August Broil an Marga Ortmann, 25. Dezember 1943

Bremen, am Weihnachtsfest 1943.

Meine liebe, gute Marga,

ich erlebe das erste Weihnachtsfest des Soldaten, das ich nur aus den Berichten von Freunden und Kameraden kannte oder aus den Schilderungen des geschriebenen Wortes. So vielfältig sind die Berichte und Schilderungen, von der stillen, erhebenden Feier eines einsamen Postens unter dem weiten, guten Sternenzelt, von fröhlicher Stunde zugetaner, anständiger Kerle und selbst von rauschverzerrtem, wüstem Rumoren plumper Trottel erzählen sie. Und nun erzähle ich Dir, meine Liebste, meine Soldatenweihnacht. Die Tage vor dem Fest gaben wenig Gelegenheit zu ernster tiefer Besinnung. Die Betriebsamkeit und Hast des Tages drohte sich auf das Fest auszuwirken. Noch am Vigiltage drängte die Arbeit bis in in die späten Stunden des Abends. Dann gingen die Kameraden alle weg, ich durfte auf der Stube allein sein. Die Tannenzweige lagen noch zwischen dem Soldatenhausrat auf dem Tisch. Im Büro lagen noch zahllose Briefe, die verteilt werden wollten. Ich mußte da noch Ordnung schaffen, bevor ich ich an mich

selbst denken konnte. Als die Sirenen gingen, dachte ich, daß es wohl gut so sei; denn die lärmenden Rekruten in den Stuben wurden zur Unterbrechung ihres unschönen Tuns gezwungen. – Jetzt eben ziehen sie wieder laut singend über die Flure – Als ich die Arbeit noch getan hatte – es war während des Alleinseins mit dieser Arbeit sehr still in mir geworden – nahte meine feine Stunde. Mit den Tannenzweigen schmückte ich die Stube ein wenig aus. Den schönen großen Zweig ließ ich auf dem Tische liegen. Nun wollte ich Dein sorgsam bewahrtes Weihnachtspäckchen öffne. Als ich es so vor mich hinstellte, nachdem ich die äußere Schnur gelöst hatte, meinte ich, es stände etwas von Dir selbst da vor mir. Behutsam hob ich den Deckel und faltete das weiße Papier auseinander. Da lag die weiße Weihnachtskerze so schlicht und rein auf dem dunklen Tannengrün, und ein weißes Band hattest Du darum geschlungen mit Deinen Händen; die Nadeln durchwirkten die weiße Seide des Bandes. Vor diesem zarten Bild der Kerze, des Grüns und des Bandes mußte ich ganz lange in Dankbar-

keit still sein und an Dich denken, Du Liebste. Ich wagte kaum, mit meinen Händen dies Bild hinwegzuheben. Ich tat es, um die Kerze anzünden zu können und ihr sanftes Licht zu schauen. Dann hielt ich das Buch in der Hand, das uns beiden nun gemeinsam gehört und uns in der Gemeinsamkeit viele feine Stunden bereiten wird. Und mit lieber Hand hattest Du mir viel Gutes bereitet. Dank der stillen, feinen Freude! Dann legte ich alles wieder zusammen. Und nun sollte eine Weile tiefen Friedens und guter Freude in mir sein. Die schlichte Kerze, das edle Dunkel des Tannengrüns auf dem blanken Tisch taten mir so wohl. Ich nahm den Meßtext vom Vigiltage hinzu und ließ meine Gedanken in das beglückende Weihnachtsgeheimnis eingehen: „Heute sollt ihr wissen: der Herr kommt, uns zu erlösen, und morgen sollt ihr schauen seine Herrlichkeit.“ und „Morgen wird getilgt die Bosheit der Erde, und herrschen wird über uns der Heiland der Welt.“ Welch herrliche Weissagung, welche beglückende Zuversicht liegt in diesen prophetischen Worten! Wie gelten sie gerade für unsere Tage, in denen die Welt wahrlich voller Bosheit ist. Es drängte mich

zu einem flehenden, ernsten Beten um die Gnade für Dich und für mich, für unsere Familien und unser Volk, daß doch wir alle die Bosheit der Welt von uns werfen können. So beschloß ich die feine glückliche Stunde.

Am anderen Morgen, dem Morgen des Festes konnte ich mit der Kirche den hohen Tag begehen. Die Diasporakirche war würdig und schlicht geschmückt. Im Dunkel kniend erwartete die Gemeinde den Einzug des Lichtes, das alle Finsternis durchdringt. Dem Priester voran schritt ein Meßknabe mit dem Lichte. Vor dem Beginn der Opferfeier kniete der Priester an der Krippe nieder und verharrte eine Weile in stillem Gebet. Als er zum Altare schritt, erleuchtete das helle Licht. Symbolhaft pries sein Glanz das Erscheinen des wahren Lichtes.

Im heiligen Opfer dachte ich mich ganz hinein in die Freude, die allen Menschen zuteil wird. Und ich dachte an unser gemeinsames Werk, das nun bald anheben will. Ich sang die frohen und jubelnden Lieder der Gemeinde mit, war ganz im Banne der schlichten Feier. Beglückt und still ging ich wieder zur Kaserne

zurück. Tief dankbar muß ich sein für die Gnade solch feinen, tiefen Erlebens der Festgeheimnisse.

Am Nachmittag kam Dein feiner Weihnachtsbrief zu mir, und er ließ mich spüren, wie nahe Du Dich trotz aller räumlichen Trennung mir fühlst, wie froh Du in den Gedanken des Weihnachtsfestes eine letzte gute Vorbereitung auf unser gemeinsames Fest empfindest. Deine Gedanken umspannen das weite fast unvorstellbar vielfältige Reich unseres gemeinsamen Lebens, dem wir mit unserem ganzen Menschsein verschrieben sein werden, nicht nur als Weggefährten, wie Du so richtig sagst. Wie groß ist das Werk, das der Herr in unsere Hände geben will, dessen weiten, gespannten Bogen wir aus eigener Kraft nich zuhalten vermögen. Immer tiefer werden wir uns hineinleben müssen in all die Geheimnisse, die unsere Gemeinsamkeit in sich begreifen wird, und die verborgenen Fäden, die vom einfachen, natürlichen Leben zu Ihm hinaufweisen werden wir ständig neu knüpfen müssen, weil das Leben mit all seinen Erscheinungen uns ständig neue Bewährung, neues Begründen in die eigenen und gemeinsamen Tiefen hinein-

abfordert. Ich so dankbar, daß nach allem, was meinem Leben bisher geschehen ist, der Herrgott mich so geführt hat, daß Du es nun sein wirst, die dieses Leben mit mir teilen wird. Es kann nur so sein, daß der Herrgott mehr von mir verlangt als ein einfaches, geruhsames, zufriedenes Leben, daß er Dich mir sandte mit Deinem heißen, liebenden Herzen, um mich näher zu Ihm zu führen, tiefer Seiner inne zu werden, aber auch Wahrheit und Klarheit, Tiefe und Echtheit und schließlich Opfer und Mühe von mir zu fordern. Du meine Liebste, wenn wir nun beginnen und wenn unsere Tage dann anheben die Gemeinsamkeit voranzuschreiten über Berge und durch Täler, dann wollen wir stets an die freudige Erkenntnis dieses Weihnachtsfestes denken, an dem Du mir sagtest, daß die Verwirklichung der Gloria Die für unser Leben das erste und letzte sein muß.

Meine Liebste, ich bin bald bei Dir. Freue Dich! rufe ich Dir zu; Laß jubeln Dein Herz, denn der Herr hat uns den großen Tag geschenkt.

Dein August.