Marga Broil an ihren Mann August, 5. Dezember 1944

4. Reinstorf, den 5. Dezember 1944.

Mein lieber August,

so manches Wort unserer Freunde hat in diesen Tagen zu mir hingefunden und jedes war mir wie ein lieber Besuch von daheim. Georg schreibt: „Euer junger Bund muß reich gesegnet sein, da der Herr Euch soviel Anteil gibt an diesem Zeitgeschehen.“ Aus diesen Worten leuchtet doch die eigentlich christliche Auffassung von Leid und Not: nicht nur Belastung darin zu sehen, sondern Gnade, Segen, Begegnung mit Dem, der alles Leid auf seinen unschuldigen Schultern getragen hat und dem wir durch unser Leid nahe kommen dürfen. Ist das nicht die schönste Aufgabe der Gemeinschaft der Liebe und des Geistes, der kleinsten, innigsten vom Ich zum Du, wie wir beide sie miteinander haben dürfen, und auch der größeren, weiteren mit den Freunden, daß wir einander aufrichten und ausrichten zu jener tiefsten Quelle unserer Kraft?

Elisabeth Muches wird mit der Familie in Ostpreußen ausharren so lange es geht. Ihre Lieben in Deutz haben auch alles verloren, sie selbst war lange krank, Gelenkrheumatismus, ihr Bruder ist in Kroatien vermißt.

Von Lore bekam ich Post aus Warstein i. Westf. Sie wollte nicht allein sein mit den Kindern, wenn das Ende kommt. Matthias hat aus russ. Gefangenschaft geschrieben, so ist Lore froh mit ihren Kindern, trotz der primitiven Verhältnisse, in denen sie nun leben muß. Die Wohnung ihrer

Eltern und auch ihre eigene ist in Dortmund ausgebombt. Sie schrieb, wenn sie gewußt hätte, daß ich in die Heide gekommen wäre, wäre sie in Großburgwedel geblieben.

Aus all diesen Briefen geht hervor, wie tief das große Geschick des Krieges in das Geschick des Einzelnen eingreift und es tut so gut zu spüren, wie alle aus der gleichen Schule des Geistes und des Herzens heraus versuchen, mit der Schwere des Geschickes fertig zu werden, ja noch etwas Heilsames für sich selbst und alle, die durch die Gemeinschaft des Blutes und der Gesinnung mit ihnen verbunden sind, zu wirken. Die Menschen, die glauben, durch ihr religiöses Leben, durch ihr Gebet, ein Anrecht auf Schonung von allem Schweren zu haben, sehen die Dinge ganz falsch. Ich glaube vielmehr, daß gerade wir es sein müssen, die die Hefe des Leidenskelches dieses Krieges zu trinken haben, da auch wir es sind, die das Übermaß der Gnade erhalten haben. Diese Überzeugung ist in diesen Tagen so stark in mir lebendig geworden, daß ich garnicht mehr darum bitten kann, daß das Leid und das Schwere von uns fern bleibe, sondern nur darum, daß der Herr uns nicht mehr auferlege, als wir zu tragen fähig sind. Und aus eigener Kraft vermögen wir doch garnichts, das habe ich wohl jetzt zum ersten Mal so eindeutig erfahren. Ich habe mir selbst sonst wohl immer zu viel zugetraut, körperlich und seelisch und nun, da so Schweres über mich gekommen ist, der Heimgang unseres Kindes, da habe ich die ganze unendliche Ohnmacht so recht erkannt, daß es mir wie dem sinkenden Petrus zu Mute war, den die Wellen

nicht mehr tragen wollten: Herr hilf mir, sonst geh ich zu Grunde! Wie gut hast Du verstanden was in mir vorging, als Du am Abend in Neheim-Hüsten so gute Worte für mich fandest, da die ganze Schwere des Geschehens wieder über mich kam. Ach Liebster, wie wohl hast Du mir damit getan, denn es wurde mir bewußt, daß ich mit all dem ja nicht alleine stand, sondern daß Du bereits warst es ganz mit mir zu tragen. Und das ist doch das tiefe Sehnen meines Herzens, alles mit Dir teilen zu können, Deine und meine Freude, und daß erst recht auch das Leid des Einen auch des anderen Leid werde. Daß sich dieses Zwei-in-einem-Sein in unserer Gemeinsamkeit immer mehr vollziehe, geistig wie körperlich, das ich doch der Sinn all unseres gemeinsamen Tuns. Noch nie haben wir so sehr Gelegenheit dazu geabt wie in den nun verflossenen gemeinsamen Tagen und weil die Möglichkeit im wirklichen Zusammensein für uns so selten ist, - in unseren Gedanken und Briefen haben wir sie ja immer – darum waren sie mir besonders kostbar und ich war nur bestrebt sie recht zu nutzen. Als ich im Dunkel Ülzen verließ – ich bin morgens um 5 h gefahren – bin ich eine Strecke weit wieder den Weg gegangen, den wir in der letzten Stunde unseres Zusammenseins gemeinsam gemacht haben. Es war doch gut, daß Du noch einmal zurückkommen konntest, denn es wäre mir doch sehr schwer geworden, wenn der Abschied am Morgen der letzte geblieben wäre. Wie fühlte ich mich geborgen, da Du meinen Arm in den Deinen hieltst, und so wird mich meine Liebe zu Dir

stark machen für alles, was noch von mir gefordert wird.

Ich wollte heute nur ein wenig mit Dir plaudern aber über dem Schreiben gehen meine Gedanken, wie so oft in diesen Tagen, wieder in unsere gemeinsamen Stunden zurück. Alles Glück und alle Schwere dieser Stunden läßt sich in Gedanken so gut vergegenwärtigen. Es ist gut, daß sich alles so tief in mein Gemüt eingesenkt hat, denn wer weiß, wie lange wir noch davon zehren müssen. – Wenn ich mich nun abends allein zur Ruhe lege, dann denke ich daran wie schön es war, als wir es gemeinsam tun konnten, und ich frage mich, wo Du Dich wohl zur Ruhe legen wirst. Wo es auch sein mag, auch in der größten Gefahr, wird mein Gebet und das Zeichen des Kreuzes, das ich Dir jeden Abend über den Raum der Trennung hinweg hinausschicke, Dich erreichen. Gib Dich nur voll Vertrauen in seine segnende Hut hinein und laß keinen Tag vergehen, ohne einen Aufblick zu Dem getan zu haben, der Deine Seele und Deinen Leib auch in der größten Gefährdung in der Hand hält. Ich weiß, daß Dein eigen Herz Dich dazu treibt, aber laß es geschehen, daß auch das zweite Herz, das Dir gehört – das Meine – Dir davon spricht.

Mehr kann ich Dir heute nicht sagen, Herr Meyer ist mit seinem „Schnacken“ unermüdlich.

Liebster, sei mir von ganzem Herzen froh gegrüßt

Deine Marga.