August Broil an Marga Ortmann, 29. August 1943

Bremen, am Sonntag, 29.8.43.

Meine liebe Marga,

am vorigen Sonntag saßen wir um die gleiche Zeit mit der Familie zusammen im trauten Kreise. Ein stiller Sommertag war es; draußen ging sanft der Regen. Vater erzählte, und wir lauschten seinen Worten. Wie ein Familientag im Frieden war es. Und doch wußten wir alle, daß es nur ein kurzes Ausspannen von der Last der Tage war, die uns alle, Euch ganz besonders drückt. Das Leben, das wir jetzt zu führen gezwungen sind, ist mehr ein Improvisieren als ein geordnetes Wirken. Wir leben so stark in der Gelegenheit des Tages wie sie sich gerade ergibt und sind trotzdem dankbar und froh für jede gute Stunde, die uns geschenkt wird: viel intensiver leben wir diese Stunden als wir sie in ordentlichen Zeiten zu leben fähig wären, wenn wir alles als selbstverständlich hinnehmen. Sieh unsere gemeinsamen Tage an: Mit welcher Inbrunst und Tiefe haben wir sie erlebt, wie haben wir um jede Stunde gefeilscht, und wie haben sie sich in unsere Herzen gesenkt mit der Kraft ihrer Erlebnisse. Wie ein seltener Edelstein kostbarer ist als ein gewöhnlicher bunter stein, der überall gefunden wird, so ist es mit den seltenen gemeinsamen Stunden geworden.

Liebste, hier liegt ein Grund zum Nachdenken. Wenn wir die Entwicklung unserer Gemeinsamkeit betrachten, so können wir feststellen, daß sie trotz der äußeren Schwierigkeiten der Ferne, der Trennung, des Krieges große Fortschritte gemacht hat. Fast möchte man sagen, daß sie uns ganz organisch zugewachsen ist, aus dem anfänglichen Verhalten, dem Ringen mit sich selbst, dem Fragen und Zweifeln heraus ist sie uns wie ein Geschenk gegeben worden. Wir haben sie mit offenen und bereiten Händen hingenommen. Die seltsamen Zeitzustände werden diese Entwicklung noch weiterführen. Wir düfen jedoch über dem Erleben des schrittweisen glückhaften Weiterentwickeln die zukünftige Wirklichkeit nicht aus den Augen verlieren. Sie wird uns eines Tages vereint finden am häuslichen Herd. Tag um Tag werden wir das gemeinsame Leben teilen dürfen, werden voreinanderstehen nicht mehr im Glück des seltenen Wiedersehens, sondern in der Ordnung der täglichen Arbeiten und Mühen. Dann, Liebste, wird unser eigentliches Werk beginnen, die Arbeit aneinander und an uns selbst. Dann werden wir all die kleinen und großen Menschlichkeiten aneinander erfahren, und wir werden sicherlich durch harte, schwere Stunden unserer

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Gemeinsamkeit schreiten müssen wie mit bloßen, verwöhnten Füßen über harte, herbe Stoppelfelder. Du, Marga, ich sage das nicht, weil ich Freude am Schwarzmalen hätte, sondern wir wollen jetzt schon lernen, uns auf die Realitäten des Lebens, die unweigerlich kommen werden und müssen vorzubereiten, ihnen klar in die Augen zu sehen, wissend und nicht blind. Ich denke an Guardinis „Worte zur Trauung“. Ganz fein und tiefgründig hat er diese Dinge aufgezeichnet und ihre heilsame Wirkung für die Lebensbildung und die Gemeinsamkeit klargelegt. Es mag leicht als zu vernünftig klingen, wenn zwei in Liebe sich zugetane Menschen solche Gedanken austauschen. Aber Du wirst sicher mit mir der Meinung sein, daß ein klarer vernunftgerechtes Erkennen der Möglichkeiten der Gemeinsamkeit dieser bessere Dienst leistet als alles noch so tiefe Erleben des Augenblickes. Wenn wir dann trotzdem unsere ganz eigenen, feinen Stunden tief und ehrfurchtsvoll zu erleben und zu gestalten vermögen, dann ist das ein ganz besonderes Glück.

Du, und ich bin wirklich glücklich über die Stunden, die wir hatten; manchmal möchte ich alle Ereignisse und Erlebnisse Schritt für Schritt im Worte festhalten,

um mich an unserer großen Freude im Kleinen wieder zu erfreuen. Dann aber denke ich wieder an die Unzulänglichkeit der Sprache, die das Letzte und Schönste doch gar nicht ausdrücken kann und wohl auch nicht darf, weil diese Dinge Geheimnisse der Herzen sind und bleiben müssen. Und doch glaube ich das eine oder andere, was mich ganz besonders bewegt, einmal aufschreiben zu müssen.

Meine Liebste, ich habe Dich in den sieben kurzen Tagen so neu und so ganz anders erfahren. Ob ich es wohl aussprechen darf, daß ich das Erwachen des Frauseins in Dir verspürte, daß sich die ganze Sehnsucht des Einsseins mit mir offenbarte; daß wie ein sanftes Licht frauliche Hingabebereitschaft mir entgegenschimmerte. Hast Du erfahren, Liebste, wie ich zuweilen die Zeichen ehrfürchtigen Staunens nicht meistern konnte, des Staunens über die urtümliche Gewalt, mit der die Liebe Dich erfaßt und durchdrungen hatte. Du weißt aus meinen Briefen, Liebste, daß vielfältige Erfahrung mich wissend machte. Bin ich nun hier ein Wissender? Weil alles so neu, weil alles so anders ist, weil Du es bist, Liebste, darum bin ich es nicht. Wohl bin ich kein Jüngling in jugendlich schwärmender Glut, doch jünglinghaft frisch will ich die Herrlichkeit Deiner jungen, erwachenden Liebe erfahren.

Du, dieses Erwachen, dieses Erleben unserer Liebe macht mich so zuversichtlich für Dich und mich. Du weißt es vielleicht nicht, hast es aber sicher verspürt, was oft in mir vorging, wenn ich früher

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bei Dir war. Dann habe ich oft an mir gezweifelt, ob es mir möglich sein würde, alles so unbeschwert und fein Dir geben zu können. Nun weiß ich, daß all diese Gedanken unnütz waren, denn wir erzwingen nichts und hindern nichts, wenn Gott will, dann fallen Schranken und Hemmungen, dann sind wir einfach füreinander da, glückhaft sinken wir einander in die offen gebreiteten Arme und sind nur noch wir beide, schicksalhaft eins durch Gottes gütige Führung.

In Deinem letzten Brief vor dem Urlaub, den ich erst nach meiner Rückkehr las, hast Du mir so sehnsuchtsvoll zugerufen: „Komme bald, komme, solange noch Sommer ist über dem Bergischen Land, seinen Hügeln, Wiesen und Wäldern, die wir beide so sehr lieben.“ Nun ist es schon wahr geworden. Wie hat dieser Ruf mich noch nachher erfüllt mit seiner sehnsuchtsvollen Kraft. In ihm liegt so viel von all der Liebe, die nach unserem heimatlichen, nach unserem Jugendland in mir ruht. Darum ist der Tag mit Dir in den Hügeln und Wiesen, in den Wäldern und Feldern so unvergesslich schön in meinem Herzen. Es war ein so glückhafter Tag in der warmen Sommersonne des gesegneten, fruchtträc htigen Landes. Manchmal wünsche ich mir, wir könnten dort auf einem Flecken wohnen, und wir hätten dann immer dieses schöne Land zu unseren Füßen. Unsere Familie müßte dort Wurzel schlagen können, unsere Kinder dort groß werden.

Aber das Schicksal wird uns wohl in der Stadt lassen müssen, die zu Füßen dieses Landes sich ausbreitet. Dann werden wir immer wissen, daß es offen und frei in der Ferne liegt, immer bereit, uns seine herrlichen Bilder zu zeigen.

Nun geht der Sonntag zu Ende. Es war ein guter Tag, er gab mir Gelegenheit zur Feier des Opfers in der kleinen Kirche, die Du jetzt auch vom Bilde her kennst.

Eine neue ermunternde Nachricht habe ich für Dich. Gestern hat mich der Spies gefragt, ob ich schon meinen Erholungsurlaub gehabt habe. Auf meine verneinende Antwort stellte er ihn mir für September in Aussicht. Hoffentlich wirds wahr. Wenn der Urlaub bis Oktober nicht gegeben werden kann, dann läuft das Urlaubsjahr ab und der Anspruch erlischt. Das muß natürlich verhindert werden, nicht wahr, Liebste. Wir müßten dann unseren Plan über die standesamtliche Heirat etwas ändern. Das wird uns keine Schwierigkeiten machen.

Wir haben vielleicht Aussicht auf einige feine gemeinsame Herbsttage. Das gibt wieder viel Vorfreude. Ich grüße Dich heute schon von Herzen in dieser Freude

Dein August.