Marga Broil an ihren Mann August, 28. November 1944

2. Ülzen, den 28. November 1944.
27/2.45.

Mein lieber August.

Welch ungeheure Fülle des Erlebens liegt zwischen der Stunde des Wiedersehens am frühen Morgen in dem kleinen freundlichen Zimmer in Flerzheim und der Stunde des Abschieds am Sonntagabend hier auf dem Bahnsteig! Seit Du von mir fortgegangen bist drängen sich mir die Erlebnisse dieser Zeit, all unserer gemeinsamen Tage mit solcher Eindringlichkeit auf, daß ich garnicht weiß, wo ich zuerst verweilen soll. Alle Höhen und Tiefen unseres Seins, alle Licht- und Schattenseiten unseres Wesens sind uns mit neuer Klarheit aufgeleuchtet. Ach August, laßt uns von Herzen dankbar sein für diese kostbare Zeit, die gewiß für unser ganzes Leben entscheidend ist. Wir durften das Glück der Harmonie des Zusammenklangs unserer Empfindungen und Gedanken verkosten und auch oftmals die Unterschiedlichkeit unserer Einstellung, bedingt durch die persönliche Veranlagung und Lebenserfahrung, erkennen. Wenn ich so rückblickend all diese Tage überdenke, die Vielfalt des Geschehens und Erlebens, läßt sich eigentlich garnichts allgemein gültiges darüber sagen. Es war Leben, zutiefst erlebtes Leben mit all seinen Stufen und Schwankungen von Glück und Leid, Freude und Schmerz. Ja, wir haben allen Grund dankbar dafür zu sein, und wenn auch der Dank zunächst dem Herrn gebührt, aus dessen hand wir alle Geschicke unseres Lebens entgegennehmen, so gilt er doch auch Dir, Liebster, denn durch Dich sind sie mir so geworden,

wie sie waren, genau so wie ich sie Dir gestalten durfte. Ach August, ich bin Dir besonders dankbar dafür, daß Du mich nicht allein zurückgelassen hast, daß wir uns einander geschenkt haben in den schönsten Stunden des Einsseins. Dieses Einswerden beharrt ja nicht nur im Bereich des Körperlichen, sondern umschließt den ganzen Menschen mit Leib und Seele, Verstand und Willen, Herz und Gemüt. Dieser Gedanke ist für mich so beglückend und trostreich, denn die Liebe und Sehnsucht kann sich nicht nur auf das Eine oder Andere beschränken, sie will alles umfassen, und wie sie grenzenlos ist in der Hingabe, so ist sie es auch im Verlangen. Wie die Zeit Deines Fernseins, so waren auch die gemeinsamen Tage ein einzig großes Warten auf Dich und wenn diesem Warten Erfüllung ward in Wort, Blick und Gebärde, dann war alle Traurigkeit aus meinem Herzen gebannt und es war mir oft unfaßbar wie vor dem Glück dieses Erlebens alles Leid, alle Sorge versank. Manche Stunde wurde mir aber auch schwer und hart, weil ich spürte, daß etwas in Dir vorging, an dem Du mich nicht teilnehmen lassen konntest, zu dem Dir die Worte versagten. Aus dem Blick Deiner Augen und Deinem Verhalten hätte ich sie auslösen mögen aus Deinem Innern, aber die Liebe und Ehrfurcht vor den letzten Tiefen Deines Wesens hielten mich zurück. Alles in mir verlangte danach Dir zu helfen, wie ich selbst Deiner Hilfe so sehr bedurfte, aber es sollte nicht in der unmit-

telbaren Teilnahme durch die Vermittlung des Wortes geschehen; ich mußte mich bescheiden auf die Hilfe, die sich alleim im Bereich der Seele vollzieht und damit alle anderen Bereiche umschließt: das Gebet. Wenn alle sonstigen Möglichkeiten des Füreinander-Daseins erschöpft und genommen sind, diese Möglichkeit bleibt uns immer noch, und es tut not, daß sie uns bleibt, denn die Liebe drängt zu einem Tun, in dem sie sich auswirken kann. So wollen wir diese Möglichkeit ergreifen und festhalten, mein lieber August, gerade jetzt, wo uns das Alleinsein so schmerzhaft berührt, und in allen Begebenheiten, die unser noch warten. Wir wollen uns ihres Ernstes nicht verschließen, sondern ihnen klaren Blickes entgegensehen.

Mein Liebster, wenn meine Gedanken und meine Sehnsucht jetzt zu Dir hingehen, dann gehen sie zu dem Bild, das in unseren gemeinsamen Tagen in mir erstanden ist, das so manche Linie mehr enthält als das frühere. Das Soldatsein, die Zeit des Feldzuges, sind nicht spurlos an Dir vorübergegangen, sie haben manche Veränderung in Dir bewirkt, positiv und negativ. Aber meine Liebe schließt all diese Veränderungen mit ein, ob glückhaft oder schmerzhaft, und es ist so schön, dessen täglich neu inne zu werden. So oft habe ich Dir das schon zu sagen und zu denken versucht, wie sehr ich Dich lieb habe und was meine Liebe zu Dir in mir bewirkt, aber es reicht alles nicht an ihre Wirklichkeit heran. Ihre Macht ist so groß, daß sie mein Wesen umgestaltet. Das geschieht ja ohne mein Zutun, ohne irgendein Verdienst, das Einzige, das ich von mir aus tun kann ist, daß ich mich ihrem

Wirken vorbehaltlos anheimgebe. Man kann sie nur tragen und leben wir das Leben selbst, in der demütigen Haltung des Beschenkten, dessen Aufgabe es ist, Sein Geschenk zu hüten und zu wahren.

August, wenn ich jetzt am Abend allein zur Ruhe gehe – ich bin wieder in Reinstorf – dann werden die Erlebnisse unserer schönsten Stunden so hell in mir wach. Vor allem die erste Nacht nach Deiner Rückkehr aus Köln, die uns das gewähren konnte, zu dem das Zusammensein vorher nur Vorspiel war. So wie wir uns da einander zu eigen geben durften, soll es auch jetzt in der Zeit der Trennung bleiben. Ich weiß, daß ich mir nicht mehr gehöre, sondern Dir; genau so wie Du das Besitzt[..] Deines Lebens mir in die Hände gelegt hast. So will ich fortan mein Leben hüten „als besäße ich es nicht“ ich will es gleichsam nur verwalten für Dich und bitte Dich, es ebenso zu tun. Du, ich glaube das wird uns eine besondere Kraft sein die Zeit der Trennung, die uns in so mancher Weise zur Prüfung wird, recht zu bestehen. Jeden neuen Tag, der uns wird, wollen wir darauf ausrichten und am Abend soll uns ein besonders herzliches Gedenken verbinden. So werden all unsere Tage, trotz der Ferne, die uns trennt, Zeit der Gemeinsamkeit, ohne die ich mir mein Leben nicht mehr denken kann.

Mein Liebster, komm laß mich Dir auch jetzt wieder ganz nahe sein und still einen Kuß auf Deinen Mund drücken

Deine Marga.