August Broil an Marga Ortmann, 11. November 1943

Bremen, den 11. November 1943.

Meine liebe Marga,

den Mittwochabend hatte mir freigehalten zum Brief für Dich. Vergangenen Samstag kam der junge Bremer von seinem Lehrgang zur Einheit zurück. Wir haben uns gegenübergesetzt und wollten jeder seine Arbeit tun. Dann sind wir ins Gespräch gekommen und schließlich ans Probleme wälzen. Es tut wirklich gut, wenn man als Soldat einmal wieder mit einem Menschen vernünftig sprechen kann. Bei unserem Problem ging es darum zu klären, ob ein Genie nach anderen Gesetzen leben könne oder müsse als sie der Menschheit als ewige Gesetze mitgegeben sind. Es waren keine schlechten Gründe,. die für eine solche Auffassung sprachen. Dem Genie sind durch seine gnadenhaft verliehene Erkenntniskraft, die es vermag, vielleicht sogar die Menschheit den Geheimnissen des Göttlichen näherzubringen oder sie zu vermitteln, ganz andere Lebenskreise gegeben als dem Menschen gemeinhin. Man könnte der Außerordentlichkeit seines Geistes vielleicht nicht die Belastung der allgemeinen Gesetze zumuten; oder man könnte gar sagen, daß ein soclher Mensch nach anderen, uns nicht begreifbaren, höheren Gesetzen leben müsse. Dem wäre entgegenzuhalten, daß die göttliche Kraft, die in einem Genie wirkt nichts anderes ist als der Geist Gottes, dem alle großen Gesetze unseres Menschseins entspringen. Von unserem menschlich degenerierten Gesichtspunkt aus werden die ewigen Gesetze nur noch als das Negative im Menschenleben, das alles „natürliche“ Leben Hemmende und Einengende betrachtet, während die Gesetze in Wahrheit die positiven Grundlagen unserer menschlichen Ordnung sind. Man sollte eigentlich weniger von Gesetzen sprechen – es haftet ihnen immer etwas von Müssen und Zwang an – sondern von der Ordnung an sich. Das wirklich große Genie, dem die Gnade geschenkt ist, größeren Einblick zu tun in die Geheimnisse Gottes, sollte doch darum die gottgeschaffene Ordnung als notwendige Voraussetzung seines Lebens und Wirkens betrachen müssen. In der Tat sind solche Geister in der Geschichte der Menschheit nicht selten gewesen.

Gestern hatte ich das Glück, einem Konzert des Philharmonischen Orchesters in Bremen beizuwohnen. Es war ein feines Erlebnis. Das

Concerto grosso Nr. 10 von G. F. Händel tat eine so warme und sogar schöne Wirkung auf das jetzt so abgehetzte und gedämpfte

Gemüt. Wie ein zeitloser, erdeloser Glücksbote schwebte diese reine Musik der Streicher durch den Raum, und Beglückung las man nach dem Verklingen auf den Gesichtern der Hörer. Die folgenden beiden Werke von Johannes Brahms dagegen taten eine ganz andere Wirkung. Kämpfe, Schicksale, Probleme suchten Ausdruck in der musikalischen Gestaltung. Dämonisch und schmetternd, zag und fragend, beschaulich und träumend standen die Eindrücke gegeneinander. Es ist immer schwierig für uns, zu dem fremden, unbekannten, eilend vorbeihuschenden Bild der Töne ein rechtes inneres Verhältnis zu bekommen. Dafür haben wir zu wenig Kenntnis von den inneren Zusammenhängen und den Gesetzen der Musik. Wir können meist nur gefühlsmäßig zu folgen versuchen. Dann aber ist Voraussetzung das wir uns innerlich auf ein Werk abstimmen können, sodaß unser Fühlen mitschwingen kann.

(Am Donnerstagabend weiter bei Fliegeralarm)

Ich habe in den letzten Tagen ein Buch gelesen, das in der hiesigen Gegend um das Jahr 1500 spielt. Damals war der heutige Jadebusen, ein tiefer Einschnitt der Nordsee in das Marschland, noch nicht. Aber das Volk führte schon damals den Kampf gegen die Naturgewalt des Meeres und gegen die Bedrücker ihrer schwer und unter Opfern erkauften Freiheit. Die Charaktereigenschaften dieser Menschen, ihre viel gelästerte Starrköpfigkeit, die man mit stur bezeichnet, konnte man nach den Schilderungen des Buches viel besser verstehen. Sie müssen so sein, um ihre Lebensrechte zu wahren. Damals geschah das große Unglück für die Friesen, daß die Begierde der Monarchen und Fürsten im Verein mit den Gewalten der Natur dem Friesenvolke die bäuerliche Selbständigkeit geraubt wurde.

Marga, ich habe Deinen Brief, den Du mir in Köln gegeben hast und der eine Fortführung und weitere Vertiefung Deiner Gedanken über das Beten in unserer Gemeinsamkeit bracht, jetzt mehrmals gelesen. Ich wollte nach meinem Brief vom letzten Samstag noch weiter auf Deine Ausführungen eingehen. Aber es ist mir jetzt im Luftschutzkeller bei der

Unterhaltung schlecht möglich. Es gehört eine Stille und innere Sammlung dazu, um wirklich etwas sagen zu können.

In meinem letzten Brief kam ich mit der gedanklichen Erarbeitung des Stoffes garnicht so recht weiter, und ich hatte auch das Empfinden, daß mein Brief eigentlich nur ein Stammeln war und nach etwas tastete und suchte, das noch keine rechte Form zu finden vermochte. Es ist überhaupt sehr ungleichmäßig beim Schreiben meiner Briefe, manchmal kommen mir die Gedanken so im Fluge, sie fließen ganz von selbst hin. Ein andermal muß ich mich redlich darum mühen. Ich glaube, daß da gewisse Zusammenhänge bestehen zwischen der inneren Verfassung und den Möglichkeiten, sich irgendwie nach außen zu geben. Es ist in meinem Leben ein stetes Auf und Ab. Dann ist es ein inneres Erfülltsein, alles geht einem so glatt von der Hand, es fällt einem leicht gut zu sein gegen die Umgebung. Dann wieder ist es wie leer in mir, und ich muß mich um alles so sehr mühen. Ich glaube ja, daß jeder Mensch dieses wellenartige Spiel in seinem Innern kennt, der eine hat es ausgeprägter als der andere. Das wirkt sich auch auf alle Äußerungen des religiösen Lebens aus; besonders auf das Gebet. Du hast in Deinem Briefe über das Gebet auch darüber gesprochen. Ich denke an die feinen Worte, die Du dazu gefunden hast. Dieses selbstverständliche Hinnehmen des inneren Sich-Wohl-Befindens macht uns zwar selbstsicher aber auch überheblich. Unseren Gefühlen und Sehnsüchten ist Genüge getan, und wir sind ganz mit uns zufrieden. Es ist ein gewisser Egoismus. Wie viel wichtiger für die Bildung unseres Menschentums in der rechten Ordnung aber ist es, wenn wir auch die armen und schwachen Stunden zu bezwingen lernen und daraus etwas Gott wohlgefälliges machen. Das ist die Kunst des Lebens und vor allem die Kunst, unser gemeinsames Leben recht zu bilden. Ich weiß von mir bestimmt, daß mir da für später eine ganz große Aufgabe erwächst, zu der ich allerdings jetzt schon meine Vorarbeit leisten muß. Und ich muß mich oft dankbar daran erinnern, wenn ich betrachte, wie da auch unberührte Kräfte am Werke sind, die ihren Ursprung haben in dem unbedingten Willen zu einer guten Gemein-

In Deinem letzten Briefe berichtest Du mir von den

neuen Wunden, die unserem Dom wieder geschlagen worden sind. In den Tageszeitungen habe ich Bilder davon gesehen, und Urlauber haben mir davon erzählt. Ich habe Deine Gedanken zu dem immer neuen Geschehen des Hasses und der Zerstörung mit Anteilnahme gelesen. Ja der Aufschrei nach der Liebe! Es ist ein bewußter Aufschrei nach der Liebe; denn es kann doch nicht der letzte Gedanke der Menschheit sein, im tiefsten Elend nur Haß, Zorn und Feindschaft zu suchen. Und es kann auch noch nicht die letzte Läuterung sein, solange noch dieser Aufschrei so wenig die Liebe erkennen läßt. Doch ich glaube, daß sie alle spüren, wenn sie es auch nicht zu nennen vermögen, daß hinter dem Ruf nach Vergeltung, um bei einem akuten Beispiel zu bleiben, nicht die Lösung der Menschensehnsucht steht. Ein größeres, letztgültiges Ziel muß dahinter stehen, und es ist die Liebe.

Meine Marga, es müßte jetzt schon bald wieder dem nächsten Urlaub entgegengehen. Es ist nicht so ganz erfreulich, was ich Dir dazu schreiben muß. Der erste Rechnungsführer soll für eine Zeit im Lazarett zur Beobachtung, und ich soll ihn in dieser Zeit vertreten. Damit würde unsere Absicht, zu Ende November den Heiratsurlaub zu nehmen, sich doch nicht ganz verwirklichen lassen. Wir müßten denn warten bis zum Dezember. Über die genauen Zeiten kann ich Dir noch nichts schreiben. Das soll uns aber keineswegs hindern, unserem Plan abhold zu werden; es kann sich ja nur um eine Verschiebung von kurzer Dauer handeln.

Liebste, Du hast so fein geschrieben von dem Abschied in Recklinghausen. Ich sehe Dich noch mit schnellen Schritten weggehen, ganz als ob das rasche Schrittmaß die innere Spannung überdecken decken wollte, die sich entladen wollte. Du hast es ganz richtig gemacht.

Nun will ich Dich ganz herzlich grüßen. Liebste und fest an Dich denken

Dein August