Marga Ortmann an August Broil, 5. September 1943
Bremen, den 5/9.43.
Meine liebe Marga,
Der Sonntag neigt sich seinem Ende zu. Ich habe einem Teil meiner Briefschuld abgetragen. Du sollst dabei nicht leer ausgehen, und mit einem kurzen Gruß will ich den Sonntag beenden; eine Weile will ich noch ganz bei Dir sein, meine Liebste.
Ich mache mir Sorgen darüber, ob Dein Karfunkel sich sehr verschlimmert hat. Ich weiß, daß Du es mir nicht sagen möchtest, sondern nur, daß es garnicht so schlimm sei. Schreibe es mir ruhig ganz offen; das tut uns beiden besser, nicht wahr, Liebste.
Heute als ich an Jupp Steinbach schrieb, fiel mir der Gedanke besonders auf, den er auf seinem Verlobungsglückwunsch aussprach: daß auch wir in dieser Zeit das Wagnis auf uns nehmen würden. Du, wir sind uns über die Trag-
weite des Wagnisses ganz klar. Gerade weil es so ein großes Wagni ist, müssen wir mit bereitem Herzen ja dazu sagen. Unsere Zeit verlangt dieses Ja von uns. Wenn alle Werte, alles Hohe und Heilige mit Füßen getreten werden, wenn wir vor der bangen Ungewißheit stehen, was aus Volk und Reich werden wird, wenn die Wurzeln im geheiligten Erdreich des sauberen und geordneten Lebens sich zu lockern drohen, dann wächst unsere Verantwortung ins Ungeheure und Große. Wir wollen keineswegs vermessen sein und uns irgendeine pathetische Größe anmaßen; aber wir wollen unsere bescheidene Aufgabe als ein Mosaiksteinchen im großen Geschehen der Zeit klar erkennen: Unsere Familie, die wir zu bauen entschlossen sind, soll auch eine Keimzelle werden des wahren und echten Lebens, das heute so notwendig ist.
Wir wollen und müssen unseren kleinen und sicher auch opfervollen Beitrag bringen an unserem Volk, unserem Reich, das ein Reich Christi werden soll.
Du meine Marga, ist es nicht auch deshalb so etwas ganz wunderbares, daß wir beide uns zu diesem Wirken zusammenfinden durften. Wir haben so oft schon zuversichtlich von unserer Zukunft in der Zukunft unseres Volkes und Reiches gesprochen. Wir wollen in diesen grundsätzlichen Gedanken uns immer klarer und offener entgegenkommen. Wir schließen unseren Bund in dem Wohlgefühl der feinen gegenseitigen Zuneigung, und wir wissen, daß wir dabei ein Werk zu tun beginnen, das groß ist im Hinblick auf die verantwortungsvolle Aufgabe vor Gott, Reich und Volk.