August Broil an Marga Ortmann, 14. Oktober 1943
Bremen, den 14.10.1943.
Meine liebe Marga,
gestern schon wollte ich Dir schreiben. Ich hatte aber in der Soldaten-Bibliothek ein Buch entliehen: Ein Eifelroman von Clara Viebich; der in der Manderscheider und Wittlicher Gegend spielt. Viele ihrer Landschaftsschilderungen erinnerten mich so sehr an unsere gemeinsamen Tage und an meine früheren Wanderungen durch die Eifel. In dem Roman war das Schicksal eines Müllers sehr fein geschildert, dem das Leben zu leicht gemacht wurde und der sein überhebliches, stolzes Haupt nicht den Wirklichkeiten des Lebens beugen wollte. Familie, Haus, Mühle und schließlich der Mensch selbst gerieten in Verfall und Unordnung. Erst als erblindeter, altender, hilfloser Mensch fan er die innere Ordnung und Sicherheit wieder, die ihm und seiner stolzen Tochter ein glückvolles Leben in einer ärmlichen Hütte gewährte.
Ich hatte lange kein Buch mehr gelesen; das Soldatenleben hatte mich mit seiner Ruhelosigkeit dessen ganz entwöhnt. Jetzt kann ich mir die
Zeit wieder etwas einteilen, und ich werde ab und zu dazu kommen. Du schriebst mir einmal, daß es Dir nach den schweren Ereignissen des Sommers geistig kaum noch möglich war, zu einem Buch zu kommen. Zu sehr drängten Dich die eigenen bestürmenden Gedanken fort von den Gedanken eines Buches. Wir sind uns klar darüber, daß es mancherlei Lesen gibt. Die Masse unseres Volkes schlürft den Lesestoff zumeist nur noch genußsüchtig ein. Das Buch und ganz allgemein das geschriebene Wort wird nicht mehr als etwas Wesentliches im Menschleben betrachtet. Es wird herabgewürdigt zu einem Genußgift, dem man sich willenlos hingibt, ohne zu fragen, ob es dem Menschenleben gut ist oder nicht, ob es noch eine Aufgabe am Menschen zu erfüllen hat. Wir wissen um die wahre Aufgabe des Buches, dessen Macht über das menschliche Leben und Wirken so groß ist. Wie viele Menschen sind durch das schlechte Buch verdorben worden, wie vielen ist das gute Buch Helfer und Ratgeber zum Guten. Es ist allerdings eine Frage der charakterlichen Haltung des Menschen, was ein Buch aus ihm und mit ihm machen kann. Wenn der rechte Geist dahinter steht, muß jedes Buch – und sei es das schlechteste, dem Menschen etwas geben können. Ein Beispiel:
Unter Soldaten gibt es Menschen aller Charakterbildung und Geisteshaltung. Wie es dabei schlechte und gute Gespräche gibt, so gibt es auch schlechte und gute Bücher. Mir fiel ein solch ausgesprochen schlechtes Buch in die Hand. Ich las einiges darin und legte es dann wieder beiseite. Es erregte Ekel und Abscheu in mir. Ich verhehlte meinen Kameraden gegenüber diese Einstellung zu dem Buch nicht. Vielleicht ist es dadurch möglich, daß dem einen oder andern das Widersinnige und Abscheuliche des Buches zum Bewußtsein kommt, und sei es nur, daß eines meiner Worte ihn zum Denken anregt. Dann hätte auch das schlechte Buch seine gute Wirkung getan.
Beim Lesen des einfach geschriebenen Eifelromans fiel mir im Verein mit Deinen damaligen Gedanken noch dies ein: Menschen unserer Art neigen sehr dazu, manches Buch überheblich zu beurteilen, wenn uns nicht von vorn herein die Sicherheit gegeben ist, daß es anerkannt gut ist. Ich bin jdoch da ein Freund von verborgenen Schätzen, und es kommt hier ganz besonders auf die innere Haltung an, auf die Bereitschaft, das wirklich Gute anerkennen zu wollen, auf das Vermögen, es zu erkennen. Es gehört Liebe dazu, die anständige und lautere Gesinnung eines Schriftstellers herauszufinden
und ihn zu achten, auch wenn er kein anerkannt Großer ist. Du Marga, ich glaube wir werden in unserem späteren gemeinsamen Leben gerade darin eine gute Arbeit tun können.
In Deinem Brief vom Samstagmorgen erzählst Du mir vom Glück des Schauens. Ich dachte darüber nach, was wohl dieses Schauen eigentlich ist. Das Sehen ist ein rein körperliches Tun, ein Erfassen der Körperlichkeit um uns her. Dazu sind uns die Augen als Werkzeug gegeben. Das Schauen ist ganz etwas Anderes. Die Augen kann kam dabei ruhig entbehren, denn es ist ein Geistiges Tun. Es ist das Innewerden des Wesenskernes eines Geschöpfes, das Erkennen. Ich schaue den Menschen, den ich liebe und erfahre im Schauen seine Tiefen, sein eigentliches Sein. Ich erfahre die Schönheit oder die Mißgestalt seiner Seele, das helle Licht und das tiefe Dunkel darin. Ich erfahre ohne es zu wissen, was ihn so gebildet hat, wie es hier vor mir ist, all die Ströme seines Schicksals oder seines Glückes. So hat wohl Johannes, als er die Geheime Offenbarung schrieb die Herrlichkeit des Himmels geschaut, so werden wir einst die Größe und Macht und Liebe Gottes schauen, wenn wir ihm Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen dürfen.
Es ist herrlich zu wissen, daß ein Mensch mich erschaut, denn er erkennt mich, er weiß um mich, er nimmt mich auf in sein Inneres, läßt mich ein Teil seines geistigen Seins werden. Denn nun kann ich mich ohne Scheu ganz öffnen, kann alle Hüllen beiseitetun, kann bis ins Letzte hoffen, gerade und ehrlich sein. Alle Höhen und Tiefen, alles Gute und Böse sind ein Teil, ein Mosaikstein in dem geschauten Gesamtbild. Du, meine Marga, nur wenn ich so sein kann, dann bin ich ganz froh, dann weiß ich auch, daß ich Dich ganz glücklich machen kann. Dieses So-sein-können ist mir jetzt ein tiefes inneres Bedürfnis; ich muß Dir immer sagen können, was in den Tiefen meines Inneren vorgeht. Je mehr ich diese Klarheit und Offenheit fertig bringe, je mehr fallen alle düsteren Gedanken von mir ab, und es tritt an ihre Stelle ein wohliges Hin und Her des Schenkens und Empfangens.
Wenn uns das Glück des Schauens geschenkt wird, so ist das etwas so Herrliches und Großes, aber es ist nichts Selbstverständliches, sondern es ist ein
Geschenk des Himmels, eine Gnade, die uns der Herr gibt und wieder nehmen kann. Es bedeutet viel, wenn wir das erkennen. Denn diese Erkenntnis macht uns das Beten um die Erhaltung dieser Gnade notwendig.
Meine Marga, mit diesen Gedanken, deren Verwirklichung unser ganzes Kämpfen und Arbeiten ausmachen muß, grüße ich Dich in aller Herzlichkeit und Freude
Dein August.
Anbei 2,6 kg Brotmarken.