August Broil an Marga Ortmann, 5. Dezember 1943

Bremen, den 2. Adventssonntag.

Meine liebe Marga,

wie fein waren diese Stunden gemeinsamer Bahnfahrt. Als die Dämmerung immer tiefer wurde, hätte ich gewünscht, diese Fahrt in dem einsamen Abteil würde nicht enden. Zuerst haben wir Wichtiges und Gutes besprochen. Es war schön, so ungezwungen über all die Dinge zu plaudern, die uns bewegen. Manches davon mag nur das äußere Geschehen angerührt haben. Doch auch darüber freute es uns, zu sprechen. Haben wir doch immer wieder festgestellt, wie stark die Zusammenhänge zwischen Innen und Außen sind. Beide müssen stests in einem rechten Verhältnis zueinander stehen. Wir neigen ja sehr dazu, uns vom Außen ganz abzutrennen. In gewissem Maße ist das durchaus berechtigt, und zwar dann

wenn wir spüren, daß das Außen nur um seiner selbst willen da ist ohne Bezug zum Innen. Dann allerdings können und müssen wir darauf verzichten. Es ist dies die große Gefahr des Bürgertums, das Vielfach am Äußeren haftet ohne Bezug auf die inneren Zusammenhänge. Wir wollen darum das Hochfest unserer Gemeinsamkeit durchaus feierlich begehen, so feierlich, wie es den Umständen gemäß vertretbar ist. Wir wissen ja, daß diese äußere Feier dann nur das Zeichen der inneren Freude ist.

Nachher, als uns das Abteil allein überlassen war, hatte das Plaudern bald ein Ende. Als Du so neben mir saßest, eng an mich gelehnt, da durchfuhr es mich, wie stark und gut Dein Sehnen nach der innigen Gemeinsamkeit ist. Es machte mich so froh, daß ich Dir von ganzem Herzen Gutes und Schönes schenken konnte. Wie sich auch darin bei mir die Dinge gewandelt haben. Ganz ohne etwas dazu zu tun

haben sich allmählich die inneren Schwierigkeiten, von denen ich Dir oft zu verstehen gab, gelockert und haben einen starken und reinen Sehnen Raum gegeben. Weißt Du, Liebste, die Kämpfe, die ich in mir ausgetragen haben, betrachte ich nie argwöhnend oder zweifelnd. Sondern ganz ruhig und zuversichtlich habe ich den streitenden Kräften zugesehen, fast darauf vertrauend, daß die rechte saubere Haltung siegen würde. Es machte mich während der Stunden der Bahnfahrt so froh, daß ich Dir mit freiem, offenen Herzen so viel Gutes schenken durfte. Du Liebste, diese Bahnfahrt war doch vielmehr als ein paar Stunden längeren Beisammenseins. Sie war ein wundersamer letzter Auftakt zum Einswerden.

In Deinem Briefe, der schon hier war, als ich zurückkam, hast Du sehr fein die Adventsgedanken zu unserem Advent in Verbindung gebracht. So stark wie das Sehnen im Herzen der Menschheit

nach Erlösung von der inneren Not ist, so stark ist auch unser Sehnen nach jener Gemeinsamkeit, die auch zu unserem kleinen Teil beitragen soll zur Befreiung der Herzen von der Gebundenheit der Welt.

Gestern habe ich an Matthias und Lore in dem besprochenen Sinne geschrieben. Hoffentlich läßt sich unser Vorschlag verwirklichen. Über die Anzeige habe ich mir Gedanken gemacht. Es war gut, daß Du sagtest, den Ort der Trauung, also die Krypta, müßten wir mit hineinbringen. Und weil es die Krypta ist, darum ist es auch ganz wichtig. Über die Frage Dom oder Krypta habe ich noch öfter nachgedacht. Wir wollen wenn irgend möglich bei der Krypta bleiben; denn sie ist so vieldeutend in unserem jungen Leben.

Ich grüße Dich heute ganz herzlich mit diesem kleinen Brief und bin ganz

Dein August