August Broil an Marga Ortmann, 17. Oktober 1943

Bremen, den 17. Okt. 1943.

Meine liebe Marga,

als ich eben einen Brief an Tante Parmena schrieb, da fielen mir so viele unserer gemeinsamen Erlebnisse wieder ein. Besonders nahe aber ging mir der Gedanke, daß wir in den vier kurzen Tagen so ungeheuer viel erleben durften, daß mir die kurze Zeit wie ein langer Zeitabschnitt vorkommt. Weil die Tage so bis an den Rand gefüllt waren, darum gehen sie jetzt so richtig in die Breite und wirken sich aus in unserem gleichmäßigen Alltag. Weiter dachte ich daran, daß uns die wenigen Tage so besonders kostbar sind, weil es eben so wenige sind. Es sind allesamt Festtage. Wenn wir aber jetzt nur Festtage erleben, sollte uns das nicht zu denken geben für unseren späteren gemeinsamen Alltag. Da bin ich dann dazu gekommen, daß ich mir sagte, der Alltag unseres Lebens wird ganz gewiß und ohne lange auf sich warten zu lassen, kommen. Wir sind uns dessen durchaus bewußt und haben dem oft schon in unseren Briefen und Gesprächen Ausdruck gegeben. Aber gerade, weil wir so bestimmt wissen, daß er kommt, darum können die Festtage

garnicht festlich genug sein. Der Sinn der Festtage ist doch der, daß sie nie um ihrer selbst willen da sind, sondern daß sie mit ihrem Glanz in den Alltag hineinstrahlen sollen. Sie sollen den Alltag aus seiner Alltäglichkeit herausheben als die Intervalle zwischen den hohen und mächtigen Tönen der Festtage. Du hast in einem Deiner letzten Briefe das so fein gesagt, als Du von der rechten Feier des Sonntages sprachst, di Dir soviel Kraft für die Woche und den Alltag gibt. Wir alle sind Kinder des Hohen Dreieinigen Gottes. Dank muß uns erfüllen, daß wir zu seinem Preise und zu seiner Herrlichkeit leben dürfen. Ganz besonderer Dank aber muß in uns lebendig werden, wenn in solch festlichen Tagen und Zeiten unsere Herzen ganz besonders zu ihm emporgehoben werden, wenn unser Alltag dann noch mehr sein Tag wird, immerfort und immer neu.

Ich danke Dir, meine liebe Marga, daß Du zu diesen Gedanken so fein geschrieben hast. Es ist wirklich so daß ich sehr dazu neige – wahrscheinlich durch meine Veranlagung und auch durch die Erfahrung, daß ich die Zukunft da viel zu schwarz sehe. Dabei dürfte es ein Schwarzsehen für uns

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überhaupt nicht geben. Denn daß Prüfungen und Nöte kommen werden, ist ganz gewiß, aber sie werden nicht kommen, um uns zu erdrücken, sondern um uns stark zu machen. Unser Glaube an das Wirken der Vorsehung muß da so fest und sicher werden, daß wir mit ihm aller Schwierigkeiten Herr werden. Die Liebe aber muß alle Täler und Höhen ausfüllen. Sie muß die tragende Kraft sein, daß uns die Nöte und der Alltag nicht zu sehr belasten. Sie muß es uns leicht machen, den Glauben fest zu bewahren. Der Steg, der über den reißenden Bach führt trägt Dich sicher, wenn er stark gebaut ist. Wenn ihm aber das seitlich sichernde Geländer fehlt, macht Dir das Überqueren Angst und Mühe. Wenn es aber Deine Hand stützt, fühlst Du Dich sicher und geborgen und gelangst getrost ans andere Ufer.

Wenn Du in Deinen Briefen von diesen Dingen sprichst, dann muß ich immer wieder darüber staunen, mit welch vertrauender Kraft Du alles in das Gebet hineinzunehmen weißt; wie Du darüber hinaus mich an der Hand nimmst und zu mir sagst: Komm, wir beten gemeinsam.

Schon in der Aachener Zeit haben wir verschiedentlich über das Beten gesprochen; aber es ging damals nur um meine

besonderen Umstände des Betens als Soldat. Zuweilen, wenn wir zusammen waren, haben wir kurz darüber gesprochen, wie wir in der späteren Gemeinsamkeit alleine und gemeinsam beten könnten. Einmal, am Abschluß unseres vorletzten Urlaubs haben wir wirklich gemeinsam gebetet, als wir vor dem Bild des Gekreuzigten standen und Du unser Danken und Bitten betetest. Worin wir uns im Grunde bisher näher zu kommen suchten, war nur das gemeinsame äußere wie inneres Betens, während der gemeinsame innere wie nur ein stiller tiefer Gedanke Deines und meines Herzens geblieben ist. Sicherlich sind unsichtbare Fäden hin und her gegangen, die zart und unerkannt hüben und drüben einen Boden zu bereiten begannen. Ob wir es damit genug sein lassen müssen und warten müßen, bis so ganz organisch etwas wächst, das wir später einmal als Grundlage zu diesem verantwortungsvollen Tun vor Gott nehmen können? Diesen Gedanken wollen wir beide einmal ganz ernsthaft in uns erwägen. Vielleicht sehen wir eines Tages die Notwendigkeit, darüber hinaus bewußt und durchdacht das stille Wachstum durch gemeinsames Hervorheben ans Licht zu fördern.

Diese Gedanken wurden mir in der letzten Zeit ganz besonders dadurch häufig gegenwärtig, weil ich einen so großen Unterschied in Deinem und meinem persönlichen Beten zu bemerken glaubte. Wir müßten sicher davon ausgehen, diese Eigenart des Einzelnen festzustellen.

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Dies meine ich von mir aus jetzt immer stärker tun zu müssen, und ich müßte dabei wieder ganz ehrlich und offen sein.

Am Sonntagabend wollte ich diesen Brief fertig schreiben, aber ein Fliegeralarm hat mich daran gehindert. Heute Montag wollte ich weiterschreiben, aber es ist wieder früh am Abend Alarm. Ich will den Brief trotzdem fertig zu schreiben versuchen, wenn auch unter etwas erschwerten Verhältnissen. Ich will meine unterbrochenen Gedanken noch etwas weiterführen.

Da bin ich wieder zu dem gekommen, daß ich festgestellt habe, es sei ein ziemlicher Unterschied, und wir müßten die Verschiedenheit darzustellen versuchen, um einen Grund für das erstrebte gemeinsame Tun zu finden. So müßte ich also mit mir beginnen.

Ich denke über das Beten so: Der Mensch erhebt sich aus seiner Menschlichkeit, wird sich seiner übernatürlichen Berufung bewußt und öffnet seine Seele dem Göttlichen. Er legt sein ganzes Sein, das seiner Brüder und Schwestern, der Welt und des Alls in die Hände des ewigen Walters. Im Gebet der Not erkennt er die Allmacht, im Gebet des Dankes die Güte und Väterliche, im Gebet

des Preises und Lobes die Herrlichkeit Gottes. Nun ist das so bei mir, daß jetzt, wo ich es gedanklich durchdringe und niederschreibe, mir die ungeheure Gewalt des Gebetes ganz gegenwärtig ist. Im Leben des Tages aber fällt es mir immer so schwer, in diese Höhe und Weite vorzudringen. Es ist mir dann oft so, als ob eine Hülle mich umfangen halte, die meine Gedanken am Irdischen festhalten und die Flügel lahm mache. Dann widerstrebt es mir häufig, an ein Gebet zu denken. So geht es mir auch oft, wenn Deine Briefe mir das Gebet nahebringen wollen. Es scheint mir schier unmöglich, alles und jedes in das Gebet hineinzunehmen. Doch jetzt, da ich es schreibe, spüre ich, wie klein meine Haltung ist, wie gering mein Vertrauen, wie schwach mein Glaube. Es ist ein Teil meiner Eigenart, hinter die Frage und das Warum sehen zu wollen. Dann aber gibt es wieder Zeiten, wo ich wirklich über dem allen stehe, und ich spüre in mir das Weitwerden der Seele.

Bei Dir muß das alles ganz anders sein, und wie es anders ist, daß müßtest Du einmal zu sagen versuchen. Denn davon verspreche ich mir, daß wir uns in diesem Punkt viel näher kommen werden.

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Es wird mir etwas schwer, den Brief so weiterzuschreiben, weil im Luftschutzkeller Unterhaltung die Gedanken fortwährend stört. Etwas von dem was ich zu dem wichtigen Thema sagen wollte, habe ich Dir niederschreiben können. Es wird wohl fürs erste Anknüpfungs- und Überlegungspunkte geben. Wir wollen dieses Feine, Tiefe, das ganz aus dem Innern sich entwickeln muß, ganz behutsam auseinanderbringen. Du Marga, welch weite Gebiete unbebauten Neulandes haben wir noch glückhaft zu bearbeiten.

Einen andern Gedanken möchte ich noch einmal erörtern, den der Ehrlichkeit. Ich habe letztens das mich hierin so stark Mitreißende aufgeschrieben. Du bist so sehr erfreut darüber und nimmst es so dankbar auf. Doch Du hast die Gedanken recht weitergedacht mit Deinem Brief über die Epistel aus dem Epheserbrief „Ertraget einander in Liebe“. Ehrlichkeit bis ins letzte, das ist die Voraussetzung, dieses Wort des Apostels wahr zu machen für uns. Bei dem unbedingten Willen zur Ehrlickeit allein können wir also

nicht stehen bleiben. Wenn wir wissen, daß wir ganz offen uns in den andern hineingeben können, dann muß dahinter das Vertrauen stehen, daß die Liebe des andern alles zu tragen vermag. Wir wissen um die Liebe und ihre Notwendigkeit. Das wird uns ganz kraftvoll erfüllen, jedem selbst und dem andern zur Kraft.

Mir geht es jetzt oft so wie Dir. Unter dem vielen, was es zu schreiben gäbe und gibt, muß man auswählen. Andererseits kann es nicht immer nur das Entscheidende, das Letzte sein, was unsere Briefe enthalten. Auch alltägliche Dinge müssen uns zum Verweilen im Brief reizen können, denn im Hinblick auf das Ganze haben sie ihre eigene Wichtigkeit.

Heute kam Dein Brief vom Samstag. Ich werde ihn später noch eingehend lesen und recht „durcharbeiten“. Das ist bei Deinen Briefen oft notwendig. Du, am Samstag Nachmittag hatte ich das Glück, einer Aufführung der Meistersinger aus Anlaß des 100-jährigen Bestehens des Bremer Theaters beizuwohnen. Es ist wohl eine der Wagnerschen Opern, die unsereins noch ganz gut mit bekommen kann, und der er wirklich zu folgen vermag. Es war ein feines Erlebnis.

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Besonders der letzte Aufzug, der ein einziges großes Preislied auf die Deutsche Art und Kunst ist, hat mich innerlich sehr aufgerüttelt und erregt. Für unsere Zeit sind die großen Gesänge sehr vielbedeutend.

Gestern kam Dein Ehetauglichkeitszeugnis an. Morgen werde ich mich vom Truppenarzt untersuchen lassen. Dann sind alle Unterlagen zusammen und die Eheerlaubnis wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Dann gilt es den günstigsten Zeitpunkt zu wählen, um den Heiratssonderurlaub zu nehmen für die Trauung auf dem Standesamt.

Du, ob es möglich sein wird, nach Hannover zu fahren, glaube ich kaum, weil man auch von Hannover schlimmes hört. Ende Oktober Anfang November werde ich auf jeden Fall Kurzurlaub einreichen vür 2 Tage. Wir können dann 1 ½ Tage zusammen sein und wieder manches besprechen.

Jetzt muß ich aber wirklich Schluß machen, damit gleich, wenn die Entwarnung kommt, mein Brief fertig ist.

Du Liebste, ich grüße Dich ganz herzlich und froh

Dein August.

Grüße bitte alle Lieben von mir.