wenn man dann später darüber nachdenkt, dann stellt man fest: Wie viele Menschen müssen Tag für Tag schwerstes Unglück, Entbehrungen und Leid mitmachen, und es wird ihnen gar keine Zeit gelassen auch nur einen Augenblick mit dem Schicksal zu hadern; selbst wenn man ihnen ruhig ein Recht darauf zubilligen könnte. Ob es vielleicht so ist, daß die ganz schweren Dinge in einem inneren Akt unerklärbarer Großmut ohne die Aufwendung letzter Energien getan werden können, während die kleinen alltäglichen Dinge den vollen Einsatz der menschlichen Persönlichkeit verlangen. Sie sind es, die den Menschen unaufhörlich fordern, die an ihm formen und ihn zernagen können. Es ist damit wohl wie mit dem Soldaten in der Schlacht und dem Soldaten im Schützengraben des Stellungskrieges. Der eine vermag in einer alles Kleine hinter sich lassenden Hochstimmung Unmögliches zu leisten, von dem andern wird Tag für Tag immer neu der Einsatz der Persönlichkeit und Haltung gefordert. Es sind dies Dinge, die für die spätere

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Gemeinschaft in der Ehe von großer Wichtigkeit sind. Wenn wir Tag um Tag zusammen sind, alles Gute und Böse, die großen und kleinen Dinge in unerbittlicher Folge auf uns einwirken, dann wird sich die Kraft unseres Inneren auf die Probe stellen müssen, dann wird sich beweisen müssen, ob unsere Gemeinsamkeit wahre innere Kraft hat.

Es ist gut, meine Liebste, wenn wir uns hier über auch jetzt schon offen und ehrlich besprechen können. Wir wollen innerlich gewappnet in das gemeinsame Leben eintreten. Auch habe ich das Empfinden, als ob Deine natürliche Veranlagung hierin viel besser wäre als die meine. Ich ertappe mich so häufig dabei, daß ich gerade mit den kleinen Dingen nicht so recht fertig werde. Manchmal macht mich das mutlos; doch muß ich dann immer daran denken, daß wir später ja zu zweien sein werden, und daß sich da manches ergänzen und ausgleichen wird, was heute allein und vielfach noch ungebunden dasteht.

Meine liebe Marga, ich habe Deinen Brief, den Du an meinem Geburtstag geschrieben hast, eben noch einmal wieder

gelesen. Ich danke Dir für Dein Gedenken zu diesem Tage, den ich ähnlich wie Du den Deinigen, in Gedanken mit Dir gemeinsam erlebte, indem wir beide des entscheidungsvollen Jahres gedachten, das uns der Herr geschenkt hatte.

Meine kleinen Verse, die ich Dir widmete, hast Du in der rechten Art verstanden. Sie sollten Dir prägnant und in gebundener Sprache mein Inneres und meine Entwicklung schildern. Ich habe die Verse an einem Abend hier oben auf der Stufe niedergeschrieben, als es ganz still hier war und die Nacht sich schon herniedersenkte. Ich wußte beim Niederschreiben, daß ich am darauffolgenden Sonntag bei Dir sein würde, dann wollte ich Dir damit eine kleine Freude machen. Ich bin ganz froh, daß mir das gelungen ist. Du freust Dich so sehr über all die Dinge, die uns im späteren Leben noch im gemeinsamen Erleben bevorstehen. Das ist etwas, was auch mir immer sehr viel Trost gibt in der Unvollkommenheit der jetzigen äußerlichen Gemeinsamkeit. Sicherlich wissen wir nicht, welcherart die Freuden sein werden. Vielleicht werden sie auf ganz anderen Möglichkeiten aufbauen müssen, von denen wir heute noch nichts ahnen können. Auch hierfür ist es fein

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daß wir früh genug erkennen, daß wir uns vielleicht ganz umstellen müssen. So haben wir auch hierin die Möglichkeit bewußter Vorbereitung und Schutz vor Enttäuschung.

In der vergangenen Woche war ich wieder auf der Schreibstube tätig. Beide Schreiber, die noch ihre Arbeit versahen, sind plötzlich abberufen worden, der eine durch Krankheit der andere durch Bombenschaden in Hamburg. Ich muß aushelfen. Wenn die Schreiber zurückkommen, ist es möglich, daß mir Sonderurlaub von sieben Tagen gewährt wird. (Räumungs-Urlaub Rhein-Ruhr) zum Zwecke der Sicherstellung von Hab und Gut, soweit noch vorhanden.

Sicher ist ja noch nichts, aber freuen können wir uns trotzdem schon. Wenn es wahr würde, so gäbe es neben der Arbeit, die zu leisten wäre, viele Stunden für unsere Gemeinsamkeit.

Nun sitze ich hier am Fenster, wo ich schon so oft saß, als ich meine Briefe an Dich schrieb. Die Sonne, die zeitweise hinter Gewitterwolken verborgen war, meint es nun wieder sehr gut. Jetzt denke ich unwillkürlich an all die herrlichen Bilder

der Erntezeit auf dem Lande. Welcher Friede, welche Ruhe und Wonne kann da in das geplagte Herz des Stadtmenschen einziehen. Die Arbeit der Schnitter, der Bauern und Mägde ist sicherlich eine schwere und harte, aber sie ist auch eine friedliche, beruhigende. Müssen nicht die Menschen, die sie tun dürfen, Ruhe und Freude in ihren Herzen haben.

Liebste, ich weiß nicht, ob meine Briefe jetzt endlich bei Dir sind. Ich wünsche es Dir, wenn ich weiß, daß Du sie genau so brauchst wie ich die Deinigen. Diesen hier will ich heute noch auf die Post bringen, er müßte dann einen Tag früher bei Dir sein.

Ich grüße Dich herzlich, Liebste. Hoffentlich können wir uns bald wiedersehen.

Dein August.