August Broil an Marga Ortmann, 13. November 1943

Bremen, den 13. Nov. 1943.

Meine liebe Marga,

an Deinen letzten Briefen, besonders an dem, der heute ankam, hat mich etwas besonders erfreut, das an sich dazu angetan sein müßte, mich traurig zu stimmen: Daß Du es jetzt fertig bringst, mir hin und wieder auch von den unangenehmen und schwierigen Dingen im täglichen Leben zu schreiben. Früher hast Du das bewußt ganz vermieden. Du hast Dir gedacht, daß es aussehen könnte wie ein Klagen oder ein ängstliches Nicht-Fertig-Werden mit den kleinen Dingen, die alle zusammen doch so viel ausmachen im Leben. Doch ich wußte immer, daß Du geschwiegen hast. Dann haben wir davon gesprochen, und wir sind uns darüber klar geworden, dies könnte nicht ganz richtig sein, sondern es müßte so sein, daß alles und gerade auch das Unangenehme gemeinsam aufgenommen und getragen werden müßte. Wenn wir auch jetzt während der Zeit der Trennung zu dem gemeinsamen Tragen noch keine rechte Gelegenheit haben; es ist trotzdem wichtig, daß wir darum wissen, was uns bedrückt. So

haben wir wenigstens die Möglichkeit, wenn auch nicht so tatkräftig, uns doch in Gedanken mit allen Dingen auseinanderzusetzen, die das Leben beeinflussen, unser Leben, das so zueinanderführen will. Wie wir schon so oft festgestellt haben, gehört zu dieser wirklichen Gemeinsamkeit die möglichst harmonische Übereinstimmung im Wesentlichen und zwar in allem Wesentllichen. Der Leib und der Geist suchen gleichermaßen dahin zu kommen, daß wir uns in allem tief und bis in das Letzte gehend erkennen lernen. Dieses Erkennen-Lernen und das Wissen um die Geheimnisse und Zusammenhänge des andern Lebens sind der Grundpfeiler des gegenseitigen Vertrauens. Heute hatte ich darüber ein ganz aufschlußreiches Gespräch. Man sprach davon, daß so viele Männer und Frauen die selbstverständliche Treue nicht hielten und daß dies dem anderen häufig verborgen bliebe. Ich sagte dazu, daß dies nur ein Zeichen davon sei, daß die beiden Menschen in ihrer Gemeinsamkeit nicht in die Tiefe gedrungen seien. Kennten sie sich wirklich ganz, so müßte auch die kleinste Veränderung im Leben des anderen über kurz oder lang

offenbar werden; denn ohne Spuren geht kein Erlebnis am Menschen vorüber. Das mußte man dann auch als richtig gelten lassen.

Meine Liebste, wir dürfen ganz froh darüber sein, erkannt zu haben, wie wichtig für uns beide das Hineindringen in das ganze Leben des anderen ist. Und wir sind uns darüber klar, daß es kein Aufgehen des eigenen Ich sein soll, sondern die feste, kraftvolle Betonung des Ich, um es dem Du ganz in seiner Eigenart und Anlage zeigen zu können. Sieh, müssen wir immer sagen können: Ich bin so froh, daß ich der Mensch bin und bleibe der ich bin, so groß und so klein, so schön und so arm, aber ich bin glücklich, daß ich mein ganzes Sein in Deine Hände legen durfte, weil Du ein zweites Ich brauchtest, an dem sich erst die letzten Tiefen des eigenen Seins erwärmen konnten.

Nun ist es ja so gekommen mit Dir und Deinen Lieben, daß Ihr alles verloren habt, was Euch das Leben gut sein ließ. Und Ihr habt einen tapferen Willen gezeigt, Euch nicht beugen zu lassen von der Gewalt der Geschicke. Aber nach den ersten Schrecknissen sind erst die Schwierigkeiten und

Mühen im Kleinen gekommen, die so sehr an allen guten Kräften zehren. Ich weiß das zum guten Bestehen dieser Prüfungen ein ganz ernstes und verantwortungsvolles Leben gehört, und ganz viel von seinen eigenen Wünschen muß man tief verbergen. Sehr auf der Hut sein muß man davor, sich nicht innerlich abstumpfen zu lassen, daß schließlich jede Tatkraft lähmt. Es ist wohl heute so, daß wir jungen Menschen ein gutes Maß Erfahrung mitbringen, wenn wir beginnen, unseren eigenen Weg gemeinsam zu gehen. Im ganzen gesehen darf es uns also nicht traurig, sondern mutig machen, weil wir wissend das Neue beginnen.

Nun will der Winter ganz allmählich und sicher kommen. Von der See her brausen die Stürme herüber und jagen das letzte welke Laub von den Bäumen herunter. Am vergangenen Sonntag als ich zur Kirche ging, waren Straßen und Plätze weiß vom Schnee. Der Schnee ist rasch zergangen, aber er zeigte uns den Winter ganz mächtig an. Der Winter hat in unserem Leben eine ganz gute Rolle gespielt. Denke an den vorigen Winter, an den

garstigen Gesellen; auf usnere Herzen hat er gar keinen so tiefen Eindruck gemacht, denn die haben sie wenig um ihn gekümmert.

(weiter bei Fliegeralarm)

Sie haben ihren gemeinsamen Weg begonnen, auch in der Winterkälte. Daß das nun schon bald ein Jahr her ist! Die Wanderungen im Schnee, die kleinen Gänge durch die Straßen der Stadt, die zagen Gespräche. Ach unser schönes Beginnen war damals im Winter. Nun ist der Winter ganz anders. Vieles könnte uns bedrücken und uns verzagt machen; denn unsere Zukunft und unsere Existenz sind ganz ungewiß. Und trotzdem sind unsere Hoffnung und unsere Zuversicht ganz groß. Wir denken stets an den Beginn unserer endgültigen Vereinigung. Warum sollen wir auch im Grunde mutlos sein; denn wir haben so viele Anhaltspunkte zu einem guten Beginnen. Gerade in einer solchen Zeit führt uns das Schicksal zusammen – ich sage Schicksal, aber es ist die göttliche Vorsehung, die uns führt. Das hat doch seine Bedeutung. Und mit welcher Freude wir dabei sind, uns vorzubereiten. Jedes, auch das kleinste Geschehen wird so gewertet wie es sein soll, nichts wird übergangen;

diese Zeit macht uns hellsichtig für alles. Ob wir in guten und normalen Zeiten fertig geworden wären mit all dem? Und wir sind so bescheiden geworden, glückhaft bescheiden! Die kleinen Dinge erfreuen uns fast noch mehr als die großen Geschehnisse. Ich denke daran, wie Du in der kalten Stube unterm Dach, im Jungenzimmer auf dem Bettrand sitzest. Du hast alle Arbeit vorher beendet, und jetzt bist Du ganz mit Dir allein. Dann nimmst Du meinen Brief zur Hand und liest ihn, wohl einmal oder zweimal, und das kleine kalte Zimmer spürst Du kaum noch. Du denkst ich sei bei Dir, Deine Augen sehe ich leuchten und Dein Herz wird so dankbar für eine solch schöne Stunde. Vielleicht liege ich zur gleichen Stunde hier im „Kasernenbett“ und denke an all das, was uns froh gemacht hat. Spürst Du die Gedanken hin und her gehen? Dann legst Du Dich neben Fini in das Bett hinein.

Du schläfst noch nicht sofort ein, weil Deine Gedanken noch bei dem Briefe sind. Ja, Du hast wieder ein kleines Fest erlebt. War es ein kleines Fest? Es war viel, ganz viel geschah; unsere Schritte haben sich wiederum einander genähert.

Den ganzen Tag über stehst Du wieder unter der Last der Arbeit, die Dich drängt und der Du ein paar gute Minuten abstehlen mußt. Aber Du läßt Dich nicht erdrücken von dieser Last, wenn es auch nicht Deine eigene Arbeit ist, sondern Du denkst immer daran, daß diese Arbeit erst noch kommen wird. Weißt Du, wann Das sein wird? Ach wir freuen usn beide schon so sehr darauf, daß diese Arbeit kommen wird.

Das schreibe ich alles jetzt so hin, wie mir die Gedanken kommen an Dich und an uns beide. Weißt Du, Liebste, ich will nur einfach so schreiben wie die Gedanken sind an uns beide. Denn Du brauchst Freude, und ich weiß, wie Du allem Erleben in Deinen Gedanken anhängst,

wie es so tief in Dich hineingeht und Du es bei Dir trägst bis es ganz Dein Eigen ist. Ich bin manchmal in Gedanken so sehr bei Dir, aber das kannst Du nicht immer wissen, Du ahnst es sicher nur, und Du glaubst daran. Ob ich ermessen kann, was Du erlebst, wenn Du bei mir bist? Es ist so vieles anders bei mir, und es sinkt ganz langsam hinab in die Tiefen meines Herzens. Ich ahne das Ungeheure nur; Gott hat mir eine große Gnade gegeben in dem was Du durch mich erlebst. Ich danke dem Herrn für diese Gnade, sie läßt mich ein wundersames Glück empfinden.

Meine Liebste, ich habe nur so etwas andeuten können in diesen Zeilen, denn die Sehnsucht ist immer groß. Wenn es so über mich kommt, dann möchte ich mein ganzes Innere an Dich ausliefern, an Dich, Du meine Marga.

Dein August