August Broil an Marga Ortmann, 12. August 1943

Bremen, den 12. August 43.

Liebste,

ich habe wieder einen feinen Brief von Dir bekommen, für den ich Dir sehr dankbar sein muß. Ich bin Dir dankbar, daß Du mir den Verlauf des stillen Festtages geschildert hast, den meine Briefe Dir bereitet haben. Es ist etwas Herrliches um solche Feste der Seele, vor deren Tiefe und Bedeutung nur der etwas ahnen kann, der darum weiß und sie miterleben kann: wir beide ganz allein. So schwer es auch äußerlich scheinen mag, zuweilen ist auch mir Gelegenheit geschenkt worden, in allem Soldatentreiben still ein Fest zu feiern, in Gedanken ganz mit Dir allein. Die Zeit als die Batterie in Munster war, gab mir stille, besinnliche Abende des Alleinseins. Am Fenster sitzend und in die sommerliche Abendwelt hinausschauend, konnte ich mich ganz in die Gedanken vertiefen, die mich zu Dir führten. Das war an jenem Abend so, als ich die Verse für Dich aufgeschrieben hatte. Zwar hat keine Kerze gebrannt und kein Kreuz hing an der Wand der nüchternen Stube. Trotzdem waren die Gedanken so ungehemmt schön und nahe bei Dir. Oder wenn ich einen Gang durch die abendlichen Gärten machte, wo die Blumen zum Schlafe die Köpfe neigten und die feuchten Beete dufteten, Deine Briefe lesend oder auch nur sinnend über unseren Weg und unsere Liebe dahinschreitend; dann war das stille und doch ungeahnt große

Fest. Liebste, wir können uns glücklich schätzen, beide so veranlagt zu sein, daß uns die Zeit des Alleinseins solche Stunden einsamen Erlebens schenkt, die im Aufbau unserer Gemeinsamkeit so vieles zu bedeuten haben. Wir können Gott danken, daß er unseren Herzen die Kraft geschenkt hat, sich zu erfreuen trotz Ferne und Sehnsucht nach gemeinsamem Tun.

Du fragst, ob wir später in der Gemeinsamkeit auch wohl solche Stunden zu gestalten vermögen. Ich will Dir dazu wieder etwas aus den Erfahrungen meines bisherigen Lebens erzählen. Wenn der Weg zweier Menschen beginnt, aus der anfänglichen Zuneigung, dem tastenden sich einander Nähern zum tiefen Einswerden in geistiger und leiblicher Gemeinsamkeit zu werden, wenn Gelegenheit und Muße viele Stunden, Tage, Wochen und Zeiten engen Beisammenseins gewähren, dann beginnt die schöne, notwendig aber auch schwere, wagnisvolle Aufgabe, dieses gemeinsame Leben zu gestalten, da trotz aller Nähe, trotz aller Tiefe des füreinander Daseins, trotz aller Sehnsucht und Hingabe, einen klaren und sauberen Weg gehen soll. Alle tiefen Empfindungen der Liebe bringen in ihrer unausdrückbaren Schönheit des Erlebens und gerade deshalb schwere Prüfungen, die zu fortwährendem Kampf auffordern.

Meine Liebste, Du magst das noch nicht so verstehen können, weil Du es noch nicht erfahren hast. Doch aus den Schilderungen meiner früheren Briefe weißt Du, wie schwer die Not werden kann, wenn sie nicht gar zur Verzweiflung führt. Es ist nicht leicht,

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jede Stunde von sich aus zu gestalten, denn die schönsten Stunden kommen über uns wie überraschende Geschenke, auf die wir uns im besonderen gar nicht vorbereiten können, sondern die wir dankbar hinnehmen müssen. Die Möglichkeit, sie zu gestalten, gibt die in vieler Kleinarbeit in uns aufgebaute Haltung des Du und des Ich und der Gemeinsamkeit. Aus ihr heraus vermögen wir fast intuitiv die Gestaltung tiefsten gemeinsamen Lebens, und sie wird uns möglich sein, Liebste, wie wir es an jenem Sonntag erlebt haben, der doch wahrhaft wie ein Geschenk über uns gekommen ist. Neben dieser intuitiven Gestaltung des tiefsten Erlebens müssen wir bewußt und liebevoll jeden Tag und jede Stunde, die uns später gemeinsam gegeben sein werden, in den Gesamtplan unseres Lebens einzubauen versuchen. Diese Arbeit ist ja das, was uns zu der Befestigung der Haltung führen soll, von der ich eben sprach. Du hast in Deinen Briefen schon oft davon gesprochen, welch beglückende Stunden gemeinsamer Arbeit und Wirkens es noch geben wird. An allen Enden wartet die Arbeit auf uns, die getan sein will im intimen Kreis unseres Lebens wie in der großen Gemeinschaft in die wir hineingestellt sein werden: unsere Familien und unsere Brüder und Schwestern in der Heimat und in der Fremde. All das ist jetzt im Kriege zum größten Teil aufgeschoben, zurückgedrängt. Die Lasten des Krieges drohen den letzten Rest des Willens zu solcher Arbeit bei den meisten Menschen zu erdrücken. Mir jedoch scheint, daß damit die Verantwortung

für uns immer mehr wächst. Es ist uns die Gnade geschenkt, auch in aller Trübsal und im Leid, die uns der Krieg gesandt hat, noch das tiefe, fühlende, erlebende Herz zu behalten. Darum müssen wir mehr und angestrengter denn je unsere ganze Kraft an die Gestaltung des Lebens setzen, das uns der Herrgott geschenkt hat, das er uns so tief erleben läßt. Du hast oft in Deinen Briefen danach gefragt: Kann das einsam Gestaltete auch in die Gemeinsamkeit hineingehen? Ich glaube fest daran, daß wir später den rechten Weg finden werden, das wesenhaft Deinige mit dem wesenhaft meinigen in ein gutes und frohes Verhältnis zueinander zu bringen. Unsere Arbeit jetzt bildet die Grundlage für das, was eines Tages unsere Aufgabe sein wird: Die Gestaltung des gemeinsamen Lebens.

Heute, am Donnerstag, als ich noch nicht damit fertig war, Deinen letzten Brief zu beantworten, bekomme ich schon wieder einen Brief von Dir, den Sonntagsbrief. Die Reise nach hier geht jetzt wieder ziemlisch rasch, während sie nach Köln noch einige Tage länger dauert. Wenn ich die beiden Briefe miteinander vergleiche, dann wird mir daraus wieder einmal die Fülle eines Menschenlebens offenbar, ich meine die Fülle eines Lebens, die alles umfaßt, nicht nur das Schöne und Edle, nicht nur die Freude und das Glück, sondern vor allem auch die Not, den Schmerz, das Leid und nicht zuletzt die Schwächen und Niedrigkeiten. Das ist die Erfahrung, die wir mit zunehmender Erkenntniskraft

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immer bewußter machen können: erst das Zusammenwirken aller Möglichkeiten spiegelt das ganze Wesen des Menschen und formt sein Bild.

In diesem letzen Brief gehst Du auf ein Problem ganz besonders ein, das auch mir immer sehr am Herzen gelegen hat. Die Frau im Beruf. Aber ich will jetzt noch nicht näher darauf eingehen. Zuerst sollen sich die Gedanken darüber ordnen, dann werde ich in einem späteren Brief darauf eingehen. Es ist dies ganz gewiß ein Problem, daß uns bei den zu ernsten Überlegungen und Entscheidungen Anlaß geben muß; denn es greift sehr tief hinein in das Wachstum der Gemeinsamkeit und seine Gestaltung.

Du Liebste, ich spüre stark, was jetzt von Dir gefordert wird. Ich empfinde es als eine schwere Aufgabe für Dich, in allen Prüfungen, in den vielen Stunden des Ringens zwischen gutem Willen und drohender Ermattung sowohl der geistigen wie der körperliochen Kräfte so allein stehen zu müssen. Wenn auch meine Briefe Dir zu helfen versuchen, so wissen wir doch, daß ein Zusammensein, ein gemeinsames Beraten und Tun, ein unmittelbares Hineingeben der jetzt in der Zeit verhältnismäßiger Ruhe für mich aufgesparten Kräfte in Deine schwere Lage sehr viel helfen würde. In der Anfangszeit habe ich zuweilen, wenn ich mit Dir zusammen sein durfte, in mir etwas wie Leere empfunden. Ich spürte, daß etwas fehlte, daß Dein Tönen und Klingen in mir keine rechte Resonanz fand. Es konnte nicht anders sein, wie Du weißt.

Jetzt aber ist die Begrenzung des Ich gefallen, es drängt mich zur Offenbarung meines letzten Seins, um Dir ein ganz klares helles Bild zu geben. Darum spüre ich jetzt so stark die Fülle, die vorher noch gefesselt und unfrei in mir ruhte, und die sich Dir geben will. Ich könnte mit dieser Fülle und Kraft Dir nun das geben, was Du brauchst in all Deiner Sehnsucht.

Du Marga, ich habe die Hoffnung, daß ich bald einige Tage bei Dir sein werde. Wenn es gelingt, werde ich Mitte nächster Woche meinen schon lange beantragten Rhein-Ruhr-Urlaub antreten, der sieben Tage dauert. Einige Kameraden sind schon zurückgekehrt. Die Unverheirateten müssen wieder hintenan stehen, auch war es dienstlich bisher nicht möglich. So haben wir aber die Freude noch vor uns, das ist auch ein schönes Gefühl. Wenn wir dann zusammen sein werden, dann wird es gewiß sehr viel zu tun geben für uns. Doch freudig und gemeinsam werden wir alles tun, was notwendig ist.

Liebste, wir hoffen auf ein baldiges Wiedersehen. Die Freude wird groß sein. Sanft und still grüße ich Dich in später Abendstunde. Die Kameraden in den Betten sind im tiefen Schlaf, ich aber darf noch an Dich denken und gleich noch ein Gebet für Dich hinaufsenden

Gute Nacht Liebste

Dein August