August Broil an Marga Ortmann, 23. Oktober 1943
Bremen, den 23.10.1943.
Meine liebe Marga,
am Montag im Luftschutzkeller habe ich meinen letzten Brief an Dich fertiggeschrieben. Jetzt ist schon Samstag, und ich mache mir Vorwürfe, daß ich Dir im Laufe der Woche noch nicht schrieb, weil ich weiß, wie sehr Du auf jede Nachricht von mir wartest. Es ist auch so, daß ich eigentlich viel öfter schreiben möchte, wenn ich an diese äußeren Zusammenhänge des regelmäßigen Hin und Her der Briefe denke, das, wwenn nicht gerade notwendig, so doch nützlich und schön ist, besonders bei Menschen, die sich so viel zu sagen hätten wie wir. Doch geht es ja nicht um das Briefschreiben an sich, sondern um das, was in den Briefen steht. Mir geht es beim Briefschreiben so, daß ich äußerlich eine gewisse Ruhe haben muß, etwas Stille, damit einem nicht fortwährend die Gedanken auseinanderhüpfen, abgelenkt und
aufgestöbert durch äußere Eindrücke. Eng zusammen hängen diese äußeren Einflüsse mit der inneren Bereitschaft, denn sie wird hiervon stark beeindruckt. Ähnlich hast Du mir einmal geschrieben, als Du mir sagtest, daß es Dir nicht möglich sei so zwischendurch einen Brief an mich zu schreiben. Durch die frühen Fliegeralarme (7 Uhr) sind die Abende jetzt oft so zerrissen. Im Luftschutzkeller während der Unterhaltung zu schreiben ist mir besonders schwer, weil ich dann immer ein Gefühl der Unsicherheit habe mit den Briefen, als ob die Gedanken leicht zu verworren werden könnten und das Richtige, was ich eigentlich sagen möchte, garnicht gesagt werden kann – das ist ja der Mangel, der dem geschriebenen Worte gegenüber dem Gedanken immer anhaftet und den wir schon so oft empfunden haben.
Heute, am Samstagnachmittag will ich möglichst früh beginnen, damit ich vielleicht noch fertig
werde mit diesem Brief. Sei mir bitte nicht böse, wenn es zuweilen länger dauert.
Du, am Donnerstag hat der Chef meinen Heiratserlaubnisschein unterschrieben. Nun haben wir die für die amtliche Eheschließung notwendigen Unterlagen wohl beeinander. Es liegt nun bei uns, einen günstigen Zeitpunkt für die gemeinsame erste Vollzugshandlung zu wählen, weil ja ein etwa zwölftägiger Urlaub damit verbunden ist. Ich denk wir machen es so: Anfang November komme ich noch einmal auf Kurzurlaub (2 Tage) nach Köln. Dann besprechen wir mündlich die Möglichkeiten. Was hältst Du davon, wenn wir der äußeren Aufzeichnung, für die ich die Formalitäten des Staates immer nur halte, doch auch in einen inneren Zusammenhang bringen zum Geschehen in uns selbst und in unserer gnadenspendenden Kirche. Man muß seine Meinung über diese Äußerlichkeit
doch etwas überprüfen. Wenn auch heutzutage die verschieden gerichteten Kräfte des Volkes, des Staates, der Kirche und des einzelnen Menschen recht gegeneinander arbeiten, so müssen wir gerade jetzt so handeln, daß diesen wunderbaren Kräfte – was in unserer Macht steht – in ihrer gottgegebenen Zuordnung Gerechtigkeit widerfährt. Denn diese Kräfte sollen in einem festen Ring einander verbunden sein und nicht wie die Strahlen eines Sterns auseinander streben. Wir wissen sehr gut, daß die Zuordnung der Kräfte eine gottgewollte Notwendigkeit ist und tragen deshalb die Verantwortung, unser Tun in der Welt daraufhin auszurichten. Wir können zwar nichts so großes vollbringen, daß auch nach außen hin unser Tun wirksam würde. Aber unsere Gesinnung muß so sein, daß wir jederzeit das rechte Verhalten finden. So wollen wir also auch jetzt nicht einfach sagen, diese amtliche Eintragung ist nur ein rein
äußerlicher und ganz unabhängiger Akt. Er hat im Leben unseres Volkes seine große Bedeutung. Und unser Volk steht vor Gott; auch jetzt in seiner geistigen Vereinsamung und offenbaren Loslösung von ihm. Wohl der Gnade, die uns erkennen ließ, daß diese Bindung nach oben hin auch jetzt noch nicht ganz abgerissen sein kann. Unsere Kirche, Seine Kirche trägt auch heute noch das Volk zu Ihm hin. Du Marga, diese Gedanken wollen wir ganz bewußt zur Tat werden lassen, wenn wir vor dem Volk sagen, daß wir in seiner Gemeinschaft den Anfang setzen wollen zu einer neuen Zelle seiner Lebenskraft: der Ehe. Mir scheint der baldige Beginn des neuen Kirchenjahres ein recht guter Zeitpunkt zu sein, um diesen Gedanken in uns besonderen Raum zu geben. An das Ende und den Anfang des Jahres setzt die Kriche die Worte des Herrn über das Ende der Zeiten und das Gericht. Allem Geschehen in der Welt, allem Werden in ihr
wird mit dem Beginnen auch das Ende gesetzt. Allein Bestand hat die übernatürliche Seele des Menschen. Wir setzen den Anfang in unserem Volke, im Weltlichen, aber damit wollen wir die gottgewollte Gemeinsamkeit beginnen, die unsere Seelen hinführen soll zu dem Endziel, der Verklärung. Damit gewinnt unser Tun den inneren Zusammenhang zu den Ordnungen, die Gott geschaffen hat, es ist kein nüchternes Geschehenlassen mehr, das wir eben tun, weil es Vorschrift ist, sondern ein Handeln im Bewußtsein unserer ganzen menschlichen Würde und Größe. Mit diesen Gedanken entferne ich mich wohl sehr von dem, was ich im Urlaub üder die Eintragung in die Statistik des Staates sagte. Gewiß, äußerlich geschieht weiter nichts, und doch geschieht auch da innerlich sehr viel, wenn wir uns in die rechten Zusammenhänge hineindenken. In geordneten
Zeitverhältnissen würde ich darum auch nie den Vorschlag gewagt haben, die weltliche Bindung zunächst unabhängig von der übernatürlichen vorzunehmen; denn beides gehört zusammen. Auch jetzt soll es dem Geiste nach garnicht auseinandergerisssen werden. Der Zeitunterschied, der sich für die Verhältnisse als praktisch und vorteilhaft erwiesen hat, soll keineswegs eine Trennung der beiden Handlungen bedeuten. Wenn wir jetzt den einen Teil in rechtem Geiste vollbringen, dann werden wir befähigt sein, in diesem Geist unsere Arbeit fortzusetzen zum baldigen endgültigen Vereintsein.
Meine Marga, in Deinem Brief vom letzten Sonntag sind mir Deine Gedanken über das Jäten des Unkrautes als Selbstzweck im Gegensatz zur Pflege des guten Samens als wahrer Lebensaufgabe besonders gegenwärtig geworden. Bei sehr vielen Menschen, auch bei mir ist
es oft wirklich so wie Du schreibst. Sie leben in einem ewigen Kämpfen mit all ihren Schwächen und Bedrückungen. Es soll zwar ein wirklicher und auch schwerer Kampf sein, aber nicht als Selbstzweck, sondern um der eigentlichen Arbeit Raum zu verschaffen. Ich erkenne die Wahrheit dieser Gedanken voll und ganz. Und wenn ich mein bisheriges Leben daraufhin betrachte, so muß ich feststellen, daß ich mich immer viel zu lange beim Unkraut aufgehalten habe. Kann das anders werden so wie es richtig sein soll? Vielleicht nicht von Grund auf; aber doch immerhin so anders, daß der rechte Weg und das rechte Verhältnis als Ziel klar erkennbar sind. Ich muß Gott dankbar sein; denn im Gegensatz zu meinem früheren Leben ist doch schon so vieles anders geworden. Erkenntnis und Erfahrung haben mir gezeigt, daß das Leben eine vollkommen andere Haltung verlangt als sie unter dem Druck
der Sünde notgedrungen sein muß. Du weißt ja aus meinen Briefen, wie das alles war. Ja nun ist die Erkenntnis da. Sie nicht zuletzt hat mir auch eingegeben, daß ich an Deinem Wege nicht vorbeigehen dürfe. Denn nun können wir gemeinsam wirken, können uns helfen, können uns aneinander stark machen.
Oft, wenn ich wieder einmal einen feinen Sonntag verlebt habe, dann gehe ich mit ganz großen Hoffnungen in die Woche hinein. Am Sonntag ist man meist allein und kann sich ganz seinen Gedanken für die Woche hingeben. Die Woche aber nimmt einen dann so richtig wieder in ihre Gewalt, sie stellt einem Aufgaben und Prüfungen in Hülle und Fülle. Oft muß man seine Schwachheit erkennen aber manches Mal freut man sich, wenn man wieder etwas tun konnte. Man darf nicht in den Tag hineinleben. Jede Gelegenheit des Tages muß man dazu offenhalten, seine Gedanken auf das Große richten
zu können, das am Sonntag so reich in uns lebte. Am Abend, beim Rückblick auf den Tag, kann man so fein feststellen, was alles fehlte und was für den neuen Tag besonders zu tun bleibt. Es kostet oft etwas Diplomatie. Man muß sich manchmal durch einen solchen Soldatentag richtig hindurchschmuggeln. Die Tage sind oft so unterschiedlich. Es ist mir manchmal, als ob man unseren Schwingungen unterworfen wäre, einem seltsamen Rhythmus, der einem Zeiten schenkt, die so schön und leicht und innerlich geordnet hinfließen – ich fühle mich recht glücklich darin – und andererseits Zeiten, in denen es besonders schwer zu sein scheint: alles scheint gegen einen sich auflehnen zu wollen. Geht Dir das auch so? Wichtig ist es diese Zeiten zu überbrücken und die gewisse Leere und „innere Gelähmtheit“ auszufüllen; etwas aus ihr zu bilden.
Aber jetzt bin ich schon wieder am Unkraut ange-
langt. Augen auf heißt es: Das Unkraut wächst viel besser und robuster als die Fruchtpflanzen und es macht sich behäbig breit. Mit gleicher Robustheit also muß es beiseitegeschoben werden. Es verträgt nicht allzuviel Sorge und Mitgefühl. – Die Gefahr dazu ist groß.
Ähnlich wie Du, bin auch ich manchmal erstaunt, daß in unseren Briefen ganz unabhängig voneinander ähnliche Gedanken behandelt werden. Letztens schrieb ich Dir vom Lesen. Gleichzeitig kam ein Brief von Dir, der mir meine Gedanken bestätigte. Ist das wohl darauf zurückzuführen, daß wir unsere Gedanken immer wieder, besonders im Urlaub, austauschen und daß sie uns später dann besonders zum Bewußtsein kommen, wenn eine Gelegenheit wie hier das Lesen sie uns nahe bringt. Für mich und gewiß auch für Dich ist das jedenfalls immer eine froh machende Feststellung.
Meine Liebste, jetzt ist die Zeit der
Komplet vorüber; die Bereitung auf den Sonntag, den Tag des Herrn, hat begonnen. Ich hoffe, daß er ebenso gut wird wie die voraufgegangenen. Vielleicht kann ich mich morgen früh wieder hinausstehlen. Morgen nachmittag habe ich Dienstfrei. Dann will ich einen Spaziergang zumm „Bürgerpark“ machen, der dem Kölner Stadtwald ähnelt. Vielleicht erhasche ich dort noch ein wenig vom bunten Herbst, der in diesem Jahr so überaus schöne Tage hatte und so sanft kam.
Liebste, Dir eine gute Nacht, frohe Gedanken und herzliche Grüße
Dein August