August Broil an Marga Ortmann, 6. November 1943
Bremen, den 6. November 1943.
Meine liebe Marga.
Jetzt, da ich diesen Brief beginne ist für Dich wieder die Zeit, zur Komplet zu rüsten und bald wirst Du wieder in der betenden Gemeinschaft sein wie wir es am vorigen Samstagabend waren. Während der seit unserem Zusammensein vergangenen Woche habe ich hauptsächlich in den Abendstunden, wenn ich allein auf dem Büro saß, an die schönen Stunden gedacht. Dann war Ruhe um mich herum, die immer etwas ausgelassenen Kameraden der Stube waren nicht bei mir.
Wir hatten in unseren letzten Briefen damit begonnen, das ganz tiefgreifende Problem des persönlichen wie des gemeinsamen Betens anzufassen. Vor meiner Hinreise zu Dir hatte ich Deinen Brief bekommen, der mir über Deine Haltung und Dein Denken reichen Aufschluß gibt. Mit so feinen Worten hast Du alles ganz aus Deinen Tiefen hervorgeholt und es vertrauensvoll mir in die Hände gelegt. Ich wollte dann beim Zusammensein mit Dir darüber sprechen. Bis auf wenige kleine Andeutungen ist es dazu nicht gekommen. Um wirklich darüber sprechen zu können ist es wohl notwendig, daß uns eine ganz besonders stille, tiefe Stunde geschenkt wird, deren wir est nach längerem Bemühen würdig sein werden. In unseren Briefen haben wir erst begonnen, uns vorsichtig in die Tiefen hineinzutasten. Es ist wirklich erst ein Beginnen, aber ein ernstes, und was wir geschrieben haben, das ist etwas ganz Entscheidendes auf unserem gemeinsamen Wege. Denn nun beginnt unsere Sehnsucht nach geistiger Vereinigung vorzudringen in die geheimsten und heiligsten Bezirke des Menschseins. Wenn ich Deinen Brief jetzt lese – und ich muß ihn noch oft lesen, dann kommen wir so viele Züge Deines Wesens zum Bewußtsein, sie werden mir klar und deutlich.
Was ich jetz versuchen will, ist eine recht schwere Aufgabe, vielleicht gelingt sie mir so ohne weiteres garnicht. Ich will versuchen das Unterschiedliche und das Gemeinsame Deines und meines Betens darzustellen. Dabei verfolge ich den Gedanken, die gemeinsame Grundlage unseres Betens zu finden als Voraussetzung unseres späteresn gemeinsamen Tuns. Bevor ich in Deinem Brief von der inneren Notwendigkeit Deines Betens las, war mir manches in Deinem Tun wenn nicht fremd, so doch
unerklärbar und nicht zu begreifen. Du weißt selbst wie ich ganz nüchtern und verstandesmäßig mit Dir überlegt habe, wie Du z. B.
die tägliche Feier des hl. Meßopfers von den äußeren Möglichkeiten abhängig machen mußtest. Ich wußte damals noch nichts um die inneren Zusammenhänge bei Dir und habe deshalb rein verstandesmäßig darüber gesprochen. Dies deutet sehr schön auf die ganz unterschiedliche innere Verfassung hin. Der Drang, die innere Notwendigkeit der Hinwendung zu Gott macht Dich unruhig. In Deiner Seele ist ein solches Sehnen danach, daß Du gar nicht anders kannst als Dich hinzugeben. Ich möchte sagen, daß es der Ausdruck des fraulichen Wesens in Dir ist. Du fragst nicht oder denkst darüber nach oder suchst zu ergründen, ob Dein Beten so oder so notwendig ist, sondern Dein tiefes Fühlen drängt Dich immer wieder neu dazu; der Verstand, der Gedanke sind nur Diener des aus dem tiefsten Innern herausquellenden Gebotes.
Dieses absolute Hingegebensein, dem Du als Frau unbedingt zu Folgen vermagst, entspricht bei mir einem im Grunde absoluten inneren Drang, der verstandesmäßig erfaßt sein will. Wenn bei mir aus dem Inneren heraus die Stimmen rufen – und sie rufen wohl immer, wenn auch mit unterschiedlicher Kraft – so meldet sich damit zugleich der Verstand. Er erwägt die äußeren und inneren Möglichkeiten des Gebets, er sieht die Menschen-Armseligkeit und die Gottesgröße; er fragt nach den Zusammenhängen, er will genau ergründen, warum dieses oder jenes Gebet, diese oder jene Haltung im Beten möglich ist. Unter all diesem Denken macht das Beten selbst Schwierigkeiten und leidet sogar manchmal darunter. Wenn allerdings dem Verstande die rechte Erkenntnis geglückt ist, dann kann das Beten auch ebenso groß werden.
Sieh, meine Marga, und nun bin ich froh, daß ich durch unsere Briefe erkennen durfte, wie anders wir darin sind und sein müssen, Du als Frau und ich als Mann. Und in diesem Anderssein soll und kann Einheit werden. Sie kann wohl nur dadurch werden, daß wir, wissend um die Eigenheit, der Eigenheit des anderen ganz Raum geben, solange wir sicher sind, daß sie in der rechten Ordnung zum Wesen eines jeden von uns steht.
An den Abenden dieser Woche habe ich noch einmal einen recht regen Schriftverkehr gehabt; verschiedene alte Briefschulden und neue, mir notwendig zu beantworten scheinende habe ich glattgestellt. Jupp Heimbach hatte mir geschrieben und um Antwort gebeten. Bruno schrieb mir einen Brief aus Erlangen, wo er für einige Zeit im Krankenrevier liegt. Mit Bruno ist es so, daß er mir oftmals seine geheimen Schwierigkeiten und Nöte anvertraute – auch diesmal wieder. Ich hoffe, daß ich ihm durch ein passendes Wort helfen kann. Fredl und Magdalene habe ich jetzt endlich zu ihrer Verlobung beglückwünscht. Bruno schrieb mir übrigens von seinem Erleben des Christ-König-Festtages. Er war allein in seinem Krankenzimmer und hatte nicht Freund noch geistige Hilfe in Schrift oder Lesung zum Festtag. ich habe ihm das Würzburger Heft zugeschickt, daß ich ganz ausgezeichnet fand. Der Begriff des Königs war hier in feiner Sprache und guten Beispielen treffend herausgearbeitet. Für junge wie für alte Menschen packte einen die kleine Schrift ernstlich an. Heute bekam ich einen Brief von Familie Heinen aus Großburg-Wedel. Sie wären doch froh, wenn wir einmal hinkommen könnten: solche Besuche tief in der Diaspora seien für die sie Feste. Die Aussichten auf ihr neues Schlafzimmer seien durch die Angriffe begraben.
Heinens wollen uns ihr Schlafzimmer in Köln zur Verfügung stellen bis einer von uns etwas Neues gefunden habe. Auch eine Laute oder Klampfe zu bekommen sei jetzt wohl nicht mehr möglich. Matthias will sehen, ob er seine nicht noch geflickt kriegt. Das waren für uns keine schlechten Nachrichten und immerhin Möglichkeiten.
Heute kam das Päckchen schon an. Ich danke Dir für die schnelle Besorgung.
Was ist bei den neuen Angriffen in Köln geschehen? Unser Dom erhielt neue Wunden. Hoffentlich ging sonst alles gut.
Nun, meine liebe Marga, will ich den Brierf und den Abend beschließen mit einem frohen Gedenken an Dich. Wir wollen lernen, aus tiefem Herzen sagen zu können: Laßt uns beten.