August Broil an Marga Ortmann, 24. November 1943
Bremen, den 24.11.1943.
Meine liebe Marga.
Ständig wechseln dem Soldaten die Bilder, die Menschen. Wie an einer Perlenschnut gleiten sie vorüber. Kameraden sind sie zunächst alle, jedoch nur insoweit als sie in der Soldatengemeinschaft wie zufälllig zusammengewürfelt werden und so zusammen leben müssen. Da sind sie rein äußerliche Kameraden, die halt aufeinander angewiesen sind. Tiefer spürt wohl kaum einer etwas. Und doch wird die Kameradschaft als etwas viel Höheres dargestellt. Das ist die ganz andere, die eigentliche Kameradschaft, die hineingreift in die Tiefen der Seele. Sie wird nicht in dem Vorüberhasten der Bilder und Menschen. Sie setzt mehr voraus und sie „leistet“ mehr. Das liegt schon darin begründet, daß die Seele hier mitsprechen muß. Das wirklich tiefe Erlebnis aus dem
Innern kann erst den Grundstein legen zu echter Kameradschaft: gemeinsames Erleben der Freude, der Not, der Entbehrung, des Kampfes, des Verlustes. Dies erst formt und bildet die Kameradschaft wie ich sie meine.
In dem Dreivierteljahr meiner Soldatenzeit habe ich zur echten Kameradschaft noch keinen Weg finden können. Die Menschen sind gekommen und wieder gegangen, und nur ganz selten einmal blieb im Herzen etwas Beständiges zurück.
Nun ist es hier wieder so weit, daß eine ganze Anzahl der „Kameraden“ geht. Diesmal sind es hauptsächlich die älteren Soldaten, der sogenannte Stamm, die zu einer neuen Ersatzabteilung irgendwo in Deutschland abgestellt werden. Ich kann vorerst noch in Bremen bleiben, weil meine „Ausbildung“
noch nicht abgeschlossen ist. Wenn sie jetzt so weggehen, dann denkt man vielleicht noch eine kurze Zeit hin und wieder daran, und schließlich hat man sie ganz vergessen.
Auch der „Gefüllte“ geht mit weg. Ich habe mit ihm jetzt einige Zeit allein arbeiten müssen, da sind wir ganz gut zusammen ausgekommen. Sein seltsames Benehmen, von dem ich Dir Letztens erzählte, hat er während dieser Zeit fast ganz abgelegt. Es muß wohl so sein, daß er das arrogante Wesen des jungen Rechnungsführers von Amts wegen nicht gut über sich bringen kann. Es ist ja auch wirklich so, daß man oft etwas herunterschlucken muß. Im Großen und Ganzen muß man halt mit allen fertig zu werden versuchen.
Meine Marga, dies wird wohl nur ein
Plauderbrief werden können, er wird wiederum im Luftschutzkeller fertig. Bei den Flügen nach Berlin dauern die Alarme sehr lange; meist von ½ 7 bis gegen 11 Uhr. Während zweier Alarmabende haben wir eifrig Schach gespielt. Ob wir zwei auch einmal dazu kommen werden? In den kurzen Urlaubstagen gibt es immer so viel wichtigeres zu tun.
Marga, Du hast am Festtage der hl. Elisabeth einen feinen Sonntagsbrief zu mir geschickt. Deine Briefe, meine Liebste! Weißt Du, mit welcher Spannung ich sie jetzt immer erwarte? Anfangs, in der Aachener Zeit, da waren sie mir etwas so Selbstverständliches. Ich freute mich sehr darauf, daß ich mehrere Male in der Woche einen Brief von Dir erhielt, den ich „durcharbeiten“ und nach Möglichkeit beantworten konnte. Aber es war ganz anders als
jetzt. Weißt Du, dieses starke breite Band des gegenseitigen Getragenseins, des tiefen Wissens umeinander, das fehlte damals noch. Ich hatte mit mir noch immer so zu tun, konnte nicht recht aus mir heraus. Nach unserer Verlobung wurde das ganz anders, als es mich endlich drängte, mich Dir ganz zu eröffnen und mein Inneres Dir klar auszubreiten. Und dann kamen die schrecklichen Ereignisse des Sommers, die Ungewißheit über Euer Schicksal. Da lernte ich erst recht, mit Spannung auf ein Wort von Dir zu warten. Die Tage unseres Urlaubs kamen dazu, die uns so viel wunderbare Gemeinsamkeit schenkten und uns ein weites Stück einander näher brachten. Und nun ist es so, daß wir immer ernsthafter an unsere endgültige Gemeinsamkeit denken.
Du, wie sich Inhalt und Notwendigkeit der Briefe ständig steigerten! Es ist mir so, als ob wir jetzt auf einem gewissen Höhepunkt angelangt seien. Aber kein Höhepunkt soll es sein, dem nun ein Abstieg folgend muß, sondern ein Übergang zu neuem Tun und weiterem Wirken.
Den letzten Sonntag des Kirchenjahres habe ich in der kleinen Kirche gefeiert. Ich mußte so viel daran denken, wie der Herrgott uns in diesem Jahr des Heils so gute Wege geführt hat. Ein frohes Danken war in mir für all das Gute und Feine. Aber auch ein klares Erkennen erwachte in mir über so vieles, was die menschliche Schwachheit nicht fertig gebracht hat in dieser Zeit. So ungeheuer viel können wir da noch tu. Je tiefer wir in uns hineinhorchen, um so mehr Verantwortung wird uns bewußt.
Das Wichtigste auf diesem Wege ist wohl die Erkenntnis und die Erfahrung des Lebens im Positiven und im Guten. In Wiecherts Buch, von dem ich Dir schrieb, habe ich darüber eine feine Stelle gefunden. Jürgen spricht mit Marte über das Böse und vergleicht es mit dem Unkraut. Wenn der Weizen gut sei und kräftige Wurzeln habe, dann würde er so stark und dicht wachsen, daß er das Unkraut ersticken müsse. Dies ist wohl das Kernstück für mein und unser Leben. Nach diesem Bild müssen wir unser Leben zu formen trachten.
Dieser Tage habe ich in der Soldatenbibliothek wieder einen kleinen Fund gemacht: Augustin Wibbelt „Nur ein Viertelstündchen“. In dieser Fundgrube der Lebenserfahrung und –weisheit hoffe ich noch gute Entdeckungen zu machen.
Am kommenden ersten Adventssonntag werde ich wieder sehr stark an die Heimat
denken müssen. War doch diese kurze Zeit der Vorbereitung in unserem Freundeskreise stets etwas so Schönes. Die Lieder, die Feiern, das Erleben der zarten Innerlichkeit dieser Zeit, und auch die Vorbereitungen auf das Fest und all den heimlichen Beschäftigungen. Vieles müssen wir jetzt entbehren, aber wir wollen uns trotzdem den Verhältnissen entsprechend vorbereiten. Wenn wir im Getriebe und in der fast nur ein ganz Kleines erübrigen, so ist das schon viel, und ein froher Mut steckt dahinter.
Du, liebe Marga, ich freue mich so sehr, wenn ich bald wieder bei Dir bin. Was werden wir dann alles zu sagen und zu tun haben, und wie werden wir uns Mühe geben müssen, der Fülle Herr zu werden und sie zu gestalten. Jetzt sage ich nur, Du, ganz herzlich und warm, und meine Arme breite ich um Dich
Dein August.