August Broil an Marga Ortmann, 3. September 1943

Bremen, den 3. Sept. 1943

Meine Liebste,

die Gedanken meines Sonntagsbriefes kreisten um das Erlebnis, Dich und Dein ganzes Sein so weit zu mir entwickelt zu sehen und zu sehen, wie sich Deine Seele mir ganz auftun will. Deine beiden feinen Briefe, die inzwischen zu mir gelangten, haben mir die Frage gestellt, wie konnte diese fast stürmisch zu nennende Entwicklung in Dir möglich sein, da Du doch ein Mensch bist, der mit starker Beharrung ganz in sich selbst ruht.

Dein unbedingtes Vertrauen und Dein fester Glaube an die Fügung und Wirkung der göttlichen Allmacht und die Hinwendung dieser Kraft auf die Verbindung mit mir, sind es, die Dich befähigt haben, so klar und mutig voranzuschreiten auf dem Dir bezeichneten Wege. Du drückst das so bedeutungsvoll aus in dem Satz: „Alles, was ich bin, soll ganz Dir gehören. Ich stelle es Dir jetzt und auch im nahen Beieinandesein vertrauensvoll anheim. Du Guter, ich weiß, daß Du es recht wahren wirst und so entgegennimmst, wie es Dir gebührt“. Damit ist für Dich

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und für mich der eindeutige Weg bezeichnet und die Verantwortung herausgestellt, die dieser Weg von uns und ganz beosnders von mir verlangt. Du denkst Dich so tief in mein Bild hinein und gibst Dich so selbstverständlich in meine Gewalt und bist so gläubig dem schicksalhaften Weg hingegeben. Du mußt einfach hineinschreiten in die Entwicklung, die Dich in Ihre Gewalt gezwungen hat. So tief wie Dein Ruhen war im Gehaltensein Deiner Mädchenzeit, so bewegt muß jetzt sein das Heraufstürmen Deiner gehüteten, wohlbewahrten Kraft zum Frausein. Beide Zustände sind etwas in sich Vollkommenes und einander notwendig Ergänzendes. Sie sind für mich Zeugnisse der Dir gnadenhaft verliehenen Harmonie der inneren Kräfte. Sie sind für mich etwas so unfaßbar Schönes und Einmaliges, und diese Erkenntnis ist für meine so ganz andere Seelenverfassung von ungeheurer Wichtigkeit. Denn immer, wenn es mir schwer werden wird – ich weiß, daß ich davon nicht verschont bleiben werde, sehe diesen Prüfungen heute aber ganz zuversichtlich entgegen – dann werde ich an dieses Feine und Zarte Deiner Entwicklung zu denken haben.

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Wie wird mir da wohl ums Herz werden, und wie werde ich immer die Möglichkeit haben, daraus die Kraft zu nehmen, alle notwendige Verantwortung für Dein Wohl und Wehe in mir wach zuhalten. So, meine Liebste, baut sich eins aus dem anderen in harmonischer Ordnung auf.

Als ich gestern Abend diese Gedanken niederschrieb, saß ich in einer hell erleuchteten Stube bei neuen Kameraden, meist alt gedienten Soldaten bei denen es im Vergleich zur früheren Rekrutenstube recht unsoldatisch hergeht. Die Abende können jetzt ruhig etwas länger werden, denn es kommt kein U.v.D., der alles im Bett vorfinden will.

Heute abend bin ich mit einem Kameraden in den Dom gegangen. Wir haben ein feines Konzert geistlicher Musik gehört. Ich lege Dir den Textzettel bei. Du siehst, welche Freude mir damit bereitet worden sein muß. Wenn ich das Orgelspiel im Dom höre, muß ich immer an die wunderbare Orgelmusik am Samstagabend nach der Komplet denken, als wir noch oben in der Kapitol-Kirche waren.

Dem Choral „Jesu meine Freude“ liegt die Melodie des uns bekannten Geistlichen Bergmannsliedes „Gnädigster Erbarmen“ zu Grunde. Kannst Du Dir denken, wie fein der Chorgesang in dem sakralen Raum auf mich gewirkt haben muß. Es ist eine

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so klare Musik, frei von irgendwelchen Gefühlen. Sie erhebt sich so weit über das Gebrause und Gehabe des hier jauchzenden und jubelnden, dort klagenden und aufschreienden Weltlichen. Es klingt in dieser Musik etwas von den letzten Dingen, eigentlich von den Dingen Freies, sie trägt etwas Letztgültiges, Unbeirrbares in sich: „Tobe Welt und springe, ich stehe hier und songe in ganz sicherer Ruh. Gottes Macht hält mich in acht.“ Es ist so schade, daß wir immer nur berichtend und erzählend in den Briefen solches gemeinsam erleben können. Und doch ist es schön, daß wir uns wenigstens teilnehmen lassen können an dem, was unser Leben beeinflußt und ausbaut.

Ich muß Dir noch einiges erzählen, was mir Bremen und seine Bewohner vertrauter gemacht hat. Seit einiger Zeit bin ich zu einem jungen Gefreiten in engere Beziehung getreten, der gebürtiger Bremer ist, dessen Eltern zwar nicht aus Bremen stammen. Es ist ein feiner, sauberer Mensch, aufgeweckt und offen. In seinem Gesicht ist stets ein freundliches Lachen, wenn er mit mir spricht. Doch hinter diesem Lachen birgt ein reifer Ernst, der auch seine Haltung bestimmt. Er ist Diaspora-Katholik und als solcher fest gefügt in seinem Glauben. Er studiert Musik.

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Wenn Du ihn sehen würdest, so könntest Du erkennen, wie er von seiner Kunst begeistert sein muß aus Idealismus und sauberer künstlerischen Begabung. Wir haben einige Abende zusammen verbracht, u. a. auch die Motette gemeinsam besucht. Es waren für mich erlebnisreiche Abende, weil ich Einblick tun durfte in die Arbeit einer reinen, von seiner Aufgabe begeisterten Künstlerseele. Gerade ist er dabei über Beethovens 5. Sinfonie, die Schicksals-Sinfonie, eine Deutung des dramatischen Inhaltes zu versuchen. Wenn ich auch die fachlichen Sonderheiten kaum verstehen konnte, so hat mir diese Arbeit jedoch eine Tiefe des musikalischen Erlebens dieser Sinfonie erschlossen, die mir ohne die liebevolle Hineinführung nie möglich gewesen wäre. Ich lernte verstehen, welche ungeheuren dynamischen Kräfte der Seele die Musik darzustellen und wie sie das Schicksal eines Lebens mit allen Höhen und Tiefen auszudrücken vermag. Wenige kurze Töne vermögen in ihrer Wucht und Inbrunst mehr auszusagen als lange Schilderungen. Ich glaube sogar, daß die Musik, die wirklich tiefe, erlebte Musik die Grenze, die dem gesprochenen oder geschriebenen Worte in der Aussage über das tief im Menschen sich abspielende Erleben gezogen ist, weit überschreiten kann, ja das ist fast diese ungemein

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schwierigen Dinge wirklich auszusagen vermag in ihrer Sprache und für den, der sie zu hören gehalten ist. Wir wissen ja auch nur selten etwas von den Mühen und inneren Kämpfen, die es den schöpferischen Menschen kostet bis er seinem Innern dieses Letzte abgerungen und ihm Ausdruck verliehen hat.

So siehst Du, Liebste, wie einem auch unter lauter fremden Menschen feines Erleben geschenkt werden kann, wie überall im Leben, auch in den verdrehtesten und schwierigsten Lagen die Freude glänzen kann. Nur darf man nicht seine Augen verschließen wollen oder sich gar vom Schicksal erdrücken lassen.

Du, Deine günstigen Nachrichten über den Kauf des Gasherdes über die Aussichten auf das Schlafzimmer haben mich sehr erfreut. Langsam aber sicher muß es vorangehen. Für die Heiratserlaubnis werden von der Wehrmacht nur wenige Papiere verlangt. Es ist zunächst ein Ehe-Unbedenklichkeits-Zeugnis der Braut vorzulegen, das beim zuständigen Gesundheitsamt ausgestellt wird, außerdem sind drei Erklärungen von der Braut zu unterschreiben: Über die arische Abstammung, über gewisse Krankheiten und über die Deutsche Staatszugehörigkeit. Die Formulare hierzu werde ich Dir zuschicken. Ich muß einen entsprechenden Antrag machen und erhalte nach einer ärztlichen Untersuchung einen Heirats-Erlaubnisschein, der beim Standesamt

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vorgelegt werden muß. Es wäre dann noch zu klären, welche Unterlagen für das Standesamt beschafft werden müssen. Wenn alles beisammen ist, dann können die „Formalitäten“ gelegentlich eines Urlaubes erledigt werden. Ich hoffe darauf, daß ich noch im September den Erholungsurlaub für das laufende Jahr bekomme, der sonst am 1.10. verfällt. Da wir bis dahin die Unterlagen nicht zusammen haben werden, müssen wir für die „Formalitäten“ wohl eine spätere Gelegenheit wahrnehmen. Du das könnten wir im Urlaub noch alles besprechen, wenn es klappt.

Nun, Liebste, soll der Brief beendet werden; denn ich nehme ihn gleich mit zur Bahn. Heute abend will ich mir Mozarts Don Juan ansehen; ich freue mich sehr darauf.

Meine Marga, ich hoffe, daß der Karfunkel nicht noch schlimmer wird und Dir allzuviel Schmerzen bereitet. Ich grüße Dich herzlich

Dein August

Frohe Grüße an alle Lieben.