Marga Broil an ihren Mann August, 9. Dezember 1944
7. Reinstorf, den 9. Dezember 1944.
Mein lieber August,
war das gestern ein schöner Tag für mich, der Festtag der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter. Es war noch dunkle Nacht als ich mich auf den Weg nach Bodenteich machte, um mit dem ersten Zug nach Ülzen zu fahren. Es goß wieder vom Himmel hoch und das Gehen war mehr ein Waten von einer Pfütze zu anderen. Jeder Ganz zum Gotteshaus ist hier in der Diaspora eine Wallfahrt, die man sich schon etwas kosten lassen muß. Daheim in unserem „heiligen Köln“ war uns das alles ja fast zu leicht gemacht. Wir konnten uns die Kirche aussuchen, deren Raum uns am meisten ansprach; ob der Priester die Gestaltung des Gottesdienstes mehr oder weniger gut verstand, die Weite des Weges und sogar der Wunsch einmal länger schlafen zu können, konnte berücksichtigt werden. Hier ist das alles anders. Die Möglichkeit, an dem erhabenen Geschehen des Opfers teilnehmen zu können, nehmen wir einfach als Geschenk entgegen; was uns sonst gestört haben würde, die äußere Gestaltung, das Singen, die Art der Predigt, lassen wir so stehen wie es ist, ohne daran Kritik zu üben. Vor dem Beginn des Opfers war ich noch eine ganze Zeit allein im dunklen Gotteshaus, nur das kleine rote Lichtlein brannte. Es ist mir immer wie ein Zu-Hause-Sein, wenn ich so vor dem Altar knien darf, und ist es nicht gerade für uns, die wir die irdische Heimat verloren haben, ein köstlicher Gedanke, daß es überall in der Welt für uns
eine Stätte gibt, wo Einer unser wartet, um uns reich beschenkt wieder hinauszusenden. Außer mir wohnten nur zwei alte Mütterchen der Messe bei. Sie haben ihr Lebenswerk getan und nun ist ihre einzige Tat das Gebet. Ob sie damit nicht mehr für sich selbst und die anderen Menschen vollbringen als mancher „Tatenmensch“ auf der Höhe des Lebens, der in seinem äußeren Tun verharrt? – All die bewegten Gedanken der letzten Tage habe ich an diesem Morgen vor den Herrn gebracht. Endlich waren dann alle eigenen Worte ausgelöscht und ich gab mich nur dem Bewußtsein hin, vor Gott zu stehen, in Seiner heiligen Gegenwart mein Dasein bergen zu dürfen. Welche Ruhe geht da in die Seele ein. Ich war so froh darum, mich ihr so ganz hingeben zu dürfen, ohne auf die schwindende Zeit achten zu müssen. Du, ich glaube Du kannst garnicht verstehen, was das für mich bedeutet, habe ich doch miterlebt, wieviel Zeit in solch einem Soldatentag zwischen den Händen zerrinnen kann. In meinem Leben daheim war das so anders, eins war noch nicht geschehen, dann wartete schon ein Neues auf mich. Freilich setze ich auch jetzt meinem Tag ein Ziel und lasse die Zeit nicht ungenutzt verstreichen, aber es geschieht doch nicht in der Hast und unter dem äußeren Zwang, dem harten Muß, wie bisher, sondern ist aus der Freiheit des eigenen Wollens gesetzt.
Im Pfarrhaus habe ich dann mit dem Kaplan, einem recht eifrigen Arbeiter im Weinberg des Herrn, ein gutes Gespräch geführt. Es tut doch gut „katholische Luft“ zu
atmen. Wenn meine Lehrerinnensache akut werden sollte, kann er mir darin vielleicht behilflich sein. Eine junge kath. Lehrerin aus Hamburg hat durch ihn Anstellung in Ebsdorf gefunden. wo alle 14 Tage Gelegenheit zur Messe ist. Aber einstweilen wollen wir die Frage noch mal offen lassen, bis uns Gewissheit wird über meinen körperlichen Zustand. Wenn es so sein sollte, daß uns wieder ein Kindlein geschenkt wird, dann wollen wir alles andere danach ausrichten, denn gegenüber dem Wachsen unserer Familie und dem Werden eines neuen Menschenlebens ist alles Übrige zweitrangig.
Als ich dann gestern abend den Heimweg von Bodenteich aus antrat, da war es draußen so wie in meinem Herzen. Alles Frühe und Traurige war gewichen. Die Luft war so mild, der Weg trocken und über mir wölbte sich der Sternenhimmel in solcher Klarheit und Pracht, wie ich ihn selten gesehen habe. Immer wieder mußte ich staunend betrachtend stehen bleiben, und ich hätte gewünscht der Weg sei noch lange nicht zu Ende. Auf dem Arm trug ich Deinen Soldatenmantel. Was hätte ich darum gegeben, nicht nur das Kleid, sondern den Menschen bei mir zu haben, zu dem meine ganze Sehnsucht ging. Vielleicht hast auch Du in dieser Stunde einen Blick zum Sternenhimmel hinauf getan und dabei einen Gedanken an mich gefaßt, wie so viele von mir zu Dir gingen. Weißt Du, mein Liebster, solches Denken an Dich ist durch das Erleben unserer gemeinsamen Tage ernster, wissender und darum auch
drängender und hingebender geworden als früher. Du, wenn es wahr ist, daß ich früher allzu egoistisch war in meinem Denken und Tun, so hat die Liebe zu Dir alles, was selbstsüchtig an mir war, ausgelöscht. Wenn es von der Nächstenliebe heißt, sie solle so groß sein wie die Liebe zu sich selbst, die Gattenliebe übersteigt diese Forderung. Sie drängt zur Hingabe und Aufgabe alles Eigenen an den Geliebten und es wäre ein Verlieren, eine Preisgabe, wenn es nicht an den Einen geschähe, dessen Liebe die beste [..]-Gewähr für die Bewahrung des Hingegebenen und Geschenkten ist. Nur die Liebe zu Gott, die eine Liebe „über alles“ sein soll, vermag die Gattenliebe zu überschatten, obgleich diese schon ganz dicht an deren Grenze heranreicht.
Mein lieber August, nur der Herrgott weiß, wie lieb ich Dich habe. Täglich neu erflehe ich mir dieses kostbare Geschenk von Ihm und bitte, daß Er es stets zu Deinem Heil in unserer Gemeinsamkeit wirken lasse möge.
Liebster, so nimm mich auch heute wieder ganz hin, so wie ich Dir gehöre, denn ich bin und bleibe
Deine Marga.