August Broil an Marga Ortmann, 29. Juli 1943
Bremen, den 29.7.43.
Meine liebe Marga,
ich will Dir aufschreiben, was ich im Laufe der letzten Tage in freien Stunden überdacht habe, Gedanken, die wir austauschen müssen.
Vorsehung und Leid
Ueber dieses Problem ist in der Kriegszeit von manchen geschrieben worden. Auch in unserem früheren Kreis haben wir über die Vorsehung mehrere Male gesprochen. Ich weiß nicht, ob Du damals schon dabei warst, als wir aus Guardinis Büchlein „Vom lebendigen Gott“ den Abschnitt über die Vorsehung bespachen. Dieser Abschnitt hatte mich ganz besonders stark beeindruckt im Hinblick auf die tiefe Schau, die uns Guardini vermittelte. Ähnliche Gedanken waren in dem kleinen grünen Heftlein „Jesus und die Vorsehung“ enthalten. Man müßte diese Schriften jetzt noch einmal durcharbeiten könne, denn im Laufe der Zeit geht einem doch viel verloren. Wenn auch die direkten Gedankengänge und Ausführungen nicht mehr gegenwärtig sind, so hat doch die damalige Durcharbeitung des Stoffes dazu geführt, uns ein ganz bestimmtes Bild von der göttlichen Vorsehung zu geben, das in uns verankert ruht,
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von Zeit zu Zeit jedoch einer Auffrischung und Durchkräftigung bedarf, indem wir uns wie jetzt mit einer neuen Arbeit an das Problem heranmachen.
Kürzlich waren mir beim Lesen des Johannes-Evangeliums ebenfalls die Gedanken hierüber wieder nahe gekommen. Ich las das Kapitel von der wunderbaren Heilung des Blindgeborenen (Joh. 9). Der Evangelist berichtet wie der Meister mit den Jüngern an einem Blindgeborenen vorüberkommt. In der damaligen und auch heute vielfach vertretenen Ansicht war das Leiden eine Buße für die eigenen Sünden oder die Sünden der Väter. Sie fragten deshalb den Herrn, der ja um die Geheimnisse jeder Menschenseele wissen mußte, ob diese Mensch für die eigenen Sünden oder die der Väter büße. Jesus aber erwiderte darauf, daß er weder für die eigenen Sünden noch die der Väter büße, sondern an ihm solle die Herrlichkeit Gottes offenbar werden. Durch die wunderbare Heilung verherrlicht Jesus dann den Willen seines himmlischen Vaters. Mir gab dieser Bericht und die Auffassung über den Sinn des Leides für die Jetztzeit zu denken. Ist wirklich das Leid, daß jetzt unzählige Menschen tragen müssen, Sühne führ ihre Sünden oder die der Menschheit?
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Der Gedanke ist naheliegend und gewiß auch berechtigt. Doch glaube ich, daß wir neben dem Gedanken der Sühne diesen Gedanken der Verherrlichung Gottes vielmehr einbauen müssen in die Zusammenhänge des heutigen Geschehens. Wenn wir beiden Gedanken, sowohl dem der Sühne wie dem der Verherrlichung nachgehen, so müssen wir schließlich feststellen, daß beide letztlich den gleichen Sinn tragen: nämlich die Verherrlichung Gottes; denn die Sühne, die ein Mensch bewußt erkennt und anerkennt ist nichts anderes als eine Hinnahme der Herrlichkeit und Größe Gottes über allem Geschehen in unserem Zeitlichen. Wir sind uns bewußt und haben erkannt, daß das Menschengeschlecht diese Herrlichkeit Gottes beleidigt hat. Wenn nun Gott den Menschen und oft gerade den Menschen, der sich ganz besonders um ihn müht das Leid in stärkstem Maße zugedacht hat, und wenn diese Menschen sich an dem Leid bewähren und aufrichten und für ihn stark und groß werden, so ist das wohl schönste Offenbarung seines herrlichen Wirkens. Die Bewährung dieser Menschen reißt Schwache und Gebrochene mit sich, sie zeigt den Verlorenen und Gesunkenen das Wirken der göttlichen Kraft. Welch große Möglichkeiten bestehen, daß aus dem Leid Gottes Herrlichkeit offenbar wird!
Wir sind allzu oft versucht, das Wirken Gottes mit menschlichen Maßen zu messen, indem wir eine Rechnung aufstellen wollen mit Soll und Haben. Auf der einen Seite stehen die Sünden und Beleidigungen
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und auf der anderen stehen die guten Werke. Die beiden sollen gegeneinander aufgerechnet werden. So schrieb mir vor einigen Tagen ein junger Theologie-Anwärter und ehemaliger Kamerad, daß er mit seinen Gleichgesinnten durch die von ihnen bewirkten guten Werke der Gottesmutter ein Gnadenkapital zur Verfügung stellen wollten, aus dem sie für die Menschheit frei verfügen könne. Auch in der Gräfschen Arbeit finde ich diesen Gedanken zu stark hervorgekehrt. Sehr fein sind dagegen die Gedanken von Liebe und Leid. Hier ist der Kernpunkt des göttlichen Wirkens als göttliche Vorsehung wunderbar klar geworden. Ganz besonders die Beispiele von den strafenden Eltern und von der wärmenden, reifenden und doch blendenden Sonne.
Es ist sehr schwer für die heimgesuchte Menschheit das ihr zugefügte Leid als liebevolles Wirken Gottes zu erkennen. Im Augenblick des Geschehens ist das zumeist garnicht möglich, weil fast immer die Art unserer eigenen Erkenntnismöglichkeit widerspricht. Trotzdem sollen wir uns bemühen, hierin den Willen Gottes zu sehen. Dazu ist es nötig, daß wir aus den erlebten und erfahrenen Tatsachen, aus denen uns die Liebe Gottes zu erkennen möglich ist, beurteilen lernen, was jetzt geschieht. Den Weg unseres Lebens hata er in der Vergangenheit zu unserem Besten geführt durch alle Fährnisse und über alle Klippen; soll er in der Jetztzeit und für die Zukunft seine lenkende Hand von uns nehmen? Nein, aus dem vergangenen lernen wir uns für die Zukunft rüsten, mit Vertrauen
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und Glauben auf Ihn, sein Wirken und seine nie versiegende Liebe zu bauen.
Wenn wir im Dunkel der Jetztzeit stehen, so ist es uns als Menschen kaum möglich, eine menschlich erklärbare Lösung der Verhältnisse und Verwicklungen, der Leiden und Entbehrungen zu finden. Wie hat mich das beeindruckt, was jetzt mit unserem Land geschieht. Wohin treibt unser liebes Vaterland, das Land unserer Väter und unserer Ahnen. Wir lieben unser Land so sehr, wir Menschen aus den Städten. Wie war unsere Sehnsucht immer so groß nach dem herrlichen Land, das wir Deutschland nennen. Unsere Heimat haben wir geliebt, weil wir darin groß geworden sind und darin vom Leben für das Leben empfangen haben. Ob unser Leben fähig ist, den Ansturm der Feinde aufzuhalten? Ob es vermag, diese Wunden alle zu tragen ohne daran zu verbluten? Es ist in mir ein Sehnen nach all den Schönheiten unseres Landes, die ich noch einmal sehen möchte, mit dem Herzen anschauen möchte. Oder ich möchte mich ganz versenken in den stillen Frieden einer seiner Landschaften mit den sanften Hügeln, den Wäldern und Wiesen und Feldern. Verspürst Du nicht die gleiche Sehnsucht in Dir, meine Marga? Ist diese Sehnsucht nicht ein ahnungsvolles Sich-Klammern an das Letzte, was uns noch geblieben ist vor dem endgültigen Verlust?
Wenn dieser Krieg einmal vorüber sein wird,
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dann werden wir wohl unser Leben ganz neu gestalten müssen und ganz anders als wir es bisher gewohnt waren. Es wird wohl so werden, daß wir in einem ganz kleinen und stillen Rahmen emsig und fleißig aufbauen müssen. Es wird vielleicht doch das wahr werden, was wir damals in Aachen schon besprochen hatten, daß unser Wirken als Kinder unseres Vaterlandes so ganz anders sein wird, daß es vielleicht zu richtigem Wirken als Menschen kommen wird. In der Unordnung der Welt werden wir Keimzellen sein müssen für wahre Ordnung. Diese wahre Ordnung wird nicht mehr wesentlich vom Irdischen her bestimmt sein, sondern die übernatürliche, die göttliche Ordnung wird darin das Grundlegende, das alles Überstrahlende sein müssen. Ob es Gottes Wille ist, aus den Trümmern und Scherben seine Ordnung den Menschen aufzuzwingen zu seiner Ehre und Verherrlichung. Es wird so sein müssen, daß wir alles verlieren müssen, Reich und Land und Volk, um zu ihm zurückzukommen, der uns von Ewigkeit her berufen hat und uns immer noch ruft, gerade in der Furchtbarkeit des Geschehens, das er über uns kommen läßt; sein Reich, sein Land, sein Volk zu errichten.
Meine Liebste, es ist gut, daß wir uns über diese Dinge früher und jetzt Gedanken machten. Damit können wir versuchen, uns in dem Wirrwarr des Geschehens eine eigene klare und anständige Denkweise zu erhalten. Wir können uns vorbereiten auf das Schwere, das noch
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kommen wird und das in seinen weiteren Auswirkungen noch viel schwieriger sein wird als die direkten materiellen Nöte, die wir augenblicklich erleiden müssen. Wir können den Glauben und das Vertrauen in unserem Inneren befestigen und stärken, damit es uns gelingt, in einer Zeit, in der sich alles entscheiden wird, die Haltung zu bewahren.
Meine Liebste, nun habe ich wieder nur abstrakte Gedanken in meinen Brief hineingebracht. doch ich weiß, wie sehr Du auch hierin mitfühlst und weißt, das darin auch das Herz spricht. Du verstehst es, das Herz trotzdem herauszuspüren.
Jetzt habe ich wieder einen feinen Brief von Dir vorliegen. Wenn ich Dir wieder schreibe, dann werde ich Dir darauf antworten. Denn es ist so schön, wenn die Gedanken zwischen uns hin und her gehen und sich so ergänzen und aneinander entzünden können.
Du, Deine Frage nach dem Zusammensein in Bremen so unmittelbar nach unserem schönen Sonntag hat mir so viel von Deiner Sehnsucht erzählt. Wir wollen hoffen, daß es bald möglich wird, denn es wird uns beiden wieder so viel geben können.
Nun nehme ich in der Abendstunde Abschied von Dir. Die Sonne versinkt rot und glühend. Bei Dir ist es die gleiche schöne Sonne. Ich grüße Dich, Liebste, und bin bei Dir
Dein August.
Grüße Deine Lieben von mir.
Das Paket von Bayenthal ist gestern doch noch angekommen. Leider war nur noch ein Teil des Inhaltes gut.