August Broil an Marga Ortmann, 8. August 1943
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Bremen, den 8. Aug. 1943.
Meine Liebste,
ich bin froh über Deinen Brief, der vorgestern morgen zu mir kam. Zuerst habe ich ihn im Getriebe des Dienstes einmal schnell gelesen, dann habe ich ihn in der Abendstunde, ganz allein auf der Schreibstube sitzend, noch einmal gelesen, und ich werde ihn noch öfter lesen; denn er enthält für uns beide und für unsere Gemeinsamkeit entscheidendes. Ich will versuchen, meine Gedanken darüber zu sammeln und zu ordnen und niederzuschreiben; denn es geht so vieles um in mir durch das klare Wort, daß Du über das endgültige Zusammensein gesprochen hast.
Ich will zuerst zwei Bilder vergleichen, um damit Deine und meine Haltung im Denken über diesen Punkt zu klären:
Du kennst den Menschen, den Du am liebsten hast, jetz schon ganz gut, Du weißt viel von dem, was er erlebt und wie er das geworden ist, was heute vor Dir steht. In den Jahren seines bemühungsarmen Dahinlebens hat er ernstlich
nie vor der Frage gestanden, mit einem Menschen eine endgültige Verbindung einzugehen, wenn auch die Sehnsucht ihn oft dazu hätte treiben können. Dann geschah, wie Du weißt, jene wunderbare Umwandlung durch einen Menschen, dem er sich für immer verbinden wollte, weil er glaubte, daß dieses sein Weg sei. Der Weg ist ihm durch die Fügung Gottes – so ist es heute zu erkennen – verlegt worden. Er mußte einen neuen Weg suchen. Wenn er auch erkannt hat, daß dieser von ihm als richtig vermutete Weg sich später als falsch erwies, so ist jenes Gefühl, daß man vielleicht Angst nennen könnte vor einem nochmaligen vergeblichen Versuchen nicht ganz gewichen. Er meinte, daß er jetzt ganz klar voranschreiten müßte, um den also richtig erkannten neuen Weg auch wirklich zu Ende gehen zu können. Dabei hat er ein wenig vernachlässigt den Gedanken daran, daß nicht das menschliche Wollen und die gut gemeinte Absicht allein ausschlaggebend sind für die Erreichung des Wegzieles, sondern vor allem die Fügung und der Wille des schicksalhaft führenden Vaters im Himmel. Er hat jenes „Drängen“ – so soll es einmal genannt sein – gut gemeint, hat dabei aber zu sehr nur
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nur von sich aus gesprochen.
Ganz anders ist das Bild der Geliebten, der Frau. In ihr wächst also so gleichmäßig eins aus dem anderen. Sie kann den nächsten Schritt nicht beginnen, bevor nicht der andere getan ist. Sie spürt in sich ahnungsvoll, fast visionhaft das Reifen und wachsen und weiß die Blutenknospen in sich zu pflegen bis sie zur Reife sich natürlich öffnen. Sie vermag darum ganz anders zu fühlen und auszusagen und bewahrt sich davor, dem natürlichen Entwicklungsprozess zuvorzukommen.
Das sind die beiden Bilder, die sich einander gegenüberstehen: Dein Bild und mein Bild. Sie sollen ruhige nebeneinander bestehen, weil sie beide aus dem Quell ihres veranlagten Seins und der deraus möglichen Entwicklung geprägt sind. Aus der notwendigen, aber auch glücklichen Spannung soll sich der beste Weg zur Gemeinsamkeit ergeben.
Es ist nun so, meine Liebste, daß ich in meinem Brief davon geschrieben habe, wir müssten die äußeren Begrenzungen und die inneren Möglichkeiten nicht allein als Grundlagen nehmen, die Zeit unseres Harrens auf die volle Gemeinsamkeit abzugrenzen. Damit wollte ich dem jetzt
begonnenen Teil unseres Weges schon eine sehr genaue Richtung zuweisen. Über die praktischen Möglichkeiten unseres Tuns wollte und konnte ich mir jedoch noch keine Vorstellung machen. Was Du in einem gewachsenen Erfahren aussprechen konntest und was durch die tatsächlichen Erlebnisse der letzten Wochen – Schönes und Furchtbares in eins genommen – in Dir klarer wurde als es in mir je sein konnte, war in mir nur in einem unbewußten Fühlen. Du hast es klar zu sagen gewußt, warum unser Weg noch wachsen muß bis Gott uns die Stunde endgültiger Reife bestimmt. Ich habe diese Stunde ohne klare Formulierung der Möglichkeiten unserer Wegstrecke einfach schicksalhaft dem Fügen Gottes überlassen wollen, dabei aber unser eigenes Mittun als Wirkung seiner Fügung voranstellend. Meine Liebste, ich habe immer daran geglaubt, daß dem Herzen einer Frau für das schicksalhafte Notwendige im Menschenleben eine viel tiefere Empfindungskraft geschenkt ist als dem des Mannes. Je tiefer ich mich in das hineinversenke, was in Deinem Herzen vorgeht, je mehr komme ich dazu, auch mich in die gewachsene Entwicklung Deines Erlebens einzuschalten und
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mit Dir zu fühlen. Als ich Deinen Brief zuerst las, habe ich gedacht, ich hätte doch wohl das geschrieben, was unser beider stärkstes Verlangen wäre und ich hatte mir nichts anderes wünschen dürfen als ein freudiges Zustimmen ohne Deine aus der Tiefe geholten Gründe zum Verhalten. Dann kam mir beim zweiten, intensiveren Lesen die rechte Einstellung zu Deinen Gedanken und die Fähigkeit, mich mit ihnen vertraut zu machen und sie zu bejahen. Es darf bei unserem Gedankenaustausch nie heißen, der eine hat Recht und der andere hat Unrecht, sondern es muß immer heißen, in beidem kann rechtes und falsches Liegen, und beides wollen wir gründlich zu erkennen suchen, dann bleibt schließlich für beide das Rechte übrig. Ich will darum jetzt meine Gedanken mit den Deinen verknüpfen und noch einmal sagen, wie wir uns diese Wegstrecke bis zur endgültigen Verbindung gestalten müssen. (Deine Gedanken wirst Du zum großen Teil darin bestätigt finden).
Unser äußeres Schicksal ist heute stärker denn je allen Gewalten ausgeliefert. Sicherungen und Vorbereitungen wie sie früher durch emsiges Zusammenwirken zugerichtet werden konnten, sind heute fast
alle vergeblich und auch unmöglich. In den Friedensjahren war es so schön, wenn es gemeinsam alles aufgebaut wurde, was zur Errichtung eines Hausstandes benötigt wurde. Einmal ist dieses Wirken nicht möglich wegen der Trennung, die dem einen Teil so sehr die Hände bindet, zum anderen ist sie wegen der ganz einfachen Beschaffungs-Schwierigkeit nicht möglich. Wieviel tausend Familien haben ein viel größeres Anrecht auf ein Heim und dessen Wohltaten! Wenn dies die Situation ist, in der wir uns befinden, wäre es sicher unverantwortlich, wollten wir sie nicht recht erkennen und würdigen. Wir müssen auch heute erwägen, ob wir nicht wenigstens einen Notbehelf eines eigenen Hausstandes schaffen können. Die Zeit, und das, was wir mit unseren Mitmenschen erleben, hat uns Gott sei Dank dazu gebracht, das wir uns auf das Wesentlichste beschränken lernten. Aber so bescheiden auch unsere Wünsche sein mögen, es muß etwas vorhanden sein, das wir den Verhältnissen entsprechend Heim nennen können. Das ist in dieser Zeit, in der Du sicher noch zu langem Alleinsein gezwungen sein wirst ganz besonders wichtig. Ein weiteres kommt hinzu: Wir wollen den Bund unseres Leben schließen, um
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auf dem Boden einer feinen Gemeinschaft den Gottgewollten Zweck der Ehe erfüllen zu können: unser Leben weitergeben und das Reich Gottes vergrößern helfen. Voraussetzung dafür ist, wenn nicht furchtbare Schicksalsschläge uns aller Habe berauben, das Heim und weitere Voraussetzung ist, daß Du als Mutter unserer Kinder körperlich und seelisch dazu in der rechten Verfassung bist und Dir auch die Möglichkeit gegeben ist, diese Voraussetzungen nach besten Kräften zu erhalten und zu pflegen. Diese Voraussetzung müssen, soweit es in unserer Kraft steht erfüllt sein, bevor wir den entscheidenden Schritt tun. Wir dürfen nicht einfach sagen: Die schwere Zeit muß abgewartet werden und wir dürfen die Hände nicht in den Schoß legen, sondern wir müssen ganz darauf bedacht sein, in der Zeit zu leben und dann die Entscheidung fällen, wenn wir äußerlich und innerlich dazu fähig sind. Wenn wir uns darüber klar sind, dann wird ein Warten oder Verharren nichts zu tun haben können mit ängstlichem Flüchten vor der Verantwortung, sondern dann ist es gerade die Verantwortungsfreudigkeit, die uns zu solchem Tun drängt.
Meine Liebste, Du schreibst in Deinem Brief über das Verhältnis der Liebes- und Leidensfähigkeit. Sicherlich ist es so, daß der am stärksten Liebende auch das meiste Leid zu tragen vermag. Ich habe Dir darüber schon einmal geschrieben, als ich sagte, daß die Tiefe der Liebe sich erst im Ertragen aller Widerwärtigkeiten des Lebens bestätigen und bewähren kann. Die Liebe trägt alles in ihrer unmeßbaren Kraft. Über den tieferen Sinn des uns von Gott gesandten Leides habe ich Dir in einem meiner letzten Briefe meine Gedanken aufgeschrieben. Unsere Ansichten darüber sind sich fast völlig gleich.
Du, Marga, ich bin froh darüber, daß Dir meine Briefe immer mehr zu geben vermögen. Ich versuche stets nach besten Kräften das zu sagen, was in meinem Herzen vorgeht, und das soll offen und klar und ehrlich sein. Es kann jetzt auch wirklich so sein, weil alles Trennende gefallen ist, das vorher noch zwischen uns stand und das in Deiner 17. Strophe zu den pfingstlichen Versen so sehnsuchtsvoll nach Klärung ruft.
In der letzten Zeit bin ich wieder etwas strenger an den Dienst herangeholt worden, weil ich auf der Schreibstube aushelfen mußte, in der alle eingearbeiteten Kräfte plötzlich ausfielen. Es gibt besonders deshalb jetzt sehr viel Arbeit, weil die Abstellungen der Re-
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kruten beginnen, die ihre Ausbildung beendet haben. Anfang der Woche geht schon ein erster Schwung von 60 Mann, darunter auch eine Anzahl meiner Stubenkameraden. Ich werde wohl noch hier bleiben können, weil meine Ausbildung als Rechnungsführer noch nicht beendet ist.
Du Liebste, ich habe jetzt oft eine stille feine Sehnsucht, mit Dir zusammen sein zu können. Wir müßten uns so viel erzählen, wir brauchen viele gemeinsame Stunden. Vielleicht gibt dieser Sommer uns noch ein paar gemeinsame Tage.
Du, ich grüße Dich von Herzen
Dein August