August Broil an Marga Ortmann, 20. November 1943
Bremen, den 20/11.1943.
Meine liebe Marga,
Heute erhielt ich einen Brief von Dir, den Du mir schon zum vorigen Sonntag geschrieben hast. Er ist noch ganz von der Vorfreude auf den baldigen Urlaub erfüllt, den ich eigentlich heute antreten wollte. Statt dessen hatte ich heute einen ganz bunten Tag mit recht viel Arbeit. Der „kleine“ Oberkanonier durfte die Geschäfte des Rechnungsführer mit Wehrsold- und Urlaubsgeldzahlung, mit Rauchwarenverkauf und Postbearbeitung für kurze Zeit allein und selbständig erledigen. Morgen wird der „Gefüllte“, der dicke Friesländer mir als Postminister wieder zur Hand gehen. Der etatsmäßige Rechnungsführer rief heute morgen aus dem Lazarett an. Er hofft recht bald – vielleicht schon in der nächsten Woche – entlassen zu werden, weil er auch ambulant
behandelt werden könne. Dann bekomme ich hier wieder etwas Luft, und die Aussicht auf Urlaub ist gewisser.
Nun habe ich mich nach dem lauten Tag ins stille Büro gesetzt. Bei der Tischlampe, deren Licht so schön vom übrigen Raum abtrennt und ihn noch besonders still macht, will ich in Gedanken mit Dir zusammen sein, so ruhig und schön, wie wir das auch im leiblichen Beisammensein zuweilen tun konnten – viele Gelegenheiten hatten wir dazu bis jetzt kaum.
Wie fein Dein Brief mir die Anfänge unseres Weges ins Gedächtnis zurückruft. Durch solch leise Andeutungen wird oft ein ganzes großes Bild, eine erfüllte Stunde, eine Erlebnisreihe wieder ganz gegenwärtig. Manchmal glaubt man die damaligen Gefühle und Gedanken neu zu erleben oder in einer
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wohligen Aufwallung des Inneren nachzuempfinden. Manchmal werden Bilder, die längst im See der Erinnerungen untergetaucht sind und dort schlummern wie neu bezaubertes Leben hervorgeholt. So erzählst Du von den Abenden gemeinsamer Arbeit, von der Adventsfahrt in den Forst. Damals wußte ich noch nicht, was ich heute weiß, ich spürte nur ganz zaghaft in mir eine Stimme rufen. Ihren Sinn konnte ich noch nicht deuten. Da stehst Du unter den hohen Kiefern, neben Dir steht Fini; in den Händen haltet ihr den Rucksack. Du mußtest den Handschuh ausziehen, um den Knoten zu binden und da sie eine Hand nicht frei war, nahmst Du die Zähne, um den Handschuh auszuziehen. Dies Bild, wie Du da standst mit dem Handschuh zwischen den Zähnen, hat sich in mir erhalten und wurde mir jetzt wieder bewußt. In Deinen Augen war ein offenes, mir ganz neues Lachen
und in Deiner Haltung war so etwas Beschwingtes, Ungezwungenes. An den gemeinsamen Abenden saß ich einmal neben Dir. Wir falzten und schnitten um die Wette. Ich saß nur so neben Dir und sah auf Deine Hände und in Dein Antlitz. Da durchfuhr mich eine Welle eigenartiger Wärme. Auch dies Bild wurde jetzt wieder in mir wach.
Du hast in Deinem Brief Dir Gedanken darüber gemacht, daß wir nun dem Weihnachtsfest entgegengehen, dem Fest der Liebe und des Friedens, deren äußeres Zeichen die Gabe an die Freunde und die Lieben ist. Ich stehe hier in meinem Alleinsein vor den gleichen Schwierigkeiten wie Du. Da sagst Du so richtig, daß wir jetzt ganz arm seien, aller Möglichkeiten beraubt, und daß wir trotzdem mit etwas Erfindungsgeist etwas tun könnten. Sicherlich müsse nwir vom materiellen Schenken diesmal fast
völlig Abstand nehmen. Und doch müßten wir etwas tun können, sei es auch nur ein Kleines, das wir selbst erarbeiten können, einen Brief oder eine Karte für die Freunde, dem wir unser Eigenes aufprägen und eine ganz winzige Kleinigkeit für die Lieben. Darüber müßten wir noch einmal sprechen können, bevor wir jeder für uns etwas unternehmen.
Du meine Marga, es ist etwas Großes, daß wir vielleicht schon ganz nahe vor unserer endgültigen Vereinigung stehen. Es mögen nur wenige Wochen oder Monate sein; das Endgültige wissen wir ja nie genau voraus. Manchmal abends, wenn ich still in meinem Bett liege, denke ich darüber nach, wie das nun alles werden kann. Wenn wir einmal ganz miteinander verbunden sein werden; wie nahe und innig werde ich dann bei Dir sein. Wir werden ein paar wenige, abgezählte Tage haben, und dann
mußt Du allein bleiben, und ich muß wieder hinausgehen. Was mag in diesen reichen Tagen alles geschehen zwischen uns. Geheimnisvoll und unnennbar liegt es noch vor uns. Im Schoße des gottgesegneten Bündnisses der Gemeinsamkeit mag das Wunderbare geschehen, das wir als etwas Heiligmäßiges ansprechen wollen und doch so oft verzerrt, verkümmert, verdorben der Menschen Glück und Unglück ist. Diese Nähe, diese Unmittelbarkeit des Zusammenseins, ach wissen wir, womit sie uns beschenken wird? Wenn unsere Liebe uns bis in das Letzte zusammenführt, Marga, welch großes Geheimnis steht uns dann bevor: Das Leben, welches Er in seiner Hand trägt gibt Er dann in unsere Verantwortung hinein, in unser Menschsein; denn wir sollen dann das Wirken, was Er in unserem Bunde für uns bestimmt hat. Meine Liebste, welche Größe des Tuns, und welche Tiefe der Verantwortung! Haben wir Grund, vor dieser Verantwortung zurückzuschrecken
und zu weichen? Bisher war es stets so, daß wir in den entscheidungsschwersten Stunden Seinen Willen zu erkennen suchten. Er hat uns so geführt, daß wir so zueinander kommen konnten. Wird Er uns nicht auch weiter sein schützendes Geleit schenken? Wenn es dann Sein Wille ist, daß die Frucht unserer Liebe seinen Segen trägt, können wir dann noch ängstlich zaudern? Wir werden dann sicherlich keinen leichten Weg haben, und ich weiß jetzt noch keinen sicheren Weg, wie in dieser Zeit alles zum Guten werden wird. Eins aber weiß ich: daß Du mit einem unerschütterlichen Vertrauen allem Neuen entgegengehen wirst: Vater, wirst Du sagen, alles ist in Deinen Willen beschlossen, auch unser Schicksal und Werden, gib uns die Kraft es zu bestehen zu Deiner Herrlichkeit.
Ich habe es noch nicht gewagt, das Wort auszusprechen, das Grund dieser meiner Gedanken war: das Kind. Nun habe ich es gesagt; denn es soll die Frucht unserer Liebe sein. Wenn wir die Gesamtheit allen Erlebens,
aller Gedanken und Gefühle betrachten, dann müssen wir auch wagen, hiervon offen und klar zu sprechen. Wenn wir die äußeren Verhältnisse einfach so aufzählen würden, dann müßten wir schweigen und warten. Aber die inneren Entwicklungen, die Geheimnisse sprechen das letzte, das entscheidende Wort. Ihm müssen wir folgen; zuversichtlich, klar; denn darin spüren wir Seinen Willen.
Meine Marga, unsere Liebe und unser Stehen zueinander verlangten ein solch offenes Wort. Du Liebste, es ist ein schweres verantwortungsreiches Entscheiden, das wir auf uns nehmen. Aber können wir es wagen, davor noch zurückzuhalten? Wir wollen nicht leichten Herzens darüber hinweggehen, sondern mit allem Vertrauen den Weg gehen, den wir als richtig erkennen.
Nun werde ich morgen wieder den Sonntag feiern. Es ist der letzte im Kirchenjahr. Voriges Jahr waren wir in der Gemeinschaft in Wuppertal. Wir standen bei der Heimfahrt auf dem Flur des Eisenbahnwagens.
Weißt Du noch wie Inge immer wieder die Lieder anstimmen wollte, und wie wir beide uns darin einige waren, daß es zuviel sei. Ich habe nahe bei Dir gestanden, und ich spürte etwas in mir wach werden. Oft habe ich in Deine Augen geschaut, die so tief nach innen blicken ließen in den Ernst Deines Herzens, den das frohe lachende Gesicht garnicht verdecken konnte, wenn man genau zusah. Ob Du damals schon spürtest, daß in mir etwas ausbrach? Ich hätte an jenem Abend mit Dir einmal ganz innig sprechen mögen; aber die Zeit war noch nicht reif. Nun, Liebste, spüre ich wie es reift in uns beiden.
Ach, alle Sehnsucht, alles Hoffen wollen wir in Reinheit und Sauberkeit zueinandertragen. Was uns denn geschenkt wird, das wollen wir in unsere Hände nehmen und nach Seinem Willen und unserem besten Vermögen zu formen versuchen.
So stehe ich jetzt vor Dir und Du vor mir, und wir freuen uns auf die Zukunft.