August Broil an Marga Ortmann, 28. Oktober 1943 (?)

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stand, das einem aber in der erdrückenden Fülle des Erlebens gar nicht zum Bewußtsein kommen konnte. Ob es wohl immer und bei jedem Menschen so im Leben ist, daß das Geschehen selbst mehr unbewußt hingenommen wird und die spätere gedankliche oder gefühlsmäßige Verarbeitung seine Wirkungen in der Tiefe und Weite offenlegt? Wenn wir dies bei unserem Erleben erfahren würden, dann wäre das für unsere spätere Gemeinsamkeit von größter Bedeutung. Setzte diese Erfahrung uns doch die Aufgabe, nicht am Erleben selbst haften zu bleiben, sondern ihm Muße, Zeit, Raum in uns zu geben zu wirkender Entwicklung. Nicht die Fülle des Erlebens, sondern das rechte Maß des Erlebens wäre unser erstrebenswertestes Ziel.

Die seltsamen Zeitverhältnisse haben uns ohne eigenes Zutun ihren Rhytmus des Erlebens

auferlegt und uns jetzt einmal gedanklich den inneren Wert dieses Rhytmus erkennen lassen. Unter normalen Verhältnissen wäre uns die Erkenntnis erst nach vielen Mühen ganz allmählich gekommen, hier drängt sie sich mit aller Gewalt uns auf. Der Krieg und seine Bedingungen und Verhältnisse zerstört nicht nur, sondern er zerstört manches Falsche, Unwahre, Schlechte und läßt das Rechte offen und ohne Umschweife klar zu Tage treten.

Ich wollte eigentlich keinen langen und schweren Brief schreiben, sondern nur noch ein wenig mit Dir plaudern und Dir von meiner guten Rückkunft erzählen. Da drängten sich überm Schreiben diese Gedanken ganz stark herein. Ich bin selbst immer aufs Neue erstaunt, wie befruchtend sich das Mühen um die wahre Gemeinsamkeit zwischen uns beiden auswirkt. Wie es immer aufs neue dazu antreibt, die Tiefen

und die Hintergründe Deines und meines Lebens aufzudecken, es zum Allgemeingültigen des gottgeordneten Lebens in Bezug zu setzen, um so einmal unserer Gemeinsamkeit den rechten Untergrund zu geben und zum andern – und das ist der eigentliche Grund allen Lebens zwischen zwei Menschen – diese Gemeinsamkeit in die rechte Beziehung zu den letzten Dingen des Menschen zu setzen: Gott und Ewigkeit.

Deinen Brief, den Du mir mitgabst, habe ich heute abend zum Abschluß des Tages gelesen. Ich muß da später noch drauf eingehen. Das Fest Allerheiligen will ich, da ich es als Festtag äußerlich überhaupt nicht begehen konnte, so beschließen, daß ich mich in die Liturgie des Festes noch etwas vertiefe.

Gruß Dir und Segen zur Nacht, meine liebe Marga. Im Gebet sind wir einander nicht mehr fern.

Dein August.