August Broil an Marga Ortmann, 10. Oktober 1943
Bremen, am Sonntag, den 10.10.43.
Meine liebe Marga.
Es ist wieder ein strahlender Herbstsonntag, ganz so als ob alles im tiefsten Frieden liege und von den furchtbaren Ereignissen der Woche nichts wüßte. Ich hatte das Glück, die heilige Messe feiern zu dürfen, und damit konnte ich den Sonntag ein innerlich sonntägliches Bild geben.
Als ich zur Kaserne zurückkam, lagen zwei Briefe von Dir auf meinem Tisch, die die Sonntagsfreude ganz voll machten.
Zwei wunderbare Briefe habe ich nun zu beantworten. Das ist bei der Fülle dessen, was Du mir erzählst und der Gedanken, die Du mir entwickelst schier unmöglich. Ich will alles so gut und gewissenhaft hineinnehmen wie ich es vermag.
Ich habe ja versucht, einige Bilder von den Erlebnissen unserer Tage zu malen. Es ist erklärlich, daß ich die Dinge am klarsten und tiefsten auszudrücken vermag, die mich im Inneren am stärksten beeindruckt haben. Und was sehe ich aus Deinen Briefen? Daß es genau die gleichen Dinge sind, die auch Deine Gedanken immer wieder beschäftigen und nach Lösung oder Klärung suchen oder aber sie wie ein köstliches Gut in die Tiefe Deiner Seele senken. Heute will ich Dir wider zwei Bilder beifügen.
Dein Brief mit den Schilderungen der Erlebnisse vom vergangenen Sonntag hat mich ganz besonders beeindruckt. Dieses Alleinwandern kenne ich aus meinen eigenen Erlebnissen so gut, und ich habe es immer so gern getan. Es hat etwas besonders Schönes in sich, wenn man weiß, daß man doch nicht so allein ist, sondern daß die Gedanken immer hingehen können zu dem Menschen, den man so nahe bei sich zu haben sehnt. Ich liebe diese Art des Alleinseins in der Natur so sehr, all das Schöne, das sich dem Auge dartut, vermag so tief in unser Herz einzugehen. Die Gedanken können ganz frei und ungezwungen herumschweifen. Es hat für mich immer etwas Befreiendes, ich möchte fast sagen Erlösendes in sich gehabt. Wenn das Leben uns Mühe macht, wenn Ereignisse des persönlichen Erlebens uns quälen, dann wirkt ein solcher Tag wie ein Wunder auf das Gemüt. All die schönen Dinge, die einem das Gedächtnis im Erinnern an frühere Gelegenheiten herbeizaubert – es sind fast ausschließlich schöne Dinge, die im Bewußtsein die Oberhand behalten – bilden ein immer neues Erleben. Ich freue mich darüber, wie genau Du noch jede Einzelheit weißt, selbst Dinge, die scheinbar nur so am Rande lagen, haben sich stark in Dein Gedächtnis eingeprägt. Für mich ist das ein Zeichen dafür, mit wie offenen Sinnen und fühlendem Herzen Du alles erlebt hast. Dann hast Du wieder in unserem Dom gestanden vor dem Bilde der Mutter des Herrn. Zwei Wochen vorher stand auch ich an dieser Stelle, und ich weiß,
daß wir beide dem Sinne nach die gleichen Gebete zu ihr emporgesandt haben; denn was gibt es in unserem Sehnen und Wünschen, in unseren Anliegen und Nöten, das nicht uns beide gleichermaßen berührt.
Meine Liebste, Du schreibst so fein, wie Dich die Erlebnisse dieses Sonntages mit dem Gedanken ganz vertraut machten, daß mit der Entwicklung in der Natur auch unsere Entwicklung zur Gemeinsamkeit Schritt gehalten habe. Ich glaube, daß vielen Menschen eine ähnliche Entwicklung geschenkt wird. Vielleicht liegt sie im Rhytmus der Natur begründet und oft kommt mir darum die Entwicklung so selbstverständlich ja fast notwenig vor. Wir können dem Herrn wirklich dankbar sein, daß er uns so auf den Weg geschickt hat. Und es ist wohl auch so, daß er uns damit offensichtlich machen wollte, zu welchem Ziel wir diesen Weg gehen. Wenn wir so in uns spüren, daß wir mit jedem Tag der Reife zur vollen Gemeinsamkeit mehr und mehr entgegenschreiben, dann wollen wir gerne dankbar unsere Hände öffnen, das zu empfangen, was uns als Frucht vom Herrn geschenkt ist. Dann wollen wir gewissenhaft den Samen legen zu neuem segensreichen Tun in der gottgegebenen Gemeinschaft der Ehe.
Du Marga, in einem der Bilder, die ich diesem Brief beifüge ist das Geschehen des letzten Morgens noch einmal festgehalten, und ich habe versucht, Dir die ganze Spannung und Tragweite der Stunde darzulegen. Aus Deinem ersten Briefe sehe ich, wie Du dies voll und ganz erkannt hast und recht zu beurteilen weißt. Ich danke Dir für Deine Bereitschaft, mir zur Seite zu stehen. Es ist schon so wie Du schreibst, daß ich viel zu sehr die negative Seite der Dinge sehe und sie demgemäß auf mich wirken lasse. Da liegt aber der Angelpunkt, um den es sich bei mir direkt und an dem wir mit Erfolg ansetzen können. Es liegt wohl etwas in meiner Natur, daß ich immer nur an Abwehr denke, immer nur mit den Schwierigkeiten rechne und dadurch den Kampf allzu schwer habe. Du zeigst mir dagegen den guten Weg auf, den auch ich zuweilen erkannt habe, aber nie recht durchführte: Die positiven Dinge als Grundlage unseres Lebens zu setzen und mit ihnen zu arbeiten und zu kämpfen, unser Leben so damit auszufüllen, daß für das Negative kein Raum mehr bleibt. Glaube und Vertrauen sind Voraussetzung. Ich freue mich so sehr darüber, daß Du nicht müde wirst, sie in mir zu stärken. Darum danke ich Dir, daß Du mir heute den Lippert-Brief mitgeschickt hast. Den kann ich jetzt noch einmal ganz fein durcharbeiten.
Wie glücklich können wir sein, daß solch erleuchtete Menschen so zu uns zu sprechen vermögen.
Neben dem Fortschritt in unserem inneren Verhältnis nehmen auch die äußeren Dinge ihren Fortgang. In jedem Brief hast Du solch eine kleine gute Nachricht für mich. Neben den ideellen Grundlagen spielen die Materiellen für eine gute Ehe wenn auch nicht die tragende, so doch eine nicht zu unterschätzende Rolle. Beide müssen im rechten Verhältnis zueinander stehen. Ich erinnerte mich, daß Lippert in einem der Briefe aus dem Engadin drüber sehr gute, etwas humorgewürzte Worte sagt, wenn auch nicht in Bezug auf die Ehe. Wie in all unserem Tun, so wollen wir auch hier in voller Gemeinsamkeit handeln. Die Eltern wollen wir nicht mehr belasten als wir unbedingt verantworten können.
Sei mir am heutigen Sonntag, an dem ich ganz besonders froh und glücklich bin, vielmals herzlich gegrüßt.
Dein August.
Den Schott habe ich bekommen, ich konnte ihn heute gut gebrauchen.
Am See.
Menschenhand schuf deines Rundes geschwungene Form,
legt‘ um die spielenden Wellen des Wassers den künstlichen Steinernen Rand,
fügte dich liebevoll ein in ein freundlich erdachtes Gebild.
Denn wo der grüne und friedliche Ring um die Enge der Häuser sich schwingt,
trutzten einst mächtige Wälle dem feindlichen Groll.
Nun aber legt sich die sanfte Gewalt der Natur,
wie ein erlösender Ring um die Stadt,
bringt aus der Weite des Landes befreienden Duft.
Wir kennen den See und die Wellen darauf
Wir lieben das Spielen des Winds,
Der schaukelt die Blätter der Espen ganz sacht
Und streichelt uns Wangen und Stirn.
Die Bank auf dem Hügel lädt oftmals uns ein,
Die Sonne glänzt hell auf dem See.
Ich leg meine Hand in die deinige fest
Und still ists in unserer Welt.
Es steigt aus dem Schweigen, das uns erfüllt,
Das Wort aus Gedanken geformt,
Es bringt unsre Herzen einander ganz nah
Und zeichnet des anderen Bild
Der See hat uns immer Frieden geschenkt
Ob schmerzvoll, ob glücklich die Stund!
Wir lieben den See und sein Land so sehr
Als ein Wissender unsres Geschicks.
Letzter Morgen.
Die Nacht war lang;
es war die letzte vor dem Fortgehen,
hinaus in meine Einsamkeit,
um Dich allein zu lassen in der Heimat.
Und diese Nacht, so lang sie war, sie rann dahin.
Und kurzer Schlaf: der Morgen kam
und fans uns wieder voll bereit,
so eins zu sein
wie diese Tage der Gemeinsamkeit es uns gelehrt.
Es war der letzte schwere Morgen
Du, wie gewaltig drängte mich dieses Letzte Deiner Nähe zu,
und wie erschauderte mein Inneres
vor dieser Inbrunst Deines Naheseins,
das so unsagbar liebevoll und rein und unbefangen war.
Und doch, in meinen Tiefen spürte ich es wachsen,
es drängte sich herauf, beängstigend und schwer,
es faßte mich und warf mich in.
Du ahntest, spürtest es, daß etwas in mir rang;
doch konntest Du nicht wissen, hattest nie erfahren,
wie die Gewalt aus allen Tiefen eines Menschenherzens
uns anfällt, rüttelt, wirft und sinken läßt,
um das Erleben wie ein Fest gestalten will,
o, so verführend schön
und das Bewußtsein trübend,
unser helles Wachen über unser gutes Selbstsein.
Unwiderstehlich reißt es aus der Bahn uns weg
die wir so froh zu gehen beschlossen
und deren Weg so fest wir unter unsern Füßen glaubten.
Du meine liebe, gute, teure Marga,
das war das Schwere, Dumpfe, Drückende,
das meine Seele hart Belastende,
die doch so klar so froh,
so glockenklingend hell
im Wachsen der Gemeinsamkeit geworden war.
Es war der letzte Morgen - -
Ich durfte das Geheimnis dieser Stunde
nicht mit mir nehmen als Geheimnis still verschlossen:
Und so bekannte ich Dir zögernd nur,
ganz umrißhaft andeutend,
was diese Stunde mir bedeutet hat
von all den vielen,
die wir am Wege der Gemeinsamkeit schon hatten.
Verstehend, liebend nahmst Du wieder auf Dich,
gingst, in Gedanken tief, dem Dunkeln und Geheimnisvollen nach
und wußtest nun, was Deine Liebe neu zu tragen auf sich lud.
Mich aber soll die Stunde
nicht mutlos machen für das Ziel,
Vertrauen soll ich fassen, festen Glauben haben,
und unsre Liebe wird verfehlen nicht
den guten, gottgewollten Weg.