August Broil an Marga Ortmann, 15. August 1943

Bremen, den 15. August 1943.

Meine Liebste,

Wie Herbststurm braust es rund um die Kasernenblocks; der Regen klatscht in dicken, groben Tropfen gegen die Scheiben. Aber das Grün der Wiesen, die Fülle des Laubes auf den Sträuchern und Bäumen lassen noch keine Herbstgedanken zu; doch mahnen die Stürme und die Kühle an die Höhe des Sommers, die vielleicht schon vorüber ist. Ob sich der Sommer noch einmal in eine lichte Freude auftun wird und sanft in einen erfüllten Herbst hinüberleiten wird? Oder ob er sich von einem düsteren, aber kraftvollen Gesellen Herbst überrumpeln lassen wird?

Du Liebste, dies war wohl ein Sommer wie nie in Deinem oder meinem Leben. Das in unseren Herzen sprießende Samenkorn hat der Sommer aufblühen und wachsen lassen. Kräfte hat er in uns hineingesandt von ungeahnter Gewalt und Fülle. Unsere Herzen waren kaum fähig all diese Kräfte zu tragen. Wir brauchen darum noch eine stille Sommerzeit, damit in die Früchte Süße und Saft steige zur vollen Reife. Du, wir wollen hoffen, daß uns eine solche Zeit noch geschenkt werde.

Von dem gestrigen Samstagabend will ich Dir schreiben. Ich war in die Stadt hinausgefahren zum Abendessen. Als ich wieder auf die Straße hinaustrat, war es schon dunkler Abend geworden. Hinter den Türmen des Domes kam vom Schein des Mondes ein helles Leuchten hervor. Eine sommerliche Nacht hell vom Mondlicht! Den Heimweg trat ich zu Fuß an. Über der Weser lag der helle Glanz. Der Weg geht eine Strecke durch die Gärten die Weser entlang. Du, wie fest habe ich an Dich gedacht in der Nachtstunde. Manchmal meinte ich, Du müßtest neben mir gehen, und mein Arm suchte zuweilen sanft Deine Schulter zu umfangen. Hast Du schon einmal eine Mondnacht durchwandert? Das ist ein so einmaliges Erlebnis. Das Land, die Erscheinungen und Bilder werden so ahnungsvoll weit. Alle Herbheit, die das klare Licht des Tages verleiht, versinkt in ein unwirkliches Schimmern, in ein sanftes Ineinanderfließen. Die Gegensätze und Härten des Tages werden freundlich und still. Ferne versinkt in Unendlichkeit, Nähe wird Weite, in deren Mitte wir einsam stehen. Das Herz wird dabei ganz weit, und es spürt vielleicht etwas von der unfaßbaren Ferne und der Verbundenheit mit dem Ewigen. Leicht formen sich dann die Gedanken zum Gebet. Das Gebet galt

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Dir und mir, es galt allen Freunden und Lieben in Nah und Fern, es galt unserm Land und seinen leidenden, geprüften Menschen. Wie froh und innerlich ruhig bin ich nach solcher Nachtstunde in die Kaserne zurückgekehrt!

Zu Deinen Gedanken über Beruf, über Frau und Beruf muß ich Dir heute einiges schreiben. Es ist in unseren Tagen so, daß die Frau unerbittlich in das Berufsleben hineingezogen wird. Die Notstände unserer Zeit fordern dies, und manche Frau muß sich mit diesem Los abfinden. Man kann es getrost ein schlechtes Los nennen, das der Frau zugedacht ist. Doch als Notstand gesehen, wird sich eine jede damit abzufinden wissen. Dieser Fall ist sehr klar; denn mit dem Verschwinden des Notstandes wird jede recht empfindende Frau den Beruf fallen lassen um zu ihrem wahren Beruf zu kommen, zu ihrer Berufung: ganz Frau zu sein und Mutter. Es ist gut, daß Du das recht erkannt hast, und Dein Empfinden über Dein Leben im Beruf ist für mich als gesund und richtig erlebt. Du darfst das jetzige Leben im Beruf nur als einen leider notwendigen Übergang betrachten. So gesehen, wird es Dir nicht so sehr schwer fallen, noch in diesem Lebenskreis verharren zu müssen. Es geht Dir dann genau so wie den vielen anderen Menschen auch, die aus dem ihnen zugedachten und gemäßen Lebenskreis

durch den Krieg herausgerissen sind. Sie alle tun ihr Bestes oder sollten es wenigstens tun, um so schnell wie möglich wieder in die rechte Bahn zurückzukommen. Sie müßten alle erkennen können, daß sie um so eher zurückgehen dürfen, je freudiger und eifriger sie an dem Platz ihre Pflicht erfüllen, an den sie gerufen sind. Zum Problem werden diese Dinge erst dann, wenn unter der dauernden Einwirkung und durch Gewöhnung oder auch Bequemlichkeit, Beharrungsträgheit, der Mensch aus der ihm bestimmten Berufung herausgenommen wird und nicht zurückfindet. Die Entwicklung der Zeit mit ihrer zeitweililgen beängstigenden Abkehr des Menschen von seiner natürlichen Bestimmung hat dazu geführt, daß eine Unzahl von Frauen ihrer Berufung entfremdet wurde und den Beruf als das ihrige ansehen. Der Beruf versprach ein bequemeres, freieres Leben, das in Wirklichkeit nur ein ungebundendes Leben war. Die ungenutzten Quellen wirklichen Lebens mußte versiegen. Eine natürliche und übernatürliche Gemeinschaft in Ehe und Familie war für solche Menschen wenn nicht unmöglich, so doch ein Wagnis. Ich glaube, daß viele Ehen an sich prachtvoller Menschen dadurch innerlich so hart und schwer sind. Liebste, ich danke Dir, und ich bin froh, daß

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Du mir ganz offen von Deinen Schwierigkeiten in dieser Hinsicht schreibst. Sind sie doch für mich ein Zeichen dafür, daß Du auf dem rechten Wege bist.

Seltsamerweise habe ich oft die Erfahrung gemacht,daß der Mann meist eine viel natürlichere Denkart hierüber hat als die Frau. Ich habe selten einen Mann gefunden, dem es ehrlich um eine Frau zu tun war und der nicht im tiefsten nach der Frau verlangt hätte, die ihm ganz Frau werden sollte. Dagegen fand ich viele Frauen, die in dem Beruf ihre Lebensaufgabe sahen und nur sehr schwer den scheinbar besseren Weg mit dem richtigen und fraulichen Weg vertauschen wollten. Ich will damit kein Urteil aussprechen, sondern man muß die Entwicklung berücksichtigen, die die Stellung der Frau im Leben seit Jahrzehnten genommen hat. Daran sind wohl beide Geschlechter in gleichem Maße beteiligt. Aus dieser allgemeinen Entwicklung sich zum Natürlichen und Wahren als Einzelner zurückzufinden ist ein schwerer Weg.

Meine Liebste, wir wollen das Opfer, daß der erkannte recht Weg nicht ohne weiteres gangbar ist, ohne Murren auf uns nehmen und uns ganz dankbar zeigen, daß es uns vergönnt ist, den rechten Weg wenigstens zu erkennen. Dann werden wir froh die ganzen Schwierigkeiten überwinden können, die sich uns in den Weg stellen, weil

wir wissen, daß es nur ein notwendiger Vorübergang ist, der überwunden sein will.

Nun geht wieder ein Sonntag seinem Ende zu. Die Sonntage auf der Stube weden jetzt sehr still. Am Dienstag dieser Woche sind fünf Kameraden ins Feld abgestellt worden, unter ihnen auch Michael Gabert. Mit Musik sind sie aus der Kaserne marschiert, einem unbekannten Schicksal entgegen. Wie magst Du den Sonntag zugebracht haben? Vielleicht hast Du einen Brief geschrieben, oder Du bist an all den Orten wieder vorübergegangen, wo wir zusammen waren. Freue Dich immer an feinen Erinnerungen.

Du meine Marga, ich grüße Dich herzlich

Dein August

Grüße Deine Lieben herzlich von mir.

Mit Deinem letzten Brief hast Du mir Marken geschickt. Ich danke Dir dafür. Aber Du sollst es Dir nicht abziehen sonst muß ich schimpfen anstatt danken.