Marga Broil an „Rosemi“, 23. Januar 1945
Reinstorf, den 23. Januar 1945.
Meine liebe Rosemi!
Eben bekam ich Deinen lb. Brief aus Bansin, der mir endlich gute Nachricht von Hanni brachte. Ich hab mir schon so viel Sorge um sie gemacht. Du hast wirklich alles gut überlegt, hoffentlich ist Hanni so vernünftig und macht die weite Reise erst dann, wenn sie sich wirklich wieder ganz gut fühlt. Ach, so gerne hätte ich sie noch ein paar Tage hier gepflegt, denn daß der RAD nicht gerade eine Sache zum Erholen ist, wissen wir zur genüge.
Hoffentlich hast Du liebe Rosi, die große Fahrt und ihre vielfältigen Gefahren gut überstanden. Es wäre ja beruhigender gewesen, wenn Ihr in Mitteldeutschland irgendwo zum RAD gekommen wäret. Nun seid auch Ihr im Westen der ständigen Bedrohung wieder ausgesetzt. Besonders für Hanni, die in allem noch empfindsamer ist als Du, wird das wieder schwer werden. Aber der Herrgott hat uns bisher in so vielfältigen Gefahren beschützt, Er wird uns auch weiterhin in Seiner gütigen Obhut behalten. Vielleicht ergibt sich so für Euch auch leichter die Möglichkeit mal mit den Eltern in Verbindung zu treten. Die einzige Möglichkeit dazu, die uns aus der Ferne noch möglich war, der Brief, wird uns ja jetzt auch noch genommen. Es wird für uns alle schwer werden, auch darauf noch verzichten zu müssen. Eben las ich es in der Zeitung und so will ich heute am späten Abend die letzte Möglichkeit noch nutzen, Dir ein Wort zu schicken. Schließlich bleibt uns nur noch das Gebet und die Gedanken, das aber wird uns niemand nehmen können. Wenn ich am Abend in meiner kleinen Kammer vor dem von August selbstgezeichneten Kreuz mein Abendgebet verrichte, dann gilt Euch nach August ein besonderes Gedenken und ich schicke Euch über die Ferne hinweg ein kleines Kreuzzeichen. Möge es all meine guten Wünsche zu Euch hintragen und Euch das vermitteln, was das Kostbarste für uns ist, den Segen und die Gnade des Herrn. Aus uns vermögen wir nichts, das ist mir gerade in den Prüfungen dieser Zeit so recht bewußt geworden, aber wenn Er mit uns ist dürfen wir sprechen: Ich kann alles in Dem, der mich stärkt.
Wenn uns die Teilhabe am gnadenhaften Geschehen unserer Kirche auch nicht so oft möglich ist, wie wir es gerne möchten, „der Geist Gottes weht ja, wo Er will“ und wird Sich uns nicht versagen, wenn wir Ihm nur in Bereitschaft unser Herz auftun. Im RAD wird es Euch genau so ergehen wie mir hier, daß Euch durch das dauernde Zusammensein mit anderen Menschen keine Möglichkeit und Gelegenheit zum Gebet bleibt. Aber auf die Gesinnung kommt es ja an, und der Herr, der in die Herzen der Menschen schaut, weiß, daß wir gerne mehr tun möchten, wenn wir es könnten. So laßt, trotz aller äußeren Einschränkung, keinen Tag vorüber gehen, ohne in Gedanken sich dem Herrn zugewandt zu haben. Man muß darin erfinderisch sein, das Warten in Geschäften und Ämtern, das Fahren in der Straßenbahn und eine Arbeit der Hände, die nicht viel Überlegung erfordert, bietet täglich Gelegenheit zu guten, besinnlichen Gedanken. Und am Abend, wenn wir uns zur Ruhe legen, soll unser letzter Gedanke ein Gebet sein; das läßt sich immer noch ermöglichen, auch bei der größten Müdigkeit. Und vergeßt vor allen Dingen unsere himmlische Mutter nicht. Wo die irdische Mutter nicht mehr für Euch sorgen kann, die himmlische wird es für sie richten, und wenn sie ihre Mutterhände über uns hält, können wir nicht verlorengehen.
Liebe Rosemi, sieh‘ diese Worte bitte nicht als „Moralpredigt“ an, sie kommen nur aus tiefstem Herzen; denn dazu sind wir doch einander gegeben, daß wir einander helfen und aufrichten. So manches Wort lieber Freunde und vor allem das der Lieben der Familie hat mir hier in der Einsamkeit und dem Leid um den Verlust unseres Winfried Trost und Freude gebracht.
Wie gut war es doch, daß wir in Bansin die Tage so gut beieinander sein durften, sicher war es den Eltern auch eine Freude, als Du davon berichtet hast. Oft denke ich noch an die schönen Stunden zurück und die Probleme, die wir angeschnitten haben, haben mich noch oft beschäftigt. Die Erwägung an den Ausspruch aus dem Faust: „zu große
Forderung ist verborgener Stolz“ hat mich noch öfter beschäftigt und hat mich zu der Erkenntnis gebracht, daß wir uns doch mehr über die Beweggründe unseres Denkens und Tuns Rechenschaft geben müssen. Oft denken wir, etwas Gutes zu tun und in Wirklichkeit ist es Stolz und Geltungsdrang, der uns dazu veranlaßt. Möchten unsere Absichten doch stets so lauter und rein sein, daß sie so wie sie sind offenbar werden könnten. – Wir sind in die Gemeinschaft der Menschen hineingestellt und wollen da unseren Platz ausfüllen und mag uns geistig vielleicht auch eine weite Kluft von ihnen trennen, wir wollen uns dennoch nicht von ihnen absondern, sondern versuchen mit ihnen zu leben und unser Werk an ihnen zu verrichten.
Und laße mich doch immer wissen, wie es mit Euch steht. Wenn wir auf einer Karte auch nur im Telegrammstil schreiben können, es läßt sich ja auch zwischen den Zeilen lesen und sollte mal etwas besonderes sein, so schreibt es bitte an August, der es ja an mich weiterleiten kann. Wenn dieser Weg auch etwas länger dauert, es ist immer noch eine Möglichkeit der Verständigung.
Heute habe ich eine Bewerbung an die Lehrerbildungsanstalt in Höxter i. Westf. geschickt. Wenn ich dort angenommen werde, werde ich doch noch 3 Monate einen Lehrgang mitmachen, bevor ich eingesetzt werde. Hoffentlich klappt es. Von den Eltern Broil habe ich jetzt auch Nachricht. Else hat am 18.12. einen kleinen Bruno bekommen, so hat Mutter Broil doch wenigstens einen neuen Enkelsohn.
Liebe Rosemi, sei mir nun von Herzen froh gegrüßt. Bewahrt Euch die Freude und Kraft eines kindlichen Gemütes, das eine so große Kraft ist im Dunkel dieser Tage. Im Gebete wollen wir einander gedenken und so über alle Trennung hinweg vereint bleiben.
In herzlicher Verbundenheit
Deine Marga.