August Broil an Marga Ortmann, 27. November 1943

Bremen, den 27.11.43.

Meine liebe Marga.

Der gestrige Angriff, von dem Du gehört hast, hat uns wieder einmal verschont, obwohl starke Schäden angerichtet wurden und viele Tote zu beklagen sind.

Heute erzählte mir ein Kamerad, der in der Nähe Bremens, in Delmenhorst liegt, er habe beobachten können, wie die Verbände der schweren Bomber unter Jagdschutz nach Bremen flogen: Ein schauerliches Bild. Solche Massen hätte er selbst in Rußland nicht gesehen.

Einige Minuten von der Kaserne entfernt findet sich eine größere Übungswiese; d. h. sie befand sich dort; denn jetzt ist es ein ganz kriegsmäßiges Gelände. Das war sicher der „Teppich“, der für die Kasernen bestimmt war, zum Glück aber in die Wiesen ging. Diesmal hats wieder gut gegangen, so sagt man leicht hin. Und jedesmal, wenn man nach einem Angriff so sprechen kann, spürt man in sich eine große Freude – etwas Beglückendes durchspült einen, und an all die Armen,

die es angefaßt hat, denkt man zunächt nicht. Da muß man dann wieder feststellen wie furchtbar man doch auf sich bedacht ist, auf sein Leben, daß einem nicht einmal gehört und dem wir nicht das Geringste zu- oder abtun können. Man muß vielmehr auf sich selbst achten, dann sieht man auch, was alles klein ist im Innern.

Marga, Du hast mir den Würzburger Brief geschickt, und gestern Abend habe ich darin einiges gelesen. Über den Eifer und die selbstlose Hingabe an die hohe Aufgabe muß man den Würzburgern, besonders wohl [..] hohe Achtung zollen. Die Aufgabe ist wirklich groß, und die Anforderungen, die sie an die Freunde stellen, sind, Gott sei Dank, recht hoch.

Die Arbeit über die Heimatstadt, das schöne Würzburg, hat mich ganz besonders angesprochen und zwar nach verschiedenen Gesichtspunkten hin. Denn restlos anerkennen möchte ich die Gedanken und Folgerungen nicht. Die Heimattreue, die große Liebe zur schönen Heimat ist so stark

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und sehnsuchtsvoll hervorgekehrt. Sie kann nicht schöner und eindringlicher den in der Fremde weilenden nahe gebracht werden. Das katholische Würzburg mit seinem frommen Frankenlande hat eine Fülle herzlicher Kunstwerke ind er Baukunst, in der Plastik und in der Malerei hervorgebracht. Dankbar und ehrfürchtig müssen wir heutigen Nützlichkeitsmenschen vor diesem Wirken stehen. Wie haben wir alle, die wir Würzburg und das Frankenland besuchten, schon früher im Frieden und erst recht heute im Kriege die ganze Schönheit mit weiten Augen in uns hineingezogen. Wie beglückt waren wir ausgebombten Rheinländer, nur Trümmer und Zerstörung gewohnt, die Ebenmäßigkeit und Ruhe einer solchen Stadt auf uns wirken lassen zu können. Eine solche Stadt verpflichtet, eine solche Stadt als seine Heimat zu wissen, verlangt Haltung von jedem der sich zu ihr bekennt. Aber es ist ein Glück, ein Geschenk, eine solche Stadt Heimat nennen zu dürfen. Viele Menschen, die meisten wohl haben nicht ein solches Glück. Das Schicksal

hat sie vielleicht in eine der maßlosen Steinwüsten verschlagen oder der Krieg hat ihnen dazu noch das, was sie ihre Heimatstadt nennen, zerschlagen. Wo ist etwas, das sie so verpflichtet, sie so in ihre Gewalt nimmt wie jene? Wo ist der geschichtliche, traditionelle Urgrund, der anzieht und ausstrahlt. Ich meine, daß die Aufgabe dieser Menschen groß ist, weil sie so sehr auf sich allein gestellt und einsam sind, weil sie aller drängenden helfenden Kraft einer schönen Heimat und ihrer Menschen entäußert sind. Ich denke besonders an all die Menschen im Ruhrgebiet, durch das wir gemeinsam gefahren sind. Wir sprachen darüber, wie diese Städte sich so willkürlich entwickelt haben und nicht organisch gewachsen sind, wie trostlos sie zuweilen sein mußten, auch als sie noch nicht zerstört waren. Aber wir wissen auch von den Menschen in diesen grauen Städten. Wir wissen von ihrer Treue und ihrer Liebe.

Wenn man den Würzburger Brief liest, könnte

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man in die Gefahr kommen so zu denken, als ob dem schönen christlichen Würzburg die Schönheit der Stadt als ein Geschenk für die Treue belassen worden wäre, während die Öde und Verlassenheit der grauen Städte eine Art Bestrafung sei. Dieser Gedanke aber ist mir zu leicht und zu sehr nach menschlichem Denken entstanden. Wir wollen die herrliche Zeugen christlichen Lebens in ihrem Bestehen und Vergehen gut und gerne hinnehmen als etwas, das uns Gott der Herr belassen und erhalten hat, um von seiner Größe Kunde zu geben; aber wir wollen daran denken, daß es doch nur Menschenwerk zu seiner Ehre ist und daß mit seinem Bestehen und Vergehen Ihm nichts zugefügt oder abgenommen wird. Die wahren und ewigen Tempel baut Er in den Herzen der Menschen, ganz besonders in unserer Zeit.

Sind Dir beim Lesen des Briefes ähnliche Gedanken gekommen oder ist es so, daß ich etwas in den Brief hineindenke, was er garnicht will? Schreibe doch bitte einmal darüber.

Du Marga, mit der Post scheint es wieder schwieriger

zu gehen; Briefe nach dort gehen wohl sehr langsam, während die nach hier im allgemeinen nur zwei Tage benötigen. Es ist darum oft schwierig, die hin- und hergehenden Briefe aufeinander abzustimmen. Das Ideal wäre, wenn immer Frage und Antwort, Gedanke und Erwiderung einander begegnen könnten. So aber schweben oft Fragen in der Luft, während zwischendurch mit neuen oder verspäteten Briefen ganz andere Gedanken dazwischen kommen. Mir geht es manchmal sogar so, daß Du Stellen meiner Briefe anführst oder daß Du über etwas ganz besonders nachdenken mußtest, und mir fällt es dann schwer, den damaligen Zusammenhang oder das gesagte Wort wiederzufinden. All das soll uns aber keineswegs entmutigen, sondern uns anspornen – besonders mich – das Geschriebene besser festzuhalten. Am Dienstag schriebst Du mir z. B. daß Du Dich über meinen Brief besonders gefreut habest. Da ich nun mehrere Briefe unterwegs weiß, von denen ich annehme, daß sie noch nicht alle bei Dir waren, weiß ich jetzt nicht, welcher meiner Briefe es war, von dem Du sprachst. Wenn sich einmal eine

Gelegenheit ergibt, müßten wir gemeinsam all das Geschriebene durcharbeiten. Was wird das ein Entdecken werden. Selbst wenn später der Gegenwartsgehalt der Briefe nicht mehr die augenblickliche Wichtigkeit haben wird, werden wir manchen Gedanken und manches Problem erst richtig durchdenken und lösen können.

Du Liebste, ob ich Dich in der kommenden Woche überraschen werde? Die Anzeichen auf einen Kurzurlaub sind günstig. Über Tag und Zeit weiß ich zwar noch nichts Genaues. Du, wenn ich dann bei Dir bin, dann ist der erste Adventssonntag schon vorüber. Bei jedem Geschehnis im Ablauf des kommenden Jahres können wir dann schon sagen: im vorigen Jahr um diese Zeit. Diese Rückblicke sind etwas Feines, denn sie knüpfen so wunderbare Fäden vom Vergangenen zum Gegenwärtigen. Sie lassen so schön erkennen wie der Weg gegangen ist, und bei jedem überdachten Erlebnis und Geschehnis suchen wir nach dem Sinn für das Ganze. Das ist auch der Sinn jeglicher Erinnerung, daß sie die Mosaiksteine des einzelnen zum Bilde fügt.

Du, wir wollen den morgigen Sonntag in guten Gedanken füreinander begehen; denn sein Festinhalt und seine

Bedeutung in der Zeit sowohl im Allgemeinen wie für uns sind groß. So denke ich denn ganz innig an Dich, und unser Gebet soll ein gutes Tun sein für alles, das wir zu Gottes Herrlichkeit in unserer Gemeinsamkeit vollbringen wollen.

Dein August.