Marga Broil an ihre Familie, 12. Februar 1945
Amelunxen, den 12. Febr. 1945.
Liebe Eltern, liebe Finni und Elisabeth!
Gestern Abend, als ich schon alles zur Heimfahrt in die Heide gerüstet hatte, und wir alle im Familienkreis still zusammen waren, standen plötzlich Bruno und Helene vor der Tür. Das war eine Freude, trotz aller Trauer. Und Bruno, mit seinem unverwüstlichen Humor, war gleich Herr der Lage und hat Mutter über manch schwere Stunde hinweggeholfen. Bruno erhielt die Nachricht von Vaters Tod in Ungarn kurz nachdem er verwundet wurde (Splitter im Rücken) und bekam daraufhin Urlaub. Ob es wohl noch gelingt, daß August auch noch kommt? dann wäre die Familie ja mal wieder zusammen, seit unserer Hochzeit zum ersten Mal. Aber es wird wohl kaum möglich sein und so werde ich Mittwochmorgen von hier fortfahren. Wenn August später dann noch Urlaub bekommen sollte, werde ich schon wieder nach hier kommen können.
Von Leni habe ich wieder etwas mehr von Köln und den Verhältnissen dort erfahren, und ich bin so froh darum, denn dadurch kann ich mir eher vorstellen wie es Euch, Ihr Lieben ergehen mag. Ich habe in den Tagen hier oft mit dem Gedanken
gespielt, wieder mal zu Euch zu fahren, da es hier ja fast nur halb so weit ist als von der Heide aus, und als Leni nun mit Bruno nach hier kam, kam es noch stärker in mir auf. Aber die beiden raten mir davon ab, da die Schwierigkeiten zu groß sind, eine solche weite Fahrt „auf Stottern“ zu unternehmen. Und ich würde dadurch ja auch die Frist zur Einreichung der Papiere bei der Lehrerbildungsanstalt versäumen, so heißt es wieder sich bescheiden, hoffen und warten, bis uns eine bessere Stunde ein Wiedersehen schenkt. Einmal muß doch diese bittere Zeit, in der wir in Zerstreuung und Bedrohung leben müssen, vorübergehen. Wie werden wir dann erst uns mit doppelter Dankbarkeit der neugeschenkten Gemeinsamkeit erfreuen. Gerade wenn man so wie ich, lange Zeit hindurch ganz auf sich gestellt war und alles Zusammensein mit den Lieben entbehren muß, spürt man so stark, wie sehr wir doch miteinander verbunden sind, wenn es uns im täglichen Zusammensein früher auch garnicht so bewußt war. –
Zwischen dem Beginn dieses Briefes und heute liegen die Tage, die ich mit August zusammen sein durfte. Nun ist also doch Wahrheit geworden, was ich kaum zu hoffen
wagte. Ständig sind wir in der Fremde, stets abhängig von den schwierigen Verhältnissen der Umgebung. So gerne möchte man dem Soldaten ein klein wenig Heimat bieten in den kurzen Urlaubstagen, in denen die wirklich gemeinsamen Stunden so selten sind. Wir nehmen sie voll Dank entgegen. 2 Tage u. Nächte habe ich für die Rückreise gebraucht; zu Fuß, per Pferdekarre, Lastwagen, Eisenbahn, und sogar im Privatwagen eines Majors war sie mehr wie erlebnisreich. Kurz vo dem Ziel in Uelzen war gerade ein Angriff auf die Bahnstrecke und so liege ich im Augenblick auf freier Heide und hoffe noch eine Möglichkeit zu finden, auch die letzten 20 km noch zu bewältigen. Die letzten 2 Stunden Fahrt im Auto durch die Heide, die im Sonnenschein so recht in Frühlingserwartung lag, waren ganz herrlich. Begierig nimmt das Auge alle die ihm gebotenen Schätze in sich auf. Ja, wir müssen uns das Auge offen und das Herz wach halten für solche Schönheiten, denn sie entschädigen uns für all die Belastungen, die uns der Krieg auferlegt. Das Flücht-
lingselend, das mir auf der Fahrt überall begegnet ist, greift ans Herz. Ach, welch namenloses Elend hat der Krieg doch über die Menschen gebracht. Ob das Maß nicht bald voll ist! In der letzten Zeit haben die Tiefflieger hier auch ihr Unwesen getrieben. Wie mag es da erst bei Euch sein? Ich hoffe so sehr darauf, daß ich in Reinsdorf Post von Euch vorfinde.
Hoffentlich ist August auf seiner Rückfahrt zur Saarfront (er liegt unmittelbar bei Zweibrücken) auch so gut weitergekommen wie ich, denn trotz aller Bewernisse habe ich doch noch viel Glück gehabt. Ob wohl unser nächstes Wiedersehen unter anderen, friedlicheren Umständen stattfinden kann? Möchte es doch ein Urlaub auf immer, ohne Abschied werden!
Ich grüße Euch recht herzlich aus der Freude, die mir durch diese Tage wieder geschenkt wurden, und möchte auch Euch so gern ein wenig froh wissen.
Eurer Marga.
Leni habe ich ein Päckchen mit Speck für Euch mitgegeben u. in dem Brief geschrieben, daß Ihr alles aus Broils Wohnung an Euch nehmen mögt, was Ihr irgendwie brauchen könnt. Mutter wird wohl vor allem an
dem Bügeleisen interessiert sein und alles Eingemachte, im Keller.