Marga Broil an ihren Mann August, 10. Dezember 1944

8. Reinstorf, am 2. Adventsonntag
8/I.45

Mein lieber August,

schon ist die erste Woche des Advents verstrichen, die ganz unter dem ernsten Gedanken des ersten Evangeliums stand, das uns zu Beginn des Kirchenjahres auf die zweite Ankunft des Herrn hinweisen sollte, zu der unser ganzes Leben ein einzig großer Advent ist. Wenn uns diese Gedanken zutiefst ergriffen haben, dann müßten wir so leben und jeden neuen Tag, jede Stunde und ihre Möglichkeit so erfassen, als ob es unsere letzte wäre, als ob allein von ihr unser Heil abhängig wäre. Gerade unsere Zeit mit ihrer beständigen Bedrohung könnte diese Annahme allzu leicht Wirklichkeit werden lassen, und die Folgerung daraus ist darum für uns auch bindender als für andere Zeiten. – Ich weiß nicht, wie der Ernst dieser Worte in Deinem Soldatentag hineinklingen mag, ob die Last seiner Pflichten sie nicht erdrückt. Wir Christen müssen ja auch diese Dinge ernster nehmen als die anderen und es war mir eine Freude zu sehen, wie ernst Du sie nimmst. Den Pflichten des Berufes, des Platzes in der Gemeinschaft des Volkes, auf den wir gestellt sind – so auch Dein Soldatsein – haben mir den berechtigten Raum in unserem Tag, in unserem Innern einzuräumen. Werden diese berechtigten Forderungen überschritten, sodaß sie die Erfüllung der größten Pflicht des Menschen, seine Hinwendung zu Gott, unmöglich machen, dann müssen wir sie freilich in ihre Schranken weisen. Ich meine, das wäre auch gegenüber den Forderungen, die

das Soldatsein an Dich stellt, zuweilen nötig. Gilt nicht auch in der Beziehung das Wort, daß man Gott mehr gehorchen muß als den Menschen? Versteh‘ mich recht, ich meine nicht, daß wir daraus eine Berechtigung zur Vernachlässigung der Pflicht herleiten dürfen, sondern die Bewahrung der rechten Rangordnung der Dinge und der heiligsten Bezirke des Menschenlebens für das Eigentliche und Letzte. Wir dürfen nie vergessen, daß alles andere nicht Selbstzweck ist, sondern diesem Letzten zu dienen hat. Diese Erkenntnis bewahrt uns davor in der Einsicht der natürlichen Sinnlosigkeit unseres Tuns, daß wir uns der Pflichten entledigen, noch daß wir sie übersteigern zu einem Wert, den sie in Wirklichkeit nicht besitzen. Mein August, ich weiß wie schwer es für Dich sein mag, als Soldat in diesen Dingen das Rechte zu tu. So gerne möchte ich Dir dabei helfen und wenn meine armen Worte es auch nicht vermögen, meine Liebe und mein Gebet kann es gewiß. Alles dient ja nur dem Verlangen, „daß wir eines Sinnes seien und einmütig mit einem Munde Gott den Vater verherrlichen“ wie es in der heutigen Lesung, (Paulus Römer 15, 4-13) heißt. Wenn das ganz allgemein von uns als Glieder der großen Gemeinschaft der Kirche gilt, wieviel mehr denn von uns beiden, die uns die innigste menschliche Gemeinsamkeit verbindet. Auch die letzten Worte der Lesung schienen mir wie eigens für uns gesagt: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit jeglicher Freude und mit Frieden durch den Glauben, damit ihr überströmet von

Hoffnung und von der Kraft des Heiligen Geistes.“

Ja, mein lieber August, möge uns die Fähigkeit zu einer wahrhaft christlichen Hoffnung erhalten bleiben – trotz allem. Die Schwere der Ereignisse möchte uns manchmal zur Preisgabe jeglichen Hoffens, zur Resignation mit dem Leben führen – das „Stur-werden“ der Soldaten, das bezeichnender Weise zunächst die geistig-seelischen Bezirke erfaßt, liegt ja in dieser Richtung und auch die Fragen in Mariannes Brief, ob wir nicht jeden Anspruch auf Glück aufgeben sollten, gehören hier hin. Können uns da die Worte des Apostels nicht richtungweisend sein, denn die Geschehnisse des eigenen Lebens oft genug Anlaß zur Aufgabe jeder Hoffnung hätten sein können? „Der Gott der Hoffnung…“ Gott selbst, die allmächtige Liebe, ist der Garant unserer Hoffnung, und wenn wir sie in Einklang bringen mit Seinem heiligen Willen, so wird dieser auch die kühnste unserer Hoffnungen mit Seiner allmacht noch zu überbieten vermögen. Diese unsere Hoffnung umschließt nicht nur die Belange der Seele, das unvergängliche, ewige Leben, sondern auch unseren Weg dahin, unser irdisches Leben in seiner scheinbaren Verlorenheit.

Mein Liebster, können wir zum Fest der Geburt des Herrn, dem wir so bald wirder entgegensehen, einen schöneren Wunsch füreinander im Herzen tragen als den des Apostelwortes? Hoffnung, Freude, Friede aus dem Glauben und Kraft des Heiligen Geistes, wie sehr bedürfen wir dessen, um diese Tage der Prüfung recht zu bestehen!

Nun müssen wir beide unsere Sonntage ohne das eigentliche sonntägliche Geschehen begehen. Ich lese am Morgen die Gebete der Kirche aus dem Scholl und suche die geistige Gemeinschaft mit dem Opfer, das der Herr an irgend einem Ort in dieser Stunde dem Vater darbringt. Wenn uns alle äußeren Möglichkeiten genommen sind, diese geistige bleibt uns immer noch, denn „der Geist Gottes weht ja wo Er will“, wo sich nur ein Menschenherz Ihm in Bereitschaft auftut. Und das wollen wir jetzt in den adventlichen Tagen und erst recht am Tag Seines Kommens, da sich Seine gnadenreiche Geburt neu in uns vollziehen soll.

Ich habe in diesen Tagen manchmal an die Adventsrunde denken müssen, die wir beide gemeinsam vor 2 Jahren den Freunden gestaltet haben. Wir haben den Gang der Menschheit durch die Geschichte verfolgt und ihre Sehnsucht nach dem Erlöser aus den Worten der Berufenen gehört. Scheint unsere Zeit Sein Kommen nicht nötiger zu haben als alle früheren, da sie selbst das Bewußtsein ihrer Erlösungsbedürftigkeit verloren hat? Möge sie den Menschen aus der Not und dem Leid des Krieges neu erstehen, damit der Herr ihre Herzen bereit finde zu Seinem Kommen. Liebster, mit dem Wunsch um die Gnade der guten Hoffnung für Dich will ich heute meinen Gruß beenden. In frohem, innigen Gedenken

Deine Marga.