Marga Broil an ihren Mann August, 3. Dezember 1944
3. Am 1. Adventsonntag 1944.
27/2.45
Mein lieber August!
Wieder stehen wir am Anfang eines neuen Kirchenjahres und damit auch am Beginn eines neuen Jahres unserer Gemeinsamkeit, denn all unsere Jahre werden mit den Jahren der Kirche kommen und gehen. Das Geschehen des Krieges hat uns gelehrt alles, auch das Erleben der Zeiten und Feste der Kirche, ernster, innerlicher und geistiger zu begehen als früher. Die sinnvollen Bräuche der Volkstradition haben sich im Laufe der Zeit allzusehr in den Mittelpunkt geschoben und den Blick auf das Eigentliche und Wesentliche versperrt. Wir aber sind mit solcher Unerbittlichkeit auf das Wesentliche hingewiesen worden, wie es eindringlicher garnicht geschehen konnte. In all dem, was wir erleben mußten, ist uns die ganze Fragwürdigkeit und Vergänglichkeit alles Irdischen aufgegangen und läßt die Sehnsucht nach dem Umwandelbaren und alleinbleibenden, das uns im Herrn verkörpert und garantiert ist, mit stärkerer Gewalt in uns aufbrechen als je. So sind uns die flehenden Worte der Adventliturgie, die uns heute zum ersten Mal wieder begegnen, mit ihrem inbrünstigen Verlangen so recht aus der Seele gesprochen: „Zu Dir erhebe ich meine Seele, mein Gott auf Dich vertraue ich; denn all die vielen, die auf Dich warten, werden nicht enttäuscht.“ Komm o Herr, komm! in vielerlei Wendungen dringt dieser Sehnsuchtsruf durch alle Lieder
und Gebete, die uns so lieb und vertraut sind in diesen vorweihnachtlichen Tagen. Wenn ich bedeute, was all die schweren Erlebnisse der letzten Zeit in mir bewirkt haben, so ist es vor allem eine stärkere Hinwendung zu Gott, die mich ganz in ihren Bann zieht und das große, allgemeine Anliegen des Advents zu meinem eigenen, persönlichen Anligen macht. Möchte doch das Leid und die Not unserer Tage in allen Menschen das Gleiche bewirken, vor allem aber in der Seele, deren Heil mir mehr am Herzen liegt als das eigene: in Dir, Du mein Liebster. Laßt uns doch gemeinsam in diesen Tagen das Kommen des Herrn erflehen und uns Ihm bereiten! Laßt uns doch die Not und Beschwernis, die uns gemeinsam betroffen hat, auch in der gemeinsamen Hinwendung zu Gott die Auswirkung geben, in der sie allein vor Gott Bestand haben und unserem Heile dienstlich sein kann. Ach August, wie sehr verlangt es mich danach, Dich in der gleichen Ausrichtung zu wissen, und wie schwer ist es mir in den gemeinsamen Tagen geworden, daß Du von Dir aus so wenig dazu getan hast, mir dieses Wissen zu vermitteln. Obwohl das liebende Herz in ehrfürchtiger Scheu die zartesten, verborgenen Tiefen des geliebten Herzens zu ertasten vermag, wartet es doch auch auf die bewußte Hingabe des Anderen, wie im physisch-leiblichen Bereich, so auch im geistig-seelischen. Ich weiß, daß Du dieses mein Warten und seine Äußerungen recht verstanden hast, und dennoch war es Dir nicht möglich ihm in dem Maße zu entsprechen, in dem es seine beglückende Erfüllung gefunden hätte. Mein Liebster,
ich kann nicht anders, als mit ganzer Offenheit zu Dir kommen, wie im wirklichen Zusammensein so auch jetzt im Brief; und darum muß ich Dir auch von der Bedrückung sagen, die Dein Schweigen mir auferlegt hat.
Zwar in den Stunden, in denen uns das tiefste, innigste Band menschlicher Gemeinsamkeit vereinigte, war alle Beschwer von mir genommen und ich nahm dies Geschenk Deiner Liebe hin für alles; wenn ich aber alleine war, wurde mir bewußt, daß die Sehnsucht der Seele noch nach Erfüllung rief und dazu auch der Hingabe des Geistes durch das Wort bedurfte. War damit mein „Anspruch auf Glück“ zu groß und meine Forderung an Dich zu schwer, so habe ich mich in diesen Tagen oft gefragt. Aber da fielen mir die Worte ein, die Du mir selbst einmal geschrieben hast in dem großen, bekennenden Wort nach unserem Pfingstfest: „Es kann nicht sein, daß Du in Geduld immer nur warten sollst, bis eines Tages vielleicht, jedoch nie gewiß, mir die innere Freiheit geschenkt wird, leicht zu sprechen, sondern Du kannst Letztes von mir fordern … und wir müßten mehr lernen, das Letzte rückhaltlos herzugeben und all diese Dinge nicht nur zu schreiben sondern auch zu sagen, wenn die fragenden Augen des anderen davorstehen.“ Es ist uns beiden nicht gegeben, leicht zu sprechen, obwohl die Hingabe an den anderen uns dazu drängt, und ich weiß, daß auch in Dir das Verlangen dazu ist, obwohl das Vermögen ihm nicht entsprechen konnte. Wie froh hat es mich gemacht als Du zu mir sagtest: Tausend Dinge wollte ich noch mit
Dir besprechen. Ja, und ich habe gespürt, daß es auch Dir schwer wurde es nicht so zu können wie Du gerne mochtest. Wie gut war es darum und wie dankbar müssen wir dafür sein, daß uns jenes innigste Band der Gemeinsamkeit umschlingen konnte, dessen Sprache mehr zu sagen vermag als alle Worte des Mundes, das alle Möglichkeiten liebender Hingabe in sich vereinigt. Wir wollen das Glück, das uns damit geschenkt wurde, recht tief in uns wirken lassen, auch jetzt noch, da wir wieder räumlich voneinander getrennt sind. Und der Brief muß jetzt wieder die Brücke sein über den Raum der Trennung hinweg und da wollen wir alles hineinzulegen versuchen, wozu die Liebe uns drängt. Halte Dein Herz wach und bewahre Deinem Gemüt das zarte Empfinden für die feinen Fäden, die von mir zu Dir und von Dir zu mir gehen wollen. Ich weiß, wie schwer das zuweilen für Dich sein mag, habe ich doch durch das längere Zusammensein mit Dir und den anderen Soldaten einen tieferen Einblick in das Soldatenleben tun können, als alle Worte es mir vermitteln konnten. Weil dadurch mein Verständnis größer geworden ist für all die Schwierigkeiten, die Dir täglich begegnen mögen, ist auch meine Sorge gewachsen und mein Gebet für Dich inniger geworden. Immer wieder drängt sich mir die Bitte auf, daß Dein Herz sich durch all die Geschehnisse und Erlebnisse doch nicht verhärten möge, daß es uns gelingen möge das innere Gleichgewicht und den Gleichmut zu erlangen, mit dem wir allein all das Schwere zu überwinden vermögen; und daß der Grundton unserer
Haltung nicht eine verborgene Bitterkeit in sich schließt, - eine Bitterkeit gegenüber dem uns auferlegten Geschick und gegen Den, der das Geschick jedes Einzelnen und das der Völker in Seiner Hand hält – sondern die Bereitschaft zur Ergebung in sich schließt. Wir wollen uns dem Leid und all dem Schweren, das uns betroffen hat und vielleicht unser noch harrt, nicht verschließen, sondern uns ihm öffnen und es mit seiner ganzen Schwere in uns aufnehmen. Es kommt ja nicht von ungefähr auf uns zu, um uns zu quälen sondern wir müssen auch darin unmittelbar die Forderung Gottes an uns erkennen, mit dessen Gnade wir gerade darin unser Heil wirken sollen. Manchen Menschen ist es gegeben ganz schlicht in solchen Situationen zu sagen: wir sollen uns den Himmel damit verdienen! Glaubst Du, ich möchte diese Menschen manchmal beneiden, sie haben es leichter als wir. Aber mit dem Grad der Erkenntnis wächst auch der Grad der Forderung und wir wollen um die Gnade bitten, der Forderung an uns recht zu entsprechen.
Mein August, wenn ich nur das Wort an Dich richte, dann drängt sich mir gleich eine solche Fülle von Gedanken auf, daß ich garnicht weiß, wie ich ihrer Herr werden soll. Aber auch von den äußeren Dingen muß ich Dir erzählen, wie sie mich hier umgeben. Seit demTag Deines Fortgangs, es ist nun schon eine Woche her, ist es Winter hier geworden. Morgens sind die Bäume und Sträucher und jedes Gräslein mit Reif überzogen. Der Sturm rüttelt des Nachts heftig an dem alten Schieferdach und ich liege lange in der kleinen Kammer wach und denke daran, wie diese herbe Melodie
unsere schönen gemeinsamen Stunden begleitet hat. Familie Meyer ist nach wie vor recht lieb zu mir und ich finde manche Gelegenheit mich im Hause nützlich zu machen. Zeit zum Alleinsein und zum Brief an Dich bleibt mir dabei kaum, weil ich mich bei dem kalten Wetter ja nur in der Stube aufhalten kann. Aber das hast Du ja auch nicht anders und ich bin recht zufrieden, daß ich noch hier sein kann.
Mein lieber August, seitdem wir miteinander auf dem Wege sind, hat der Beginn des neuen Kirchenjahres auch uns stets vor einem neuen Beginnen gefunden: Die ersten, zaghaften Anfänge unserer Gemeinsamkeit fielen in diese Zeit; voriges Jahr war der Advent im schönsten Sinne unser Advent, die Bereitung auf den Beginn zu voller, letzter Gemeinsamkeit.
Inzwischen haben wir die ganze Tiefe und beglückende Kraft dieses vollen Menschenlebens, des Zwei in Eins-Seins erfahren dürfen, glückhaft und leidvoll, und nun soll uns all dem Erlebten und Erfahrenen wieder ein neues, gemeinsames Beginnen erstehen. Wir Menschen sind ja unser ganzes Leben lang auf dem Wege, stets vorwärtsstrebend und neu beginnend. So muß es auch unsere Gemeinsamkeit sein, die unser beider Leben umschließt und zu einem einzigen Leben werden läßt. Ob dieser Advent auch den Advent eines neuen Menschenlebens in sich birgt, das unserer Liebe Segen ist? Wir wissen es nicht und wollen dies, wie alles was diese Zeit und die künftige uns bringen wird, dem Herrn anheimstellen, in dem festen Vertrauen, daß alles, was Er uns schickt, gut ist. Ich grüße Dich Liebster ganz herzlich
Deine Marga.