Marga Ortmann an August Broil, 30. September 1943
Bremen, den 30/9.43.
Meine liebe Marga.
Als ich in die kühle Herbstluft Bremens hinaustrat, leuchtete mir hoch vom Firmament das große Sternbild des Orion entgegen. Mit dem Anschaun des Ewigen Jägers sind uns zarte und feinste Erinnerungen gegenwärtig aus den Anfängen und dem Wachsen unserer Gemeinsamkeit. An diesem Morgen der Rückkehr von so vielen gemeinsamen Stunden war mir der Anblick des Himmelsbildes ganz besonders tief ins Herz dringend. Wie stille Wehmut und doch auch wie große Freude legte mir das Bild die Stunden vor mich hin. Es ruckte ein klein wenig im Innern und die Augen wurden so seltsam weit. Dann aber gemahnte mich die kühle Morgenluft, daß ich jetzt wieder Bremer Pflaster unter den Füßen habe, und alle Bilder mußten zurücksinken in die Tiefen der Herzkammern, wo sie der Belebung zu
rechter Zeit zu harren verurteilt sind.
Der erste Arbeitstag hat nun schon sein Ende. Er schmeckte weder gallig noch bedrückte er mich. Wie soll ein Mensch, so reich beladen mit herrlichen Schätzen nicht freudig gar Steine klopfen oder Mist fahren. (Entschuldige die derben Vergleiche, aber sie schienen mir so plastisch). Wie ich Dir schon sagte, soll es mit Freude und Eifer und Zuversicht weitergehen.
Du, meine Marga, war der Abschied so nicht viel feiner als wenn Du mit zum Bahnsteig gegangen wärest?
Ich will diese wenigen Gedanken heute am ersten Tag wieder in Bremen Dir zuschicken. Es soll eine erste kleine und herzliche Nachricht sein, sie soll ein klein wenig andeuten die Nähe und die Ferne und die feinen Empfindungen, die ihr Wechselspiel befruchten.
Ich denke Dein und bin
Dein August.