August Broil an Marga Ortmann, 3. Oktober 1943
Bremen, den 3. Okt. 1943.
Meine Liebste,
wenn ich diesem Sonntag einen Namen geben wollte, so müßte ich ihn den Sonntag am Fenster nennen. Zwar sitze ich an diesem Fenster jetzt immer bei meiner Arbeit, aber ich bin heute so ganz für mich allein, und ich mußte oft hinausschauen. Der Blick verlor sich dann, die vorbeigehenden, zur Stadt strebenden Soldaten kamen mir gar nicht zum Bewußtsein; denn die Gedanken waren woanders. Sie schwelgten in den Erinnerungen der verflossenen Urlaubstage. Die vielen bunten, immer wechselnden Bilder und das reiche Erleben standen vor meinen Augen. Es blüht und wächst in mir wie in einem duftenden Garten. Es war alles so fein, daß es mich drängt, in diesem Garten zu wandeln und von seinen blühenden Bildern zu schreiben.
Ich bin mit mir zu Rate gegangen, welche äußere Form der Wiedergabe solchen Erlebens wohl angemessen sei. Einfach im Brief davon zu schreiben, das war mir nicht möglich, weil in den oft so alltäglichen Sätzen des Briefes die Unzulänglichkeit des Wortes allzu stark hervorstecken würde. Große Dichter haben in der knappen Form des Verses, der verdichteten Sprache oft das Ungeheuerste, wenn auch nicht auszusprechen, so doch anzudeuten vermocht. Das zu versuchen wäre für uns Vermessenheit und schon das Unvermögen bewahrt uns davor. Aber trotzdem will ich versuchen in einer gehobenen, freieren Sprache der Wiedergabe des Erlebten freieren Raum zu geben. So entstanden die Bilder, von denen ich Dir nach und nach schreiben will.
Abend am Strom.
Nach einem Monat der Trennung waren wir wieder zusammen, Du und ich.
Rund um das große Häuser- und Gartengeviert geht unser Weg, dem Strome, dem Rheine zu.
Dunkel des Abends umfängt uns mit wohligem, hütendem Schleier.
Wir sitzen lange auf einer Bank zum Strome hin
Und lauschen still dem immerwährenden Rauschen und Fließen.
Sind Stille und Friede und Freude so in den Herzen wie um uns Natur sie verströmt?
Noch bangt und zagt mein Herz!
Noch wollen die Quellen nicht sprudeln aus den goldenen Tiefen des Herzens.
2
Wer weiß warum? Weißt Du es, weiß ich es?
Hat die alte gefürchtete Kraft noch immer Gewalt über mich?
Ich suchte nach Klärung und formte Gedanken.
Doch gut wars, zu schweigen, daß meine Lippen nicht wagten, die Stille zu brechen.
Denn oft ist des Abends Bedrängnis versunken, und Nacht hüllt sie ein,
Wenn morgendlich strahlt ein leuchtender neuer Tag.
Später brachte ein Tag uns Klärung, als wir in Lipperts herrlichem Buche lasen.
Alles Fragen jenes bedrückenden Abends fand hier Antwort:
Wir suchen, was noch nicht da sein kann und erstaunen, daß wirs nicht finden.
Heute verlangt uns nach dem, was uns erst zugedacht sein kann, wenn Umstand und Zeit dazu reif sind.
Nächtliche Wege.
Diese nächtlichen Wege waren wie köstlicher Balsam
nach der rauschenden, bunten Bewegtheit des Tages.
Oft nach dem trauten Plaudern im heimischen Kreise
tat sich das weite Tor der Nacht vor uns auf,
wenn nach herzlichem Abschied die Tür sich hinter uns schloß.
Schweigend suchte die Hand des einen die andre,
legte sich sanft auf die Schulter oder umfing zart die Hüfte.
Schrittweis, ganz schrittweis ging unser Weg,
manchmal verhielten wir lange
und die kosende Hand glitt über Scheitel und Haupt.
Unsere wachen Augen drangen durch Dunkel und Nacht,
sahen liebend und offen hinein in des anderen Antlitz,
lesen darin das Glück und die Schönheit der Stunde
Einmal glitzerte Mondlicht hell überm schlafenden Land,
hob die Bäume, die Sträucher in eine überwirkliche Pracht.
Siehst Du den einsamen Baum noch, wohlgeformt, wie ein Schattenbild kraftvoll und mächtig stehen?
Siehst Du die Pappel noch steil aufragend ihre schlanke Gestalt in das blasse Lichtmeer erheben?
Du, wie herrlich sind uns die Stunden dieser Wege geschenkt!
3
„M“
Einfach mit weißer Farbe hingemalt stand dieses M auf den Baumstämmen, Steinen und Masten.
Wo die Wege sich gabeln, hinauf zur Höhe oder hinab in das Tal weist dieses M dem Wandrer den Weg,
den Moselhöhenweg.
Nie mehr in unserem Leben und Wirken können wir diesen weiß-einprägsame M vergessen.
Kurze Stunden nur folgten wir diesem wundersam einzigartigen Weg.
In luftiger Höhe über dem Flußbett der Mosel führte er hin,
zu unseren Füßen lag das liebliche Tal.
Nicht im Sonnenglanz schillernd und bunt:
Der Wind trieb regendräuende Wolken hinein in das Tall,
Füllte es mit dem blaßweißen Nebeldunst aus wie einen riesigen Bottich,
Jagte die Wolken wieder hinaus und gab den Blick frei,
Wie ein Schleier sich hebt vom kostbaren Kunstwerk,
Zu kostbar um allen lüsternen, frechen Blicken preisgegeben zu sein
Und nur dem verstehenden, offenen, sehnenden Auge sich offenbarend.
Hingestreut wie Spielzeuge breiteten Dörfer sich aus zu den Füßen der Berge und in die seitlichen Täler hinein bis zu den Höhen.
Fauchend zog das polternde Bähnlein die eiserne Spur.
Weinberge, fruchtschwer von Reben harrten der letzten Wärme des scheidenden Sommers.
Ihre peinliche Ordnung der berganstrebenden Weinstockreihen zeugte von Mühe und Fleiß.
Nun war die Arbeit vollbracht, stille Verhaltenheit harrte des erntenden Winzers.
Wir beide haben dies alles so sehr erlebt und haben die Herzen so weit geöffnet.
All die beklemmende Not des Alltags, des Krieges zerstieb in der Einfalt und Stille sich schenkender Bilder.
Kindlicher Übermut, Freude, wahrhafte Freude sangen in Herzen und Leiern.
Spürst nicht auch Du das befreiende, wirklich beglückende, tiefe Erleben aller Natur?
Wie die natürliche Ordnung alles Gewachsenen, all der Berge und Wälder und Wiesen und Felder
Auch den irrenden, suchenden, fragenden Menschen hineinnimmt in ihre schlichte, sanfte Gewalt
Und ihn umfängt, daß die Seele erklingt in harmonischer Einfalt.
4
Meine liebe Marga, ich wollte am Sonntagabend diesen Brief noch abschicken. Nun ist es durch Fliegeralarm und etwas mehr Arbeit (zum Glück) Dienst geworden. Mit diesen drei ersten Bildern will ich den Brief heute abschließen.
Gestern schon kam Dein Brief nach dem Brief bei mir an. Ja, Liebste, es wird noch sehr viel über die feinen Tage zu schreiben und zu sagen sein; beide haben wir den Anfang dazu gemacht. Ich empfinde es dabei so beglückend, das Du ganz offen und frei an alle schönen und auch schweren Dinge herangehst. Es hat sich ja, ganz ungezwungen, so viel von unseren Wesenseigenarten dem anderen offenbart. All das will jetzt von unserem Innern Besitz nehmen und zu einem Teil unseres Selbst werden. Nicht alles wird ein glückhaftes Einverleiben sein können und werden. Das haben wir auch jetzt schon erfahren. Aber mich tröstet Dein so felsenfestes Vertrauen, von dem mir wirklich noch sehr viel fehlt. Daran erkenne ich auch den sehr großen Unterschied zwischen Deinem und meinem Sein. Wie sehr verschieden wir doch im Grunde veranlagt sind, und wie glücklich sich gerade die Verschiedenheit beim genaueren Zusehen so notwendig ergänzt. Eigentlich ist das der beste Beweisgrund dafür, daß die tiefen Bindungen zwischen unseren Herzen viel weiter herkommen als wir vielleicht ahnen können. Es ist so einfach gesagt, der Herrgott habe das alles gewirkt. Das ist nur so eine allgemeine Erklärung, und wie oft ertappt man sich darauf, daß man die Tragweite solchen Ausspruches garnicht ermißt. Wie alles, was seine Beziehung über das rein menschliche und irdische hinweg zum Übernatürlichen nimmt, wo webt auch hier tiefstes kostbarstes Geheimnis, vor dem wir nur staunend und ahnend still stehen können.
Nun muß ich noch einiges Alltägliches schreiben. Man scheut sich meist davor, aber mit der größeren Wirklichkeit im Zusammensein nehmen auch diese Dinge ihren größeren, berechtigteren Raum ein.
Was ist aus Hagen geworden? Haben sich die Befürchtungen der Mutter, daß auch diese Quelle vernichtet werden könnte nun nach dem Angriff auf Hagen doch bewahrheitet? Würdest Du einmal nachsehen, ob ich bei Euch oder uns zu hause den grauen Schott zurückgelassen habe. Sei so gut und schicke ihn mir. Zu Deinem „schweren“ Gang zum Gesundheitsamt wirst Du wohl auch inzwischen Gelegenheit gefunden haben. Es ist jetzt eine neue Regelung als Ersatz für den bisherigen Sonntagsurlaub getreten: der sogenannte „Kurzurlaub“. Ledige können einmal, Verheiratete zweimal monatlich ihre nächsten Angehörigen besuchen für die Dauer von 48 Stunden. Anfang und Zeit dieses Urlaubs können beliebig und günstigst gewählt werden, soweit der Dienst es zuläßt. Ich würe mich dabei um einige Stunden günstiger stehen als mit Sonntagsurlaub.