August Broil an Marga Ortmann, 14. Dezember 1943
Bremen, den 14. Dezember 1943.
Meine liebe Marga.
Gestern bekam ich Deinen Brief vom Samstag, dem Du die beiden Hefte beifügtest. Beide habe ich einmal kurz durchstudiert und sehr viele gute Anregungen für unser Fest darin gefunden. Vor allem das Heft von Winterswyl geht so liebevoll auf die geheimen Zusammenhänge zwischen natürlichem und übernatürlichem Geschehen ein und zeigt die Verbindungen auf zwischen den Sakramenten, deren beider Gnaden wir an unserem Festtag teilhaftig werden sollen. Das Heft von Mogge dagegen gibt uns zahlreiche praktische Winke zur äußeren und inneren Gestaltung des Festes. Dazu habe ich mir auch noch einige Gedanken gemacht. Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr wünsche ich mir, diese ganzen Dinge gemeinsam mit Dir überlegen zu können. Ich habe für unsere Zeit und unseren Tag einen zu festen Plan im Sinn, und darum wünschte ich Dein wohl ebenso planendes aber gelockertes Wesen müßte dazukommen, um dem ganzen die rechte Mitte
zu geben. Es wird ja so sein, daß ich einiges, wenn auch wenige Tage vorher in Köln bei Dir sein werde. An diesen Tagen müßten wir das Genauere und ins Einzelne gehende besprechen können. Das würde gewiß das schönste Ergebnis zeitigen. Nur die Dinge, die nicht bis auf den letzten Tag warten können, weil sie von sich aus längerer Vorbereitung bedürfen, müssen wir mit Eifer jetzt schon erledigen. Den Eltern habe ich inzwischen geschrieben und ihnen unsere Absichten in großen Zügen mitgeteilt. Schorch’s habe ich eingeladen und Matthias hat zugesagt zu kommen, wenn er Urlaub hat. Eigentlich müßte es ihm möglich sein. Lore könne aus besonderen Gründen, von denen Du wüßtest, nicht kommen. Das Anschriften-Verzeichnis habe ich noch ein wenig erweitert. Die Eltern habe ich gebeten, es zu vervollständigen, weil ich die Anschriften unserer Angehörigen nicht genau kenne. Darüber ist Vater immer genau im Bilde.
Du liebe Marga, wenn ich mich auf unser Hochfest so vorbereiten könnte, dann wünschte ich mir jetzt eine zeitlang ganz stille Einsamkeit. Sie
müsste so beschaffen sein wie die schöne Stille, von der Du mir in Deinem Briefe über den Gang durch die Nacht erzählst. Je mehr ich mich in die Geheimnisse unseres Festes hineindenke, um so mehr kommt mir das Große, darin Verborgene zum Bewußtsein. Ich kann das Ungeheure garnicht fassen. Ich kann nur staunend und schweigend davorstehen und hingegeben das Große erwarten. Aber der Stunden der Einkehr und Stille sind wenige. Du sagst es so fein, daß Du die Ruhe bewahren mußt, um durch die äußere Hast die innere Sammlung nicht zu zerstören. Ja so ist es wirklich: Ganz innerlich tief gesammelt müssen wir sein. Es ist schwer, sie zu bewahren in der Tagesarbeit. Auch mir unter den Kameraden geht es oft so, daß die Gedanken durch die Gespräche weit abgelenkt zu werden drohen. Denn die Gespräche haben ja im allgemeinen ein niedriges Niveau. Krass und grell prallen die zwei Welten immer wieder aufeinander. Alles ziehen sie ins Niedrige und Häßliche, vor nichts schrecken sie zurück, sagen immer, daß es die Natur sei, die sie dränge und wollen nicht begreifen, daß sie gerade
der Natur Gewalt antun. Denn in der Natur hat alles seine Ordnung, sein Gesetz, das nicht überschritten werden kann. Der Mensch hat dazu noch das Gesetz der Freiheit. Er hat die Freiheit, die ihm überantwortete Natur in die rechte Ordnung zu setzen. So gibt es nie etwas Vollständiges, etwas Vollkommenes im Geschehen und in den Ereignissen der Welt, immer müssen wir zwischen den widerstrebenden Polen ausgleichen und den rechten Weg finden. Da komme ich wieder auf die Gedanken eines früheren Briefes: das rechte Maß zu finden ist die Kunst des Lebens im Leben jedes Einzelnen wie in der Gemeinschaft.
Meine liebe Marga laß mich nun mit diesem etwas nüchternen Gedanken Dich nicht länger belasten. Wir wollen uns zwei ihrer bewußt bleiben, aber sie jetzt auch an den rechten Platz verweisen. Jetzt gehts um unser großes Tun, dem wir mit der ganzen Kraft unsere liebenden Herzen uns widmen wollen.
Du Marga, ich grüße Dich so froh und bin so fest mit Dir vereint
Dein August.